Es ist ein mutiger Komponist, der sich an eine Oper nach Oscar Wildes aberwitziger Sittenkomödie „Ernst sein ist alles“ wagt. Der Ire Gerald Barry, der Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel zu seinen Lehrern zählt, hat mit seiner 2011 in Los Angeles konzertant uraufgeführten Bearbeitung bewiesen, dass er diesen Mut kübelweise besitzt. Mit einem ausgeprägten Sinn für Nonsens hat er Wildes Parodie auf die heuchlerischen Werte der vornehmen viktorianischen Gesellschaft, der Status und Benimmregeln mehr bedeuten als moralische Integrität, aufs Äußerste reduziert.
Dadurch ist ein köstlich anarchisches Stück Musiktheater entstanden, dessen finstere Untertöne Jack Furness in seiner Inszenierung für die Garsington Opera mit absurdem schwarzem Humor akzentuiert. Peter Lidbetters von schwelendem Ressentiment erfüllter Diener, der sein Messer in der Anrichte am linken Bühnenrand direkt neben dem wie ein griechischer Chor in die Handlung einbezogenen Kammerorchester auf Hochglanz poliert, während die Zuschauer Platz nehmen, lässt im Vorhinein Böses ahnen.
Das eskalierend skurrile Verwechslungsspiel um die Müßiggänger Algernon und Jack (Seán Boyland und Zahid Siddiqui), die in die Bredouille geraten, weil sie Frauen (Jennifer Frances Cecily und die Gwendolen von Holly Brown) heiraten wollen, denen der Name Ernst als Inbegriff von Aufrichtigkeit wichtiger ist als die Person dahinter, kommt auch in der Ausstattung von Francis O’Connor (Bühnenbild) und Hannah Wolfe (Kostüm) zum Ausdruck. In Algernons Salon windet sich eine Rutsche in Form einer lang gezogenen Chaiselongue über die mit Erde ausgelegte Bühne.
In diesem Sandkasten balgen sich die Protagonisten wie Schlammringer, sodass sie vom missbilligenden Diener mit dem Schlauch abgespritzt werden müssen. Selbst der Dirigent Douglas Boyd, der mit den 24 Musikern des Philharmonia Orchestra ein Feuerwerk an verzerrten lautmalerischen Klängen produziert, kommt nicht ungeschoren davon. Am Anfang gelangt er über eine Leiter aus dem leeren Orchestergraben ans Pult. Nach der Pause, als der Salon, wie das gute Benehmen, in Trümmern liegt, wird er auf dem Weg dorthin verprügelt.
„Auld lang Syne“ als Running Gag
Hinter der Rutsche steht auf meterhohen Stelzen ein dadaistisches Klavier mit einem passenden Hochsitz. Im Eröffnungsbild hockt Algernon wie ein Kind darauf, das am Erwachsenentisch kaum über den Rand schauen kann, und haut, geckenhaft infantil, eine dissonante Version von „Auld lang Syne“ in die Tasten. Die Melodie ist ein wiederkehrendes Motiv, das Barry in der pulsierenden Kakophonie staccatohaften Sprechgesangs, unmöglich hoher Melismen, im Gleichschritt stampfender Marschstiefel, furios surrender Bienen und rhythmisch zerschmetterter Teller als Kennmelodie einsetzt, ohne dass sie Erkennbares bedeute. Denn sie erklingt im Liebesduett und im Zank sowie jedes Mal, wenn der Diener einen Besucher ansagt.
Grandios, der seinen charaktervollen Bassbariton oft ins Falsett zwingende Henry Waddington. Dessen germanophile Lady Bracknell wird bei ihrem ersten Auftritt erhobenen Kinnes im Hosenanzug durch eine Falltür auf die Bühne gefahren, die Handtasche an sich klammernd, in der sie eine Pistole bei sich führt. Später kommandiert sie die Gesellschaft in preußischer Uniform und hohem Raupenhelm herum, ihre Version von Beethovens Vertonung der „Ode an die Freude“ in frenetischem Tempo als Zungenbrecher deklamierend. Den Befehl, das Kinn nach der jetzigen Mode höher zu tragen, um dem Mangel an Prinzipien und Profil zu begegnen, erteilt sie auf hysterisch dargebotenem Deutsch. Dem Diener platzt der Kragen. Furness lässt ihn alle totschießen.
Der Titel „Ernst sein ist alles“ hätte ohne den Wilde’schen Doppelsinn auf den von jugendlichen Idealismus erfüllten Komponisten in Richard Strauss’ „Ariadne of Naxos“ gemünzt werden können, dessen Welt zu zerbrechen scheint, als er erfährt, dass sein erhabenes Kunstwerk gleichzeitig mit der frivolen Harlekinade der italienischen Komödianten aufgeführt werden soll, bloß weil der banausenhafte Mäzen die musikalische Unterhaltung des Abends rasch zum Abschluss bringen will, damit das Feuerwerk pünktlich beginnen kann. In seiner neuen Inszenierung für das Opernfestspiel von Glyndebourne stellt Laurent Pelly das, was der Textdichter Hugo von Hofmannsthal „das ernste Jünglinghafte der Figur“ nannte, stärker heraus, indem er sie während der Vorstellung seiner seriösen Oper auf der Bühne bleiben lässt.
Mit diesem Kunstgriff schafft der Regisseur auch eine Brücke zwischen dem theatralischen Vorspiel hinter den Kulissen und der von den Buffo-Einlagen unterbrochenen Opera seria. Der Komponist steigert sich derart in seine eigene Schöpfung hinein, dass er die Bewegungen der todessehnsüchtigen Ariadne spiegelt. In der Rolle bringt Samantha Hankey mit dem vollen, warmen Klang ihres Mezzosoprans die zwischen abgründiger Verzweiflung, Bockigkeit und Schwärmerei schwankenden Emotionen des Komponisten zum Tragen.
Massimo Troncanetti suggeriert mit der Kombination aus reich intarsierter Rokoko-Täfelung, modernem Kronleuchter und Lamellenwand, dass der reichste Mann von Wien sich zwar einen Grafentitel zulegen konnte, Stilbewusstsein aber noch erwerben muss. Beim Erdhaufen, der in letzter Minute noch von dem wie Klone des wunderbar süffisanten Haushofmeisters William Relton aussehenden Dienern aufgeschüttet wird, wundert man sich allerdings nicht, dass der jämmerliche Schauplatz von Ariadnes wüster Insel den Hausherren grämt. Herausragend jedoch der farbenprächtige Sopran von Rachel Willis-Sørensens Ariadne, dessen Klangfülle David Butt Philip mit seinem heldentenoralen Bacchus komplementiert.
Pellys Kostümentwürfe sind wie seine Regieeingriffe eher dienlich als originell: gelber Morgenmantel für die Diven, Pailletten-Leggins für Ru Charlesworths tuntigem Tanzmeister und ein altmodisch professoraler Anzug für den Musiklehrer von Michael Kraus. Die mit funkelnden Koloraturen und Lebensklugheit beeindruckende Zerbinetta Alina Wunderlins trägt aufreizende Mieder, während ihre Vierertruppe kabarettartiger Komödianten ihren Spaß in weißen Anzügen mit Minizylindern treiben. Den Glanzpunkt der rundum großartigen musikalischen Darbietung setzten Robin Ticciati und das London Philharmonic Orchestra mit der ebenso klaren wie nuancierten Interpretation der kammermusikalisch besetzten Partitur.
