Aus den Häftlingszellen des Lukiškės-Gefängnisses im Herzen der litauischen Hauptstadt Vilnius dröhnen heute E-Gitarren-Sounds. Sie mischen sich mit dem aufgeregten Gewusel einiger Touristengruppen, die sich durch die düsteren Gänge schieben. Bis vor wenigen Jahren schritten hier noch die Wärter auf und ab. Durch die panoptische Architektur mit Aussichtsturm in der Mitte konnten die Wächter die Zellen beobachten, ohne dass die Gefangenen dies selbst bemerkten. Ein Ort totaler Überwachung. Heute bieten einige der ehemaligen Wärter selbst Führungen durch das mehr als 115 Jahre alte Gefängnis an, das unter dem Namen „Lukiškės 2.0“ mit neuen Erfahrungen überschrieben werden soll.
Seit seiner Schließung 2019 wird das Gebäude von Hunderten Künstlern wieder belebt – im Sommer finden hier Raves statt; Musiker und Maler nutzen die alten Zellen als Proberäume oder Ateliers. Im Atrium flackert rötliches Licht in einer Bar, die an diesem Tag von zwei jungen Studentinnen betrieben wird. Man muss den Kontrast erst verdauen, wenn man wenige Momente davor noch einen Spaziergang durch die pittoreske Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und hübschen roten Dächern gemacht hat. Denn austreiben lässt sich der Geist dieser Haftanstalt, die wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen und furchtbaren Bedingungen bekannt war, bis heute nicht.

Erbaut wurde das Lukiškės-Gefängnis in der Zarenzeit 1904. Es galt als eines der modernsten und teuersten seiner Art im Russischen Reich, ausgestattet mit eigenen Toiletten in den Zellen, Duschräumen und Ventilatoren. Der Komplex beherbergt auch die orthodoxe Kirche St. Nikolai, deren Kuppel schon von der Ferne aus sichtbar hinter den mit Stacheldraht umsäumten Mauern hervorragt. Doch nicht nur wegen seines Interieurs galt das Gefängnis als modern: Die Häftlinge sollten – sofern ihre Taten nicht zu schwer waren – durch Isolation, Religion und Arbeit resozialisiert werden.
Die Geschichte des Gefängnisses spiegelt Litauens Weg durch Zarenherrschaft, Weltkriege und den Terror der Sowjetunion bis hin zur Unabhängigkeit des Landes wider. Dass das Gebäude am Ende zu einem kulturellen Ort transformiert wurde, sehen vor allem viele junge Litauer als symbolisch an. „Ich sage den Menschen, die ich durch das Gefängnis führe, immer: Wir sollten unsere Freiheit zu schätzen wissen. Sie ist ein rares Gut“, sagt Emilija Bistrovaité, eine junge Frau, die mehrmals in der Woche durch das Gefängnis führt. Sie kennt sie alle, die Geschichten aus dem Lukiškės, und sie erzählt sie lebhaft.
Unter den wechselnden Herrschern über Vilnius wurden in Lukiškės politische Häftlinge gefangen gehalten. Einer der prominentesten unter ihnen war Jonas Vileisis, einer der Verfasser der litauischen Unabhängigkeitserklärung, der dort unter deutscher Besatzung im Ersten Weltkrieg inhaftiert war. Die sicherlich dunkelsten Zeiten durchlebte das Lukiškės während des Zweiten Weltkrieges. Tausende Juden aus dem Ghetto Wilna wurden während der deutschen Besatzung im Lukiškės gefangen gehalten und zur Massenhinrichtung im Wald von Paneriai, einem Vorort von Vilnius, gebracht. Während der sowjetischen Okkupation vor und nach der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg hielt der sowjetische Geheimdienst NKWD dort politische Gefangene fest.
Niemand ist Lukiškės je entkommen
Niemand sei Lukiškės je entkommen, erzählt Bistrovaité vor den Gefängnismauern. Fluchtversuche habe es etliche gegeben. Die Kulisse inspirierte auch Filmschaffende; einige der fiktiven Gulag-Szenen aus der Serie „Stranger Things“ sind hier entstanden. Schauspielerin Winona Ryder weigerte sich aber, in einer der Zellen zu drehen – auch wenn das Gefängnis schon nicht mehr in Betrieb war, hat sie die Atmosphäre nicht ausgehalten und beharrte darauf, den Raum nachbauen zu lassen. „Einen letzten Gefangenen gibt es übrigens noch hier in Lukiškės“, erzählt Bistrovaité und führt zu einer Zelle. Hinter den Gittern blickt man in das Gesicht von Wladimir Putin. Eine Pappfigur.
