Wenn er über seine Eltern spricht, kommen Detlef Klingenhäger die Tränen. Seine Mutter arbeitete beim nationalsozialistischen Sicherheitsdienst, sein Vater kam als polnischer Zwangsarbeiter nach Deutschland, beide verliebten sich ineinander. Im Januar 1946 schreibt Johann Maciejko an die schwangere Thea Klingenhäger: „Ertrage alle Deine Leiden mit Geduld, denn Du kannst beruhigt sein, nie würde ich von Dir ablassen, denn was ich einmal eingebrockt habe, will ich auch mit Dir zusammen auslöffeln.“ Am 25. Juni 1946 kommt Detlef Klingenhäger zur Welt. Trotz Zeugung und Geburt nach dem Kriegsende ist die Beziehung zu Maciejko für die Familie der Mutter unhaltbar. Die Ausgrenzung endete nicht mit dem Untergang des NS-Regimes. 1947 wandert sein Vater in die USA aus, Detlef wird ihn niemals kennenlernen.
Klingenhäger ist einer von zwanzig Projektteilnehmern des in den Jahren 2023 und 2024 von der Gedenkstätte Lager Sandbostel realisierten Forschungs- und Ausstellungsprojekts mit dem Titel „Trotzdem da!“. Acht Biographien von Kindern, die aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern hervorgingen, wurden für die Wanderausstellung genauer erforscht. In einer reduzierten Version ist sie nun erstmals in Frankfurt zu besuchen.
Betroffene erhielten erstmals die Möglichkeit, sich auszutauschen
Für Detlef Klingenhäger bleibt eine Frage: Wie wäre sein Leben wohl mit seinem Vater verlaufen? Eine Antwort wird er nicht mehr finden können, einzig der Austausch mit anderen Betroffenen hilft ihm. Lange hatte er keine Möglichkeit, über das Erlebte zu sprechen. Das Projekt hat ihm und den anderen Teilnehmern die Möglichkeit gegeben, sich auszutauschen. Durch Recherchen des Ausstellungsteams konnten sogar Verwandte im Ausland ausfindig gemacht werden. Überhaupt wurde hier erstmals systematisch historisch zu Biographien von Kindern aus verbotenen Beziehungen geforscht. Es handelt sich um ein Thema, das sowohl gesellschaftlich als auch in der Forschung lange vernachlässigt wurde und abseits der großen Aufarbeitungsthemen stand.

Das liegt auch an der Natur der Sache: Oftmals wissen die Kinder gar nicht, dass sie aus verbotenen Beziehungen stammen, etwa weil sie bei Adoptiveltern aufgewachsen sind, die ihnen ihre eigentliche Herkunft verschwiegen oder ihnen verboten haben, weitere Nachforschungen anzustellen. Der zwölfjährige Anton Model entdeckte in einem Nachttisch Unterlagen über seine Adoption und seine leibliche Mutter Warga Taran, die nach dem Krieg zurück in die Ukraine ging. Sein Vater lebte nach der Kriegsgefangenschaft ganz in der Nähe, hatte sich jedoch nie auf die Suche nach ihm gemacht. 1984 erkannte er die Vaterschaft an, knapp zehn Jahre später fand Anton Model seine Mutter in der Ukraine.
Etwa dreizehn von zwanzig Millionen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern setzte das NS-Regime im Deutschen Reich ein. Gut sichtbar für die Gesellschaft arbeiteten sie in der Industrie, im Handwerk oder auf Bauernhöfen in der Landwirtschaft. Zunächst hegten die Nationalsozialisten ideologische Vorbehalte gegen den „Ausländereinsatz“, spätestens nach Kriegsbeginn stellte sich die Zwangsarbeit jedoch als notwendig für das Regime heraus. Jeglicher Kontakt zu deutschen Männern oder Frauen war kriminalisiert, wer dagegen verstieß, dem drohte die Todesstrafe.
Wie viele Kinder sind aus diesen Beziehungen entstanden?
Auch die deutsche Bevölkerung wurde vor dem Kontakt mit ausländischen Arbeitskräften gewarnt. Die Androhung von Zuchthausstrafen oder öffentlichen Zurschaustellungen sollte den „Schutz der Wehrkraft“ sichern. Wurden Frauen in Zwangsarbeit schwanger, wertete es das Regime als „Sabotage im Arbeitseinsatz“. Die Kinder wurden abgetrieben, zwangsadoptiert oder in „Ausländerkinder-Pflegestätten“ verbracht, in denen die Sterblichkeit wegen gezielter Vernachlässigung bei bis zu 90 Prozent lag.
Doch Beziehungen zwischen Menschen lassen sich nur schwer verhindern. Gerade auf dem Land, wo die Zwangsarbeiter auf den Höfen bei den Familien lebten, konnte der Kontakt – der von freundlichen Gesprächen über das gemeinsame Essen bis zu romantischen Beziehungen und sexuellen Kontakten reichte – weder ausgeschlossen noch überprüft werden. Wie viele Kinder aus solchen Beziehungen hervorgegangen sind, lässt sich bis heute nicht sagen.
Betritt man die Ausstellung, schauen den Besucher einige dieser Kinder direkt an. Sie sind in den Jahren 1943, 1944 oder 1946 geboren und heute Senioren. Das Kuratorenteam unter der Leitung von Lucy Debus hat eine Ausstellung entworfen, die den ehemals Ausgeschlossenen einen Platz in der Gesellschaft gibt. Die Stelen mit den großformatigen Fotos erzeugen das Gefühl, dass die Porträtierten gleich neben einem sitzen oder stehen. Während sie früher geheim gehalten, schikaniert oder ausgegrenzt wurden, lassen sich jetzt ihre Geschichten und die ihrer Eltern auf den Stelen nachlesen. QR-Codes führen zu etwa zehnminütigen Interviews.
Bei der Ausstellungseröffnung am vergangenen Freitag konnten selbst kurzfristig herbeigeschaffte Bierbänke nicht jedem Besucher einen Sitzplatz ermöglichen. Einzig ein Platz blieb leer. Eine der Stelen zeigt kein Porträt, sondern einen leeren Stuhl mit der Überschrift: „Das unbekannte Kind“. Diese Leerstelle steht für die Unwissenheit vieler Kinder über ihre Herkunft, aber auch für die Scham vieler Eltern, die ihre Geschichte lieber verschwiegen. Viele dieser Geschichten werden womöglich niemals erzählt werden. Einige aber lassen sich jetzt in den Adlerwerken und bis in das Jahr 2028 in vielen weiteren Städten erfahren.
Trotzdem da! Kinder aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen. Frankfurt, Geschichtsort Adlerwerke, bis zum 16. August. Der Katalog kostet 24 Euro.
