Die internationale Richard-Wagner-Gemeinde hat Grund zum Feiern: 1876 fanden die ersten Bayreuther Festspiele statt; auf dem Programm stand die erste Gesamtaufführung der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, die es auch in einer Neuinszenierung bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen geben wird. Drei Buchpublikationen aus diesem Anlass sind zu verzeichnen.
Der Pianist Stefan Mickisch starb vor fünf Jahren. Seine Einführungen in die Opern und Musikdramen Wagners, allein in Bayreuth gab es davon mehr als 500, erlangten den sogenannten Kultstatus. Mickisch war ein glänzender Pianist. In seinen Vorträgen gelang es ihm, seine entsprechenden Fähigkeiten mit lebhaften und auch humorvollen Erläuterungen zu verbinden, Erläuterungen, die auf unterhaltsame Weise Kreuz- und Querbezüge in Wagners Werken aufdeckten. Mickischs besonderes Steckenpferd waren dabei die Leitmotive.
Welche Rollen spielen die Leitmotive in Wagners Werk?
Nun hat es der Operndramaturg Stephan Knies unternommen, die Vorträge von Mickisch zu Wagners „Ring“ in Buchform zu veröffentlichen, von denen der erste Band zu „Rheingold“ erschienen ist. Das Problem der Publikation wird schon im Untertitel deutlich: „Alle 261 Leitmotive“, wobei der erste Band, zum „Rheingold“, die Leitmotive 1–75 enthält.
Die Rolle der Leitmotive in den Werken Wagners ist bis heute eine nicht abschließend gefestigte und scharf umrissene geblieben. Das Phänomen als solches ist jedem Wagner-Hörer durchaus bewusst; außerdem ist klar, dass es in den 16 Stunden der „Ring“-Tetralogie eine besondere Rolle spielt. Wagner selbst benutzte diesen Begriff sehr lange nicht, sondern sprach von „ahnungs- oder erinnerungsvollen melodischen Momenten“ und „Gefühlswegweisern durch den ganzen vielgewundenen Bau des Dramas“. Erst in seinen letzten Lebensjahren machte er sich den Begriff „Leitmotiv“ zu eigen, angeregt durch seinen Bayreuther Paladin Hans von Wolzogen. Wolzogen gab einen Führer durch den „Ring“ heraus, in dem 90 Leitmotive herausgearbeitet wurden.

Bis heute ist der Begriff nicht völlig präzise markiert. Die derzeit allgemein akzeptierte Definition könnte man so umschreiben: musikalische Wiederholung, die nicht musikimmanent begründbar ist und somit über den musikalischen Zusammenhang hinausweist. Auch wenn es durchaus vor Wagner bereits leitmotivähnliche Techniken gibt, so hat doch erst dieser daraus ein kunstreich gewirktes Beziehungsgewebe gemacht, das aber immer nur sozusagen Mörtel für den Bau etwa des Riesenwerks der Tetralogie war.
Der Revolutionär Wagner – auch nach 1850
Wie kommt nun Stefan Mickisch von den 90 Leitmotiven Wolzogens auf seine eigenen 261? Indem er nahezu jede musikalische Erscheinung, die über Begleitfloskeln und Verbindungsscharniere hinausgeht, in den Rang eines Leitmotivs erhebt. Im Extrem kann das dazu führen, dass ein reiner Oktavsprung von zwei Noten als eines von mehreren Schwertmotiven und damit als Symbol der Freiheit dechiffriert wird. Und so kommt es dann auch zu einem Leitmotiv der „Verantwortungsentschlagung“. Diese Fixierung auf eine Leitmotivinterpretation, in der alle Präzision schwindet, war schon in den Vorträgen Mickischs bedenklich spürbar. Sie war aber dort immer wieder kontextualisiert und angereichert durch vielerlei Bezüge, etwa auf die Figurenkonstellationen der Werke. All das ist in der Buchform auf ein Minimum reduziert; außerdem fehlt die lebendige Präsenz des Vortragenden. Hätte Mickisch selbst die Veröffentlichung in dieser Form gutgeheißen? Es bleibt ein Zweifel.
Der Zürcher Musikologe Laurenz Lütteken ist ein Mann von weit gespannten Interessen. Auch wenn er ein maßgebliches Wagner-Handbuch herausgegeben hat, würde er sich mit gutem Grund dagegen verwehren, als Wagner-Spezialist eingeengt zu werden. Nun legt er einen schmalen Band vor, der Annäherungen an Richard Wagners „Ring“ ankündigt. „Aufgehobene Revolution“ ist der Obertitel des Buches, mit dem auf Hegels Doppelsinn des Begriffes „Aufheben“ angespielt wird, der in den Darlegungen eine erhebliche Rolle spielt.
