Wie erhält man ein Moor? Vor gut 25 Jahren hat ein Experiment begonnen, um das Pfungstädter Moor vor dem Austrocknen zu bewahren. Was Torfgewinnung und das Mähen von Schilf für Strohmatten übrig gelassen hatten, war durch Absinken des Grundwasserspiegels nach jahrzehntelanger Trinkwasserentnahme gefährdet. Rettung brachte der Gedanke, mit gezielter Wasserzufuhr das seit 1955 unter Schutz stehende Gebiet zu stabilisieren. Hierbei sorgten Gräben für eine ausgeglichene Bewässerung des knapp 100 Hektar großen Areals westlich von Bickenbach.
Die Initiative ging von ehrenamtlichen Naturschützern aus. Letztlich konnten sie das ambitionierte Projekt aber nicht allein tragen. Alle Bemühungen mussten trotz erfolgreicher Arbeit – abzulesen am Wiederauftreten seltener Flora und Fauna – 2008 eingestellt werden. Erledigt war es damit nicht. Ein Etikettenwechsel versprach mehr Wirkung, schließlich besitzt ausgetrockneter Tiefentorf die missliche Eigenschaft, Kohlendioxid freizusetzen. Das zu unterbinden, erfordert ganz andere Arbeiten und Beträge.
Das Moor erscheint wie eine grüne Insel
Die Kosten für die hydrologische Päppelung – Installation und Unterhalt – übernimmt jetzt das Land Hessen, die technische Realisierung der „Wasserverband Hessisches Ried“. Der Torf wird nun von Sensoren überwacht, und ihm über ein komplexes Rohrsystem aufbereitetes Rheinwasser zugeführt. Dabei verhindern Ableitungen, dass die Äcker ringsum mitgeflutet werden.
In den Weiten des Hessischen Rieds erscheint das Moor wie eine grüne Insel. Statt Getreide, Mais oder Spargel dominieren prachtvolle Eichen und Pappeln die Szenerie flächenhaft wuchernder Vegetation. Das spricht vor allem für die Selbstheilungskräfte der Natur. Obwohl aus einem Neckar-Altarm entstanden, ist das Gebiet eine eher junge Landschaft. Erst die großräumige Kies- und Sandgewinnung für den Autobahnbau in den Sechzigerjahren schuf die Seen, um die dann die Vegetation in staunenswerter Geschwindigkeit wuchs.

Im Nebeneffekt förderte die Lage des Erlensees mit Strandbad die Zweiteilung des Pfungstädter Moors. Südlich dominieren ausgedehnte Schilfflächen, zur anderen Seite im Nordosten erwuchs ein schier undurchdringliches Geflecht. Man sieht sich in einen Dschungel versetzt statt in das Biotop eines „klassischen“ Moors mit Birkensolitären, Sonnentau und Heidekraut zwischen Wassertrichtern über dicken Torfpolstern.
Ob die aktuellen Arbeiten je zur Bildung von Torf führen, ist noch nicht klar. Vorab muss die Wiedervernässung gelingen, damit der Ausstoß von Kohlendioxid gestoppt wird und es so sauerstoffarm abgeschlossen ist, dass es Gas bindet. In einigen hundert Jahren weiß man mehr.
Wegbeschreibung
Beginn der Tour ist am Bickenbacher Bahnhof, an dem es auch Parkplätze gibt. Für eine verkürzte Runde nur um die Gewässer lässt sich der Parkplatz des Erlensees nutzen. In dessen Zufahrt reiht man sich auch ein, wenn die Gleise unterquert sind und die Straße Am Stellwerk sowie die Berta-Benz-Straße, links, den Anschluss an die Ausschilderung gefunden haben. Die Fahrbahn ist breit genug für Fahrzeuge, Radler und Fußgänger.
Wenn man die Autobahn auf der Brücke überquert hat, steht man in Offenland. Im Abschnitt der Rechts-links-Kurven herrschen Felder vor. Kaum aber hat sich die Straße geradeaus eingependelt, treten sie zugunsten ausgedehnter Feuchtgebiete zurück. Rechts dominieren die Schilfzonen im südlichen Teil des Pfungstädter Moors, denen links dicht gestaffeltes Strauchwerk um kleinere Biotope gegenübersteht. Dies war ursprünglich Weideland, für dessen Bewässerung der Landbach zwischen zwei Deiche gelegt wurde. Bald zeigte sich allerdings Übernässung, Dämme brachen, und die Landwirtschaft musste aufgegeben werden. Rasch entwickelten sich partiell Feuchtgebiete, die sich nach Grundstücksankäufen zusammenlegen ließen. Zuletzt wurde auch der Landbach renaturiert.
