Sogar Emmanuel
Macron mischte sich in die Debatte ein. Als Frankreichs Staatspräsident bei der
sechsten Etappe der Tour de France zu Gast war, sprach er auch mit der großen
französischen Tour-Hoffnung, dem 19-jährigen Paul Seixas, aktuell Vierter der
Tour-Gesamtwertung. Mehrere Medien berichteten anschließend, Macron habe Seixas
eindrücklich geraten, seinen Vertrag bei Decathlon CMA CGM zu verlängern. Der
talentierteste Franzose soll auch bei einem französischen Team fahren.
Doch das
könnte sich bald ändern. Selbst für ein finanzstarkes Team wie Decathlon CMA CGM dürfte es schwer werden, Seixas zu halten. Die französische Mannschaft ist
die Koalition eines Sportartikelherstellers (Decathlon) und eines
Logistikunternehmens (CMA CGM). Gemeinsam sollen beide Firmen 45 Millionen Euro
pro Jahr investieren. Andere Teams können Seixas, dessen Vertrag noch bis Ende 2027
läuft, mehr Gehalt bieten. Das Wettbieten hat bereits begonnen. Das Team Pinarello Q36.5, das gar nicht zur World Tour, also der ersten Radsportliga zählt, möchte ihn mit einem Jahresgehalt von 13 Millionen Euro zu sich locken.
Seixas selbst sagte
der ZEIT kurz vor dem Tourstart: »Ich kann dazu nur sagen, dass ich einen
Vertrag habe. Und dass ich ihn zu erfüllen gedenke.« Was von außen an ihn
herangetragen wird, versuche er zu ignorieren. Decathlon habe ihm zudem noch
keinen neuen Vertrag angeboten.
Am
begehrten Seixas zeigt sich die Zweiklassengesellschaft des Pelotons. Einen solchen
Fahrer, der womöglich mal die Tour de France gewinnen wird, können sich nur
ganz wenige Teams leisten. Der Großteil der 23 Mannschaften, die bei der Tour
antreten, kann die Rundfahrt nicht gewinnen. Sie müssen sich andere Ziele setzen, das Bergtrikot oder wenigstens einen Etappensieg. Geld radelt eben doch ins Gelbe
Trikot.
Realistische Chancen darauf
haben nur vier Teams, die jeweils über ein Jahresbudget von um die 60 Millionen
Euro verfügen sollen. Während sich die meisten anderen Teams gar keinen Topfahrer leisten können, leisten sie sich zum Teil gleich mehrere. Neben Netcompany Ineos, dem Team des Toursiegers von 2019 Egan Bernal, das
aktuell allerdings nach einem Fahrer wie Seixas sucht, sind das: UAE Team
Emirates-XRG, Visma-Lease a Bike und Red Bull-Bora-hansgrohe. Diese drei Teams
belegen folglich auch die ersten drei Plätze in der Weltrangliste: UAE hat 2026
bereits 57 Erfolge eingefahren, Red Bull folgt dahinter mit 34 Siegen, Visma
kommt auf 30.
UAE leistet
sich nicht nur den slowenischen Topstar des Radsports, Tadej Pogačar, der aller
Voraussicht nach am Sonntag zum fünften Mal die Tour gewinnen wird und jährlich acht Millionen Euro verdienen soll. Pogačars
Kronprinz, der Mexikaner Isaac del Toro, liegt aktuell auf Platz drei der
Tour-Gesamtwertung. UAE baut den 22-Jährigen als Nachfolger Pogačars auf, auch
er verdient entsprechend großzügig. Und obwohl UAE auch noch das insgesamt
beste Team der Welt stellt, hat es Seixas bereits Avancen gemacht.
Der neue Reichtum von Red Bull-Bora-hansgrohe
Genau wie
Richard Plugge, der Besitzer des niederländischen Teams Visma-Lease a Bike.
Plugge betonte unlängst, Seixas könne bei ihm nicht nur herausragend verdienen,
sondern vor allem in einem Umfeld reifen, das als besonders innovativ gilt und
die trainingswissenschaftliche Avantgarde im Fahrerfeld ist. Bei Visma steht
der zweimalige Toursieger Jonas Vingegaard unter Vertrag. Er lag bis zu seinem sturzbedingten
Ausscheiden während der 15. Etappe auf Platz zwei.
Diese
Position nimmt nun der teure Neuzugang von Red Bull-Bora-hansgrohe ein: Remco
Evenepoel. Für ihn bezahlte das Team von Manager Ralph Denk eine hohe
einstellige Millionensumme als Ablöse – was nur sehr selten vorkommt im
Radsport-Business. Evenepoels Gehalt entspricht dem von Pogačar. Den Vertrag des
deutschen Tourdritten aus dem Vorjahr, Florian Lipowitz, verlängerte das Team
im Vorjahr »zu deutlich besseren Konditionen«, wie Denk im Dezember mit
sichtbarem Stolz verkündete. Wie lange Lipowitz’ Vertrag läuft, ist wie bei
Evenepoel geheim.
Denk hatte
sich noch vor ein paar Jahren beklagt, die Finanzstärke der Teams UAE, Ineos
und Visma erdrücke sein Team. »Die haben so viel Geld, da kommen wir nicht
mit«, sagte er am Rande einer Pressekonferenz zwei Tage vor dem Start der Tour de France 2019. Woraufhin er eine Obergrenze für Jahresbudgets forderte, »20
Millionen Euro« waren sein Vorschlag. Doch vor zwei Jahren stieg Red Bull bei
Denks Team ein. Seitdem gehört Red Bull-Bora-hansgrohe zum erlesenen Kreis der
Teams, die ums Gelbe Trikot fahren.
Ralph Denk
glaubt zudem, der Weltverband UCI lasse noch einiges an Geld liegen. Er hat
Ideen, wie man noch mehr Geld einnehmen könne. »Wir haben oft Rennen, die sich
überlappen. Das wäre so, als würde die Formel 1 an einem Wochenende einen Grand
Prix in Monaco und einen in Silverstone ausrichten. Es wäre schön, wenn die
besten Profis im Idealfall an jedem Wochenende oder auch im Rhythmus von zwei
Wochen gegeneinander antreten würden.« Das generiere mehr Interesse.
Tatsächlich trafen Pogačar, Vingegaard, Evenepoel und Lipowitz in diesem Jahr
erstmals bei der Tour aufeinander.
Auch bei
der Vermarktung sieht Denk Verbesserungsbedarf. Er spricht sich für eine
zentrale Vermarktung aus. »Jeder Veranstalter hat andere Werbebanden verkauft.
Da sind uns andere Institutionen wie die Fifa, die Uefa oder das IOC deutlich
voraus. Eigentlich haben wir mit der World Tour ja schon eine Serie.
Kurioserweise aber kocht jeder Veranstalter in Bezug auf die Vermarktung ein
Stück weit sein eigenes Süppchen.« »Insgesamt«, sagt Denk, »sehe ich
Riesenpotenzial darin, den Radsport lukrativer zu machen.« Und auch seinen Etat noch
größer.