Es gelingt Lütteken einerseits, jeden musikwissenschaftlichen Fachjargon zu vermeiden, andererseits, nicht ins Opernführerhafte zu verfallen. In jedem der vier Kapitel zu den vier Teilen des „Rings“ kann auch der Kenner des Werkes Neues entdecken, der Novize erst recht. Durchgehend wird die Überzeugung des Autors deutlich, dass er nicht an die vor allem von der Bayreuther Tradition festgezurrte These glaubt, dass bei Wagner zwei verschiedene Epochen zu verzeichnen seien, die revolutionäre vor etwa 1850 und die staatstragend reaktionäre danach. Immer wieder insistiert Lütteken darauf, dass das utopische Potential des Barrikadenrevolutionärs und Linkshegelianers Wagner von diesem keineswegs suspendiert und verleugnet worden ist, sondern nach der gescheiterten Revolution auf eine andere Reflexionsebene gehoben, eben in die Konzeption des Musikdramas eingebracht wurde, und dafür ist nun gerade der „Ring“ mit seiner zerklüfteten Entstehungsgeschichte das beste Beispiel.
Ohne Beschönigung der Festspielgeschichte
Ein besonderes Glanzlicht ist das Kapitel über Siegfrieds sogenannte Schmelz- und Schmiede-Lieder im ersten Akt des „Siegfried“. Wie hier nachgezeichnet wird, dass da Handwerk (das Schmieden des Schwertes) und Kunst (der Gesang) ineinandergreifen und so zu einem Ineinanderfließen von Erinnerung, Reflexion und innerem Antrieb führen, das ist von großer Stringenz und Überzeugungskraft.

Der genannte Untertitel des Buches „Annäherungen an Richard Wagners ‚Ring‘“ ist leicht irreführend, denn diese Annäherungen umfassen nur etwa die Hälfte der Publikation. Weitere Wagnertexte schließen sich an, unter denen der über Wagner und Goethe besonders hervorzuheben ist. Der äußerst anregende Band hinterlässt beim Leser den Wunsch, aus der Feder dieses Autors eine größere Darstellung der Wagner’schen Gedanken- und Komponierwelt zu erhalten. Er ist dem gerade verstorbenen Meister des Schreibens über Musik gewidmet, Peter Gülke.
Die gewichtigste Bayreuth-Veröffentlichung des Jahres ist sicherlich die des Karlsruher Musikologen Stephan Mösch. „Bayreuth als Theater“ darzustellen, verspricht er seinen Lesern, und er hält dieses Versprechen auf beeindruckende Weise. Mösch hat schon vor längerer Zeit einmal die Geschichte des „Parsifal“ in Bayreuth in der Zeit von 1882 bis 1933 umfassend behandelt. Dies ist der Grund dafür, dass er in seinem neuen Buch den Schwerpunkt nicht auf die Gründung der Festspiele durch Richard Wagner und nicht auf die Ära Cosima Wagners legt, sondern auf das neue Bayreuth seit 1951, was nicht ausschließt, dass auf die Ära Winifred Wagners von 1930 an gebührendes Licht fällt, wobei keiner der wahrlich unangenehmen Aspekte dieser Zeit beschönigt wird oder gar unter den Tisch fällt.
Neue Quellenfunde
Möschs Buch ist nicht der erste Versuch, die Geschichte der Bayreuther Festspiele darzustellen. Der amerikanische Historiker Frederic Spotts legte 1994 ein Buch durchaus kritischen Zuschnitts vor. Oswald Georg Bauer publizierte 2016 eine in doppeltem Wortsinn gewichtige zweibändige Geschichte der Festspiele, die aber eher Chronikcharakter hatte als den einer kritischen Tiefenlotung. Mösch jedoch geht anders vor und setzt damit neue Maßstäbe. Er hat sich auf bewundernswerte Weise in die Quellen, auch solche, die bisher unbeachtet oder gar unbekannt waren, hineingewühlt und ist in der Lage, neues oder bisher nicht genutztes Material zu präsentieren.
Darunter finden sich die penibel eingezeichneten Dirigier-Partituren von Felix Mottl. Mottl war als junger Mann Mitglied der sogenannten Nibelungenkanzlei in Bayreuth bei der Vorbereitung des ersten kompletten „Rings“, dann musikalischer Leiter in Karlsruhe, später in München und einer der renommiertesten Wagnerdirigenten um 1900 (bekannt wurde der spöttische und sicherlich ungerechte Schüttelreim, dessen Anfang lautet: „Geh mir nicht in Mottls Tristan, hör dir nicht des Trottels Mist an“).
Die Anmerkungen in den von Mottl herausgegebenen Klavierauszügen sind ja bekannt. Seine Dirigierpartituren, die Mösch zum ersten Mal auswertet, sind deutlich umfangreicher und differenzierter; in sie sind Mottls Erfahrungen mit Wagners Anweisungen eingeflossen, eine Quelle ersten Ranges. Seine Partituren wurden später auch von Joseph Keilberth benutzt und annotiert, einem der Nachfolger Mottls in Karlsruhe und später zentraler Dirigent der Fünfzigerjahre in Bayreuth, der dann von der Festspielleitung auf schnöde Weise ausgebootet wurde. Mösch räumt ihm einen seiner Bedeutung entsprechenden Platz ein und bemerkt ganz richtig, dass die inzwischen zugänglichen Bayreuther Mitschnitte des „Rings“, die von Keilberth geleitet werden, sich jedem Vergleich stellen können.
