Den Mülltonnenkaffee gibt es immer noch, bloß hat Sabine Landua keine Zeit mehr dafür. Dabei vermisst sie diese in der Corona-Zeit entstandene Tradition sehr, als sie sich mit einigen Anwohnern aus den Seitengässchen der Hauptstraße in Flörsheim an einer schwarzen Mülltonne auf einen Kaffee getroffen hat, einmal in der Woche, weil Versammlungen in Innenräumen ja nicht erlaubt waren. Damals, erinnert sie sich, sei sie noch mit dem Rad unterwegs gewesen und habe lediglich Briefe verteilt, „da war es einfacher, einfach mal stehen zu bleiben, ein Schwätzchen zu halten oder einen Kaffee zu trinken“. Heute ist sie sogenannte Verbundzustellerin, trägt also Briefe und Päckchen gemeinsam aus und ist deshalb mit dem Auto unterwegs.
Das parkt die blonde Frau mit den kurzen Hosen jetzt auf dem Fußgängerweg in der Flörsheimer Hauptstraße, einer wichtigen Verkehrsader, die sich durch einen Teil der Altstadt zieht. Mit einem Stapel Post auf dem linken Unterarm durchquert sie, nicht gehetzt, aber doch zügig, ihr Zustellgebiet. Hier eine Rechnung, dort eine Zeitschrift, hier ein Versandkatalog: Sabine Landua muss nicht auf die Namensschilder schauen, die auf den Briefkästen kleben. Sie weiß, wer wo wohnt. Und mehr als das: Sie kennt in den meisten Fällen nicht nur die Gesichter, die sich hinter den Nachnamen verbergen, sondern häufig auch einzelne Schicksale.

Wie jenes von dem Künstler in dem Haus mit dem großen Tor, dem sie knapp zwei Jahrzehnte lang die Post brachte. Mit dem sie es genoss, Gespräche zu führen, mal kurze, mal lange. „Es hat sich eine Freundschaft entwickelt“, sagt die 54 Jahre alte Frau. Bald traf man sich einmal in der Woche schräg gegenüber beim Bäcker und trank zusammen einen Kaffee. Einfach so, ohne Anlass. Außer in der Corona-Zeit. Da fand dieses Zusammentreffen mit anderen Nachbarn an einer schwarzen Mülltonne statt, die bei der Premiere zufällig draußen stand und fortan immer genutzt wurde. So entstand der Begriff vom „Mülltonnenkaffee“.
Deutsche Post: „Der Job als Zusteller ist stressiger geworden“
Der Mann aus dem Haus mit dem großen Tor ist nicht mehr da. Ein Mensch, den Sabine Landua aufgrund ihres Berufs mehrmals in der Woche getroffen hat, von dem sie vieles wusste, den sie mochte. „Das war sehr traurig“, erinnert sie sich, und nur zu gern würde sie gerade deshalb gelegentlich beim Mülltonnenkaffee mitmachen. Doch der Job als Zustellerin ist stressiger geworden, sagt sie.
Es ist ein heißer Donnerstagmorgen, als Sabine Landua im Zustellzentrum in der Rüsselsheimer Stahlstraße ihre Pakete in den Transporter lädt. Hier ein Paket eines Modehändlers, dort eines mit Tierfutter, hier ein Ventilator: Es sieht ein bisschen wie Tetris aus, wie sie die Päckchen im Auto verteilt und übereinanderstapelt. So, dass sie nachher möglichst wenig suchen muss. Damit das gelingt, ist es gut, die Straßen und Häuser zu kennen, in denen die Sendungen zugestellt werden müssen. Auf Landua trifft das definitiv zu: Seit 1988 trägt sie in Flörsheim aus, „ich habe in der Stadt schon jede Straße, jedes Haus und jeden Briefkasten gesehen.“

Seit 20 Jahren hat sie einen festen Stammbezirk, also eine Gegend in der Stadt, die sie immer wieder beliefert. Jüngst wurden die Bezirke neu bemessen, mal wieder. Ein Post-Sprecher erklärt, das sei nötig, um zu gewährleisten, dass jeder Zusteller seinen Bezirk in der vorgegebenen Arbeitszeit bewältigen könne, aber eben auch nicht zu viel Leerlauf habe. Dafür gibt es Erfahrungswerte und Daten ohne Ende. Für Landua bedeutete das zuletzt, dass sie aus ihrem alten Bezirk die Eisenbahnstraße abgeben musste und Teile der Hauptstraße, den vorderen Teil, der am Sportplatz beginnt, samt den Nebenstraßen hinzubekommen hat. „Da war ich schon mal vor fünf Jahren“, sagt sie.
„Geil, dass du wieder hier bist“
Entsprechend überrascht sind die Anwohner. So wie jene Frau in der Urbanstraße, nur einen Steinwurf vom Sportplatz entfernt, die aus einem Dreifamilienhaus herauskommt, gerade als sich die Zustellerin dem Haus nähert. „Ich bin wieder bei euch“, ruft Landua ihr zu, die die Frau sofort erkennt. Der Vorgarten ist gepflegt, ein „Willkommen“-Schild begrüßt Besucher, und Landua geht, ohne nach dem Namen zu fragen, an ihr Auto und holt das Paket heraus, das, wie die Frau erzählt, ihr Mann vor zwei Tagen bestellt hat. „Das ist ja geil, dass du wieder hier unterwegs bist“, ruft sie noch, bevor die Frau von der Post weiterzieht.