Im fünften Jahr nach dem Beginn der russischen Offensive wehen ukrainische Flaggen an den Häuserfassaden in der Altstadt von Vilnius. Der Krieg ist in Gesprächen mit den Menschen des Landes anwesend – wenn man danach fragt, ist von Notfallplänen die Rede, ob fliehen oder bleiben, sollte sich der Krieg ausweiten. Anfang Februar 2025 hatte die litauische Hauptstadt einen umfassenden Evakuierungsplan veröffentlicht. Vilnius liegt nur 40 Kilometer von der litauisch-belarussichen Grenze entfernt; im Westen grenzt das Land an die russische Exklave Kaliningrad.
Die kulturelle Neubestimmung Litauens nach der Unabhängigkeit
Architektonisch wirkt die Stadt wie ein Übergang zwischen Ost- und Westeuropa: Historische Bauten neben Jugendstil, Moderne, Funktionalismus und Sowjet-Architektur. Die Nationale Kunstgalerie in Vilnius am Fluss Neris ist ein besonders imposantes Beispiel sowjetischer Museumsarchitektur – nüchtern und streng mit seinen rechteckigen Kuben, liegt es eingebettet in die Uferlandschaft, gut sichtbar von Fluss- und Stadtseite. Ab 1980, als das Gebäude fertiggestellt wurde, befand sich darin das Museum der Revolution der LSSR. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde es zum Kunstmuseum. Seit seiner Wiedereröffnung nach einer langen und aufwendigen Restaurierung 2009 ist es als moderne Nationalgalerie für litauische Kunst des 20. und frühen 21. Jahrhunderts wiedereröffnet worden – eine Transformation, die auch die kulturelle Neubestimmung Litauens nach der Unabhängigkeit widerspiegelt.

Das zeigt sich auch in der Sammlung selbst, die sich weniger auf einzelne große Namen der litauischen Kunst konzentriert, sondern mehr die kunsthistorischen Brüche unter dem Einfluss von Besatzung, Widerstand und Unabhängigkeit thematisiert. Und doch sticht ein Werk heraus, von dem man den Blick nicht abwenden kann, das vor 1940 entstandene Selbstbildnis in Öl der Jüdin Hadassa Górewicz-Grodska. Sie kam vermutlich beim Massaker im Wald von Paneriai ums Leben. Es ist eines der wenigen Bilder der beeindruckenden Malerin, die gerettet wurden.
Mehrere Generationen in Vilnius haben eine oder zwei sowjetische Besetzungsphasen erlebt, 1940/41 die erste, die zweite von 1944 bis 1990. In den Gesprächen mit jungen Menschen, die die Zeit vor der Unabhängigkeit nur aus den Erzählungen der Älteren kennen, schwingt oft eine Art rebellischer Stolz mit. Es wundert nicht, dass der World Happiness Report 2024 der Vereinten Nationen die litauische Jugend unter dreißig Jahren zur glücklichsten der Welt kürte. Läuft man abends durch die mittelalterliche Altstadt, mit ihrer Mischung aus Gotik, Klassizismus, Renaissance und Barockbauten längst UNESCO-Weltkulturerbe, scheint festzustehen: Diese Stadt gehört den Jungen. In den vergangenen zehn Jahren seien viele, die zum Studieren ins Ausland in Städte wie London oder Paris gegangen sind, wieder zurückgekehrt, erzählt Gintarė Kavaliūnaitė von der offiziellen Tourismus- und Wirtschaftsagentur der Stadt.
Den Kindern geht es besser als ihren Eltern
Es gehe ihnen besser als der Elterngeneration. Wie andere ehemalige Ostblockstaaten durchlebte Litauen nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit einen schweren wirtschaftlichen und sozialen Umbruch; auch in Vilnius sanken die Lebensbedingungen, die Kriminalität nahm zu. Doch die chaotischen Zeiten nach der letzten Okkupation in den Neunzigerjahren, als die Mafia das Leben der Stadt mitformte, sind lange vorbei. Nach Einbruch der Dunkelheit hat man in Vilnius wenig zu befürchten; auch am späten Abend kann man getrost durch die Literatų-Straße schlendern, die ihren Namen zu Ehren des Dichters Adam Mickiewicz erhielt, der am Anfang der Straße lebte.
2008 hatte eine Künstlergruppe in der kleinen Gasse eine Freiluftgalerie ins Leben gerufen. An den hellblauen Häuserwänden hängen, von Laternen beleuchtet, mehr als 100 Platten aus Metall, Holz und Glas, die an die bedeutendsten Schriftsteller des Landes erinnern: Romain Gary, Tomas Venclova, Ričardas Gavelis oder Jurgis Kunčinas.
In den umliegenden Bars herrscht reges, aber friedliches Treiben. Litauen zählt zu den Ländern mit dem größten Frauenüberhang weltweit – die Gründe dafür sind vielschichtig: Männliche Arbeitsmigration und der Umstand, dass litauische Männer eine deutlich geringere Lebenserwartung haben, führen dazu, dass es vor allem die Frauen sind, die das Stadtbild von Vilnius prägen. Sie sitzen in Gruppen am frühen Abend in den Restaurants oder überqueren einander untergehakt die kleine Brücke zum Stadtteil Užupis.

