
Mistral AI festigt seine Stellung als führendes europäisches Unternehmen auf dem rasant wachsenden Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI). Unlängst hatte das mit der Entwicklung von Sprachmodellen bekannt gewordene französische Start-up den Bau eigener Rechenzentren angekündigt. Zu diesem Zweck hat es Kredite im Umfang von 830 Millionen Dollar (umgerechnet rund 730 Millionen Euro) aufgenommen. Nun erhält Mistral für die Expansion ins Rechenzentrumsgeschäft Rückenwind aus den USA. Einer Mitteilung von dieser Woche zufolge wurde mit Microsoft eine Vereinbarung im Wert von „mehreren Milliarden Dollar“ getroffen. Der US-Konzern will demnach Mistrals Infrastruktur nutzen, um die Bereitstellung seiner Cloud- und KI-Dienste zu unterstützen. Auch wenn das Volumen nicht genauer beziffert wird, dürfte es sich um die bislang wichtigste Vereinbarung für das im April 2023 gegründete Start-up handeln. Microsoft gehört zu einem seiner frühen Geldgeber.
Mistral will in Europa bis Ende kommenden Jahres über eine Rechenleistung von 200 Megawatt verfügen. Bis zum Jahr 2030 soll es gar ein Gigawatt sein. Das erste außerhalb von Frankreich errichtete und bislang größte eigene Rechenzentrum soll in Borlänge in Schweden entstehen. Es soll 1,2 Milliarden Euro kosten und mit leistungsfähigen „Vera Rubin“-Grafikprozessoren von Nvidia ausgestattet werden. Das hat das Interesse von Microsoft nicht nur deshalb geweckt, weil die Nachfrage an Rechenleistung das Angebot derzeit deutlich übersteigt. Der US-Konzern bemüht sich auch verstärkt darum, dem zunehmenden Drängen der Europäer auf souveräne, europäische Angebote gerecht zu werden. Das meint Cloud- und KI-Dienste, bei denen sensible Daten nicht auf amerikanischen Servern landen – oder die gar nicht erst verfügbar sind in Europa, wenn es Exportbeschränkungen gibt wie unlängst für die neuesten Modelle des US-Entwicklers Anthropic.
„Unser Weg ist ein Weg in die Unabhängigkeit“
„In ganz Europa und anderen regulierten Märkten wünschen sich Unternehmen Zugang zu modernster KI, während sie gleichzeitig die Kontrolle über ihre Daten, Abläufe und kritischen Workloads behalten“, schreiben Microsoft und Mistral in ihrer gemeinsamen Mitteilung. Die neue Partnerschaft erweitere von daher den „Sovereign Cloud“-Ansatz von Microsoft, indem sie die innovativen Modelle von Mistral mit den Sicherheits- und Compliance-Lösungen sowie der „Cloud-to-Edge“-Plattform von Microsoft kombiniere. Kunden biete das mehr Wahlmöglichkeiten hinsichtlich der Art und des Ortes der KI-Bereitstellung. „Europa sollte Zugang zur weltweit leistungsfähigsten KI haben, ohne dabei die Kontrolle über seine Daten, Betriebsabläufe oder digitale Zukunft zu gefährden“, wird in der Mitteilung Microsoft-Vize Brad Smith zitiert.
Als führendes europäisches KI-Unternehmen wird Mistral derzeit von vielen Seiten umgarnt. Nach eigenen Angaben zählen mehr als 100 Großunternehmen zu seinen Kunden. Auch mit dem deutschen Softwarekonzern SAP hat Mistral vor zwei Jahren eine Partnerschaft geschlossen. Einem neuen Bericht der britischen Zeitung „Financial Times“ zufolge führt der südkoreanische Samsung-Konzern derzeit Gespräche über eine Investition in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro in das Start-up. Über seine Wagniskapitalgesellschaft ist auch er wie Microsoft einer der frühen Geldgeber der Franzosen. Die Investition soll Teil einer größeren Finanzierungsrunde sein, die sich schon seit einigen Wochen abzeichnet. Mistral könnte dadurch mit 20 Milliarden Euro bewertet werden.
In der letzten Finanzierungsrunde im September 2025 belief sich die Bewertung auf 11,7 Milliarden Euro. Dabei nahm Mistral 1,7 Milliarden Euro ein, wobei der Großteil vom niederländischen Chipmaschinenhersteller ASML stammte. Dieser erwarb im Zuge dessen auch etwa elf Prozent der Anteile. Immer wieder hatte es Gerüchte gegeben, Mistral prüfe die Übernahme durch einen finanzstarken amerikanischen Softwarekonzern. Mehrfach war in dem Zusammenhang der Name Apple gefallen. Seit der letzten Finanzierungsrunde ist das aber erst einmal vom Tisch. „Wir haben in den vergangenen zwei Jahren viele Anfragen von amerikanischen Unternehmen erhalten. Aber unser Weg ist ein Weg in die Unabhängigkeit, der über diese neue Finanzierungsrunde führt“, hatte der Mitgründer und Geschäftsführer Arthur Mensch im vergangenen September klargestellt.
Die Finanzkraft und Entwicklungskapazität der amerikanischen Techgiganten hat Mistral gleichwohl nicht ansatzweise. Der Jahresumsatz belief sich nach eigenen Angaben zuletzt auf mehr als 400 Millionen Dollar. In diesem Jahr soll er mehr als eine Milliarde Dollar betragen. Die mangelnde Größe schmälert die Chancen, sich als vollwertige Alternative zu KI-Unternehmen aus den USA und auch China zu behaupten. Auseinander gehen in der Tech-Szene zudem die Einschätzungen darüber, wie gesund die Politisierung von Mistral als Europas großer KI-Hoffnungsträger für die Unternehmensentwicklung ist.