Sabine Landua nimmt ihren Job ernst. Die Sendungen so schnell es geht an den richtigen Ort zu bekommen, das ist die Kernbeschreibung ihrer Tätigkeit. Doch Zustellerin zu sein, das bedeutet mehr, sagt sie. „Wir sind Vertrauenspersonen.“ Schließlich sei sie es, die Menschen in unterschiedlichen Zuständen begegnet, heute glücklich, morgen traurig, heute müde, morgen gestresst. Schließlich sei sie es, von der viele Menschen erwarteten, dass sie sich Zeit nimmt für einen kleinen Plausch.
In der Hauptstraße, sagt Landua, leben eher ältere Menschen, „und wollen manchmal, dass man auch mal stehen bleibt“. Oft gehe es dabei um das Wetter, manchmal aber auch um persönlichere Dinge. Und bisweilen treffe sie die Leute in ungewöhnlichen Momenten an. In der Nähe des Sportplatzes geht sie flott mit Paket in den Flur eines Mehrfamilienhauses. Als sie kurz darauf mit leeren Händen zurückkommt, berichtet sie von dem Mann, den sie wohl gerade mit dem Klingeln geweckt habe. „Der war noch im Schlafanzug“, sagt sie und verzieht keine Miene dabei.
Stammzusteller brauchen ein Drittel weniger Zeit
Für sie ist das normal. Schließlich, sagt Landua, komme sie den Menschen als Zustellerin extrem nahe, „weil ich sie oft und dann in ihrem privaten Umfeld sehe“. Meistens sei das schön, findet sie. „Es macht meinen Beruf aus.“ Doch manchmal sei es auch unangenehm. Wenn Menschen unfreundlich oder respektlos seien. Und wenn sie nicht unterscheiden könnten, wann sie, die schon in Flörsheim zur Schule gegangen ist und in der Stadt auch wohnt, einfach mal privat unterwegs sei. Wenn sie einkaufen, essen oder auf ein Fest gehe, werde sie häufig als Zustellerin angesprochen, und meist gehe es um die Frage, wo denn dieses oder jenes Paket bleibe oder wieso am Montag schon wieder keine Post gekommen sei. „Das kann schon anstrengend sein.“
Für den Post-Konzern dagegen sind Stammzusteller in vielerlei Hinsicht von Vorteil. Erstens, erklärt ein Sprecher, bräuchten Zusteller, die den Bezirk nicht kennen, bis zu einem Drittel mehr Zeit im Vergleich zu ortskundigen Kollegen. Und zweitens, ergänzt er, sind die Zusteller unmittelbarer, täglicher Kontaktpunkt zwischen Unternehmen und seinen Kunden und damit Teil der Konzern-DNA. Im Zustellzentrum Rüsselsheim, einem von rund 2600 in Deutschland, beliefert die Post neben Flörsheim auch Haushalte in Raunheim und Trebur, die in 32 Bezirke aufgeteilt wurden. Die Hälfte der Zusteller, sagt ein Sprecher, sei Stammpersonal mit festen Bezirken. Aber es gebe auch viele Aushilfen und eine gewisse Fluktuation.
Früher sei das anders gewesen, ergänzt Landua und erzählt die Geschichte vom „Alten Fritz“, dem pfeifenden Briefträger, den in Flörsheim viele Einwohner kannten. Der Mann, der schon lange nicht mehr im Dienst ist, trug jahrelang in einem festen Bezirk Briefe aus und war dabei stets schon früh zu hören, weil er dabei immer ein Liedchen pfiff.
Auch der Anwohner in der Hauptstraße 82, wo Sabine Landua jetzt angekommen ist, erinnert sich an Briefträger Fritz. „Das waren noch Zeiten“, sagt er und bringt dann seine Freude zum Ausdruck, dass die Zustellerin, die in Flörsheim auch in Vereinen aktiv und deshalb bekannt ist, jetzt wieder bei ihm unterwegs ist. „Haste schon gehört“, fragt er zur Begrüßung und erzählt dann von einem Nachbarn, der am Pfingstmontag verstorben sei.
Doch reichen die Erlebnisse und Anekdoten weit über Todesfälle hinaus. Landua ist so eine Art lebendiges Gedächtnis ihres Bezirks. Sie hat Kunden schon als Kinder gekannt, die heute selbst Kinder haben und die auch wiederum von ihr mit Briefen und Paketen beliefert werden. Sie kennt die Konsumgewohnheiten vieler Flörsheimer, weil sie sieht, welche Pakete sie hier und dort zustellt. Sie weiß, wer im Urlaub oder mal krank ist.
Das alles ist Teil des Jobs, sagt sie. Der sei anstrengend, vielseitig, aber vor allem aus einem Grund schön: Wegen des Kontakts zu den Menschen. Und genau deshalb wäre sie beim Mülltonnenkaffee auch gern wieder dabei.