Begleitet von hohen Pappeln, biegt die Straße rechts zur Stellfläche am Erlensee ab. Das Kassenhäuschen dient nur zur Begleichung der Parkgebühr. Das gesamte Gewässer ist frei zugänglich, auch der Badestrand an der westlichen Stirnseite mit Einkehrmöglichkeit. Geht man über diesen Teil hinaus und folgt der Markierung gelbe 1 rechts in den nördlichen Schlängelpfad, tut sich manch stille Bucht für (textilloses) Baden auf. Der dort zutage tretende Sand erinnert an die ursprüngliche Intention als Baustofflager für die nahen Autobahnen. Inzwischen hat auch hier die Natur ganze Arbeit geleistet. Tief hängen Bäume und Sträucher bis ins Wasser, während vormalige Uferränder von ausladenden Eichen besetzt sind.
Nach einigen Hundert Metern lässt die 1 den Erlensee links ab zurück, nicht aber die dicht gewirkte Vegetation, erst tunnelartig verflochten, dann so stark verfilzt, dass nur wenige Sichtschneisen auf den bald erreichten Großen Moorsee offen bleiben. Wie beim kleineren Bruder gegenüber ist auch seine Entstehung als Folge von Sandabbau kaum noch zu erkennen. Das Zeichen führt rechts zwischen den Gewässern hindurch. Die dortige Hütte gehört ihrem Hausherrn, einem Angelverein. Nur er darf die Teiche nutzen.

Weiter geht es geradeaus, wobei wieder einmal mächtige Eichen und Pappeln das Spalier bilden. Sie flankierten eine der Zufahrten der 29 Meter aufragenden einstigen Kreisdeponie. Gut 15 Jahre wurde sie seit ihrer Stilllegung 1986 saniert. Jetzt einem natürlichen Hügel kaum nachstehend, bildet sie für das angrenzende Pfungstädter Moor ein angemessenes Entree. Die aufwendigen Arbeiten sollten verhindern, dass Schadstoffe und verunreinigtes Wasser in das geschützte Gebiet eindringen. Wenn sich die 1 rechts in einem ausholenden Bogen genau auf der Grenze des Naturschutzgebietes bewegt, denkt man freilich eher an einen Urwald denn an Sumpfgebiete. Die grüne Wand erlaubt keine tieferen Einblicke, auch das Grabensystem bleibt verborgen.
Die aufregendste Partie liegt etwas abseits an der nordöstlichen Ecke des Erlensees, auf den die Ziffer ausgangs der lang gezogenen Rechtskurve zuführt. Bevor es am östlichen Rand weitergeht, bietet sich ein kurzer Abstecher zu den Erlen an, die mit stelzenartigen Luftwurzeln den schwankenden Wasserspiegel ausgleichen. An der Südostecke eingetroffen, laufen je nach Startpunkt die Wege auseinander. Nach rechts führt die 1 am Südufer entlang, und damit zu der großen Terrassen-Gaststätte, während man sich gen Bickenbach links in offene Flur wendet. Die nahe Autobahn ist zu unterqueren, und dann rechts über den abgesetzten Fußweg der Berta-Benz-Straße zum Bahnhof zu folgen.
Anfahrt
Bickenbach liegt nahe der A 5, Ausfahrt Seeheim-Jugenheim. Von der Umgehung Berta-Benz-Straße ist nach der Kläranlage die Zufahrt gen Erlensee angezeigt; zum Bahnhof die Linkskurve noch durchfahren. Mit der Bahn gibt es jede halbe Stunde eine Verbindung.
Sehenswert
Um einer weiteren Austrocknung des 1955 unter Schutz gestellten Pfungstädter Moors vorzubeugen, wurde zunächst ein Grabensystem angelegt, das seit der Installation eines komplexen Rohr- und Überwachungssystems punktgenau bewässert. Die üppige Vegetation dschungelartiger wie offener Schilfzonen berührt dies weniger. Sie profitiert von der Feuchtigkeit der beim Sand- und Kiesabbau für Autobahnen entstandenen Seen. Sie sind vollständig eingewachsen, können aber ringsum abgegangen werden. Am Erlensee blieb Platz für einen Badestrand.
Das Zentrum von Bickenbach hat nach umfangreichen Sanierungsarbeiten gewonnen. Ursprünglich wurde es von den Landgrafen von Hessen-Darmstadt zu einem ihrer Jagdstützpunkte ausgebaut. Davon steht an einem aufgehübschten Platz noch das als Rathaus genutzte Jagdschloss von 1720. Die umgebenden Remisen sind großteils neu aufgeführt.
Öffnungszeiten
Das gesamte Areal um Moor und Erlensee ist frei zugänglich, auch der nicht bewachte Badestrand; lediglich Parken ist kostenpflichtig (am Bahnhof in Bickenbach frei).
Einkehren
Die Gaststätte mit großem Freisitz im Vereinshaus des Angelvereins wird offiziell „Kiosk am Erlensee“ genannt. Sie ist werktags von 11 bis 21 Uhr und am Wochenende von 10 bis 20 Uhr geöffnet.