Nach dem Ende der Sowjetzeit besetzten hier Studenten und Künstler die verfallenen Häuser. Eine Gruppe der Kunstakademie von Vilnius schuf sich eine kleine unabhängige Gemeinschaft innerhalb der Stadt, ohne Gefahr zu laufen, dass die Polizei eingriff. Die Stadtverwaltung war froh, dass die maroden Häuser bewohnt waren, und die Polizeibeamten duldeten die Freigeister in ihrem kulturellen und politischen Spiel um Eigenständigkeit. Sie verhinderten auch nicht, dass am 1. April 1997 die „Freie Republik“ Užupis ausgerufen wurde, deren anarchische Verfassung man an der Uzupio-Straße auf Tafeln noch heute nachlesen kann. Der erste Artikel: „Jeder hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbeizufließen.“ Eine Anspielung auch auf den Namen von Užupis selbst, der „Jenseits des Flusses“ bedeutet. Weitere Artikel: „Der Mensch hat das Recht, keine Rechte zu haben“, oder „Gewinne nicht“.
Dass in den vergangenen Jahren mindestens Immobilienmakler reichlich Gewinne aus der ehemaligen „Republik“ geschlagen haben mussten, ist offensichtlich: Užupis ist längst nicht mehr das heruntergekommene, rebellische Randgebiet von damals; einige Graffiti sind als blasse Reliquien an den Häuserwänden geblieben, ansonsten hat die Gentrifizierung um sich gegriffen: Das Viertel gilt als eine der angesagtesten Wohngegenden. Der heruntergekommene Charme nach dem Ende der Sowjetzeit ist einer gepflegten Kreativszene mit Galerien, Kunstinstallationen und Boutiquen gewichen. Doch am zentralen Platz wacht noch der Bronze-Engel von Užupis, der von seinem 8,5 Meter hohen Sockel aus mit Trompeten die Freiheit der Schöpfung verkündet. Seit seiner Aufstellung 2002 anlässlich des fünften Jahrestags der Unabhängigkeitserklärung ist er Wahrzeichen und Erinnerung der „Freien Republik“.
Auch der historische Kern hat sich zu einer blühenden Szenegegend entwickelt. Die Dichte an Gourmetrestaurants ist erstaunlich hoch und kann skandinavischen Städten wie Kopenhagen Konkurrenz machen. Bislang jedoch gilt Vilnius noch als Geheimtipp für die gehobene Küche. Insgesamt vier Sterne hat der Michelin-Guide 2024 in Litauen vergeben, alle Restaurants befinden sich in Vilnius. Da ist das Džiaugsmas, mit seinem minimalistischen, dunkel-verruchtem Interieur, das die Gäste dazu verleiten soll, sich andächtig über die frittierten Kabeljaustücke in schwarz eingefärbtem Teigmantel herzumachen. Küchenchef Martynas Praškevičius hat wie kein anderer die „New Baltic Cuisine“ geprägt und verbindet traditionelle litauische Küche mit biologischen, lokal angebauten Lebensmitteln. Nur wenige Straßen weiter, im Innenhof des Senatorių Pasažas, eines historischen Palasts aus dem 18. Jahrhundert, liegt das Bib-Gourmand-Restaurant 14Horses.
An edlen Holztischen im skandinavischen Stil können die Gäste für weniger als 60 Euro ein grandioses mehrgängiges Menü verkosten. Justinas Misius, der dortige Küchenchef, kreiert mit seinem Farm-to-table-Konzept litauische Hausmannskost in seiner elegantesten Form, „strikt regional“, aus lokalen und saisonalen Zutaten. Doch auch wenn sich der westlich urbane Lifestyle in Vilnius mit seinen Third-Wave-Hipster-Cafés zwischen Filialen von Max Mara und Burberry ausgebreitet hat, wie in vielen anderen europäischen Hauptstädten: Glatt poliert ist die Stadt nicht. Und in den krummen Gassen der Altstadt findet man sie noch, die kleinen Lebensmittelläden, in denen man Roggenbrot, Honig, getrocknetes Fleisch oder Šakotis kaufen kann – ein stachelförmiger litauischer Baumkuchen, der auf einem rotierenden Spieß gebacken wird. Am besten isst man ihn gleich am Konstantinas-Sirvydas-Platz, der grünen Oase inmitten der Altstadt. Dass nur etwa 1000 Kilometer weiter ein brutaler Krieg tobt, kann man sich hier, in diesem baltischen Idyll, nicht vorstellen.
Anreise: Die Lufthansa fliegt mehrmals täglich von Frankfurt direkt nach Vilnius.