Herbert von Karajan erscheint in besserem Licht
Mösch kann überzeugend darlegen, dass die Dirigentenfrage gerade für Wieland Wagner eine entscheidende war und deutlich über rein musikalische Gesichtspunkte hinausging. Hans Knappertsbusch spielte dabei eine nicht nur positive Rolle, für dessen Lust und Launen Wieland Wagner bereit war, so manche andere Persönlichkeit wie eben Keilberth zu opfern.

Die präzise Durchleuchtung der Quellen erlaubt es dem Buch auch, den in seiner Beziehung zu Bayreuth notorisch geschmähten Herbert von Karajan in besserem Licht erscheinen zu lassen, dem durchaus Kooperations- und Kompromissbereitschaft zugebilligt wird. Die geplanten, aber nicht realisierten Engagements von Igor Markevitch, Carlo Maria Giulini, Otto Klemperer und Leonard Bernstein hinterlassen Bedauern, das von Carlos Kleiber für den „Tristan“ gelang.
Einen ähnlichen Stellenwert wie der Dirigentenfrage räumt Mösch auch der Frage der Sängerbesetzungen ein. Da er sich schon früher als Kenner der Gesangskunst und ihrer großen Protagonisten ausgewiesen hat, sind auch diese Passagen lehrreich und interessant zu lesen. Wer wusste bisher, dass die Bayreuther Festspiele für 1960 eine (erfolglose) Anfrage an Maria Callas abgeschickt haben, ob sie bereit wäre, Venus oder auch Ortrud oder Kundry zu singen (die letztere Rolle hatte sie ja schon, allerdings auf Italienisch, früher gesungen)?
Der schwer zu fassende Dirigent Heinz Tietjen
Die eminente Quellenforschung des Autors wird belohnt durch veritable Entdeckungen, so die des Regisseurs Siegmund Skraup, Anfang der Dreißigerjahre Assistent in Bayreuth, der noch im Krieg ein wichtiges Buch über Opernregie verfasste, und des jüdischen Exilanten Karl Würzburger, der für den Aufbau des Kulturlebens in Bayreuth nach dem Krieg verantwortlich war.
Die unselige Faszination von Siegfried und Winifred Wagner durch den Nationalsozialismus, nicht zuletzt durch dessen Antisemitismus, was durch Richard und Cosima weidlich vorgeprägt worden war, wird mitsamt ihren Gründen und Hintergründen natürlich nicht ausgespart. Der Tendenz der Winifred-Biographie von Brigitte Hamann, das Bild Winifreds aufzuhellen und dafür das Wieland Wagners zu verdunkeln, kann Stephan Mösch so nicht folgen, auch wenn Wielands Charakteristik bei ihm keine Lichtgestalt ergibt.
Es gibt außerdem eine aufschlussreiche Skizze der immer noch schwer fassbaren Person von Heinz Tietjen, Dirigent, aber vor allem Regisseur und Theaterleiter, der zwischen 1931 und Kriegsende die entscheidende Persönlichkeit der Festspiele war. Für seine Wagner-Inszenierungen in Zusammenarbeit mit dem Bühnengestalter Emil Preetorius gilt die vielleicht zunächst verblüffende Feststellung, dass diese von Propagandaelementen frei geblieben sind, was auch für andere große Bühnen des Dritten Reiches zutrifft, mit wenigen Ausnahmen. Über Tietjen (der vom jungen Wieland Wagner bekämpft wurde) gibt es nach wie vor keine zureichende Biographie, kann es vielleicht wegen des Fehlens entscheidender Quellen gar nicht geben. Die Seiten über ihn in diesem Buch gehören zum Aufschlussreichsten, was über diesen seltsamen Mann zu lesen ist.
Die letzten Kapitel des Buches gelten den Entwicklungen der Inszenierungsgeschichte des sogenannten Neuen Bayreuth (Stephan Mösch hat sie seit den Siebzigerjahren miterlebt) – sie runden die Darstellung ab. Manchmal gehen einige Exkurse etwas zu sehr in die Breite, zu sehr ins Detail, gelegentlich tendiert die Organisation der immensen Materialfülle ins Unübersichtliche, aber das bringt die multiperspektivische Methode des Autors mit sich und schadet dem Ganzen nicht wirklich. Mit diesem Buch wird die Bayreuth-Historiographie auf ein neues Niveau gehoben. Mösch nennt es im Untertitel „Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte“. Einerseits versteht der Leser, warum er diese Einschränkung macht, andererseits bietet es so viele faszinierende Aspekte und Entdeckungen, dass man feststellen muss: Gelegentlich ist der Weg das Ziel.
Laurenz Lütteken: „Aufgehobene Revolution“. Annäherungen an Richard Wagners „Ring“. Bärenreiter/Metzler Verlag, Kassel 2026. 128 S., Abb., geb., 29,99 €.
Stephan Mösch: „Bayreuth als Theater“. Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte. Bärenreiter/Metzler Verlag, Kassel 2026. 674 S., Abb., geb., 49,99 €.
