Frühsommer in Hessen. Auf dem Wochenmarkt auf der Konstablerwache in Frankfurt locken die ersten Erdbeeren des Jahres – tiefrot, duftend, frisch aus Südhessen oder der Wetterau. Kaum hundert Meter entfernt stapeln sich im Supermarkt die gleichen Früchte, blasser, wässeriger, eingeschweißt in Plastikschalen mit dem Aufdruck „Herkunft: Spanien“. Der Preisunterschied: vielleicht fünfzig Prozent je Schale. Der Geschmacksunterschied: Welten.
Und doch greifen die meisten Kunden zur billigen, von weit her transportierten Variante. Bequemlichkeit, Gewohnheit, der Preis. Manchmal auch schlichte Unwissenheit darüber, was überhaupt in der Region wächst, produziert, gekeltert oder gebraut wird.
Der Begriff „regional“ ist vielschichtig und wird gern inflationär verwendet. Ingmar Jung, der hessische Minister für Landwirtschaft und Heimat, hat in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung jüngst eine präzise Definition geliefert, die über das Etikett hinausgeht: „Regional bedeutet, wenn Lebensmittel in Hessen gewachsen oder erzeugt, produziert, verarbeitet, vermarktet und am besten auch noch gegessen werden – die gesamte Wertschöpfungskette.“
Vom Boden bis zum Teller in der Region
Es geht also nicht nur darum, wo eine Frucht gepflückt wurde, sondern wer sie verpackt, wer sie verarbeitet, wer daran verdient. Die gesamte Kette vom Boden bis zum Teller soll in der Region verbleiben. Das ist eine hohe Anforderung – und zugleich das Ideal, auf das es zuzustreben lohnt.
Diese Vollständigkeit der regionalen Wertschöpfung ist gut für den ländlichen Raum, für den Klimaschutz, weil lange Transportwege wegfallen, und sie führt zu echter Nachhaltigkeit. Jeder Euro, der beim nächstgelegenen Hofladen ausgegeben wird, verbleibt mit weit höherer Wahrscheinlichkeit in der lokalen Wirtschaft als derselbe Euro im Filialdiscounter.
Und warum auch nicht? Deutschland ist kulinarisch vielgestaltiger, als sein Ruf vermuten lässt. Bayern ist dabei nur das bekannteste Aushängeschild: Weißwurst, Leberkäse, Obazda, Brezeln mit dem richtigen Laugenglanz – Produkte, die nicht nur touristisch vermarktet werden, sondern tief in der Alltagskultur verwurzelt sind.
In Hessen ist die kulinarische Identität weniger plakativ, aber nicht minder ausgeprägt. Der Rheingau-Riesling, der Apfelwein aus dem Frankfurter Umland, der Handkäs mit Musik, die „Ahle Wurscht“ aus Nordhessen: Das sind Produkte, die Geschichte haben und Charakter zeigen. Wer in einer Ebbelwei-Wirtschaft in Frankfurt-Sachsenhausen sitzt und zum Bembel greift, trinkt nicht nur Apfelwein – er nimmt teil an einem sozialen Ritual, das über Generationen tradiert wurde. Ähnliches gilt für den Bergstraßen-Wein, der es außerhalb Hessens kaum in die Regale schafft, gerade deshalb aber besondere Aufmerksamkeit verdient.
Rheinland-Pfalz: Beim Wein ganz vorn
Rheinland-Pfalz ist mit Abstand das größte Weinbau-Bundesland. Der Pfälzer Riesling, die Dornfelder-Rotweine aus der Pfalz, die milden Weine der Mosel – sie stehen in jeder Hinsicht mit internationalen Produkten auf Augenhöhe. Doch nur 40 Prozent des in Deutschland getrunkenen Weins sind deutschen Ursprungs, wie der hessische Landwirtschaftsminister und Winzersohn Jung beklagt. Ein Missverhältnis, das weniger mit Qualität zu tun hat als mit Selbstbewusstsein – und mit Vermarktung.
Die ökologische Seite des Themas ist offensichtlich. Lange Transportketten erzeugen CO₂-Emissionen, verbrauchen Verpackungsmaterial und Kühlenergie. Eine Erdbeere, die als Luftfracht aus Südafrika eingeflogen wurde, trägt einen enormen ökologischen Rucksack mit sich. Der globale Lebensmittelhandel hat seinen Preis – und dieser Preis wird oft von denjenigen gezahlt, die am wenigsten davon profitieren: Erntearbeiter in Marokko, Spanien oder Peru, die unter widrigen Bedingungen für Hungerlöhne schuften, damit in Deutschland das ganze Jahr über Erdbeeren, Tomaten und Trauben gekauft werden können.
Und dennoch wäre es ein Fehler, globalen Handel pauschal zu verteufeln. Die Ananas aus Costa Rica, die Mango aus Indien, die Avocado aus Mexiko – sie sind nicht per se schlecht. Sie gehören zum kulinarischen Horizont einer offenen Gesellschaft. Das Argument ist nicht: niemals Exotisches. Das Argument ist: bewusster kaufen, gezielter, mit Kenntnis der Herkunft und der damit verbundenen Kosten.

Ein häufiger Einwand, der gegen den Erwerb regionaler Produkte vorgebracht wird, ist der Hinweis, dass man nicht alles das ganze Jahr über. bekommt. Wer im Januar eine reife Tomate will, muss sie importieren – oder darauf verzichten. Das bedeutet eine Rückbesinnung auf den Jahreszeiten-Rhythmus. Gemüse im Frühling, Beeren im Sommer, Kürbis und Äpfel im Herbst, Kohl und Wurzelgemüse im Winter. Das ist kein Mangel, das ist Kalender.
Hinzu kommt eine überraschend ermutigende Entwicklung: Deutschland wächst kulinarisch. Dank veränderter Klimabedingungen werden hierzulande inzwischen Früchte und Gemüse angebaut, die früher nur aus dem Süden eingeflogen werden konnten. Süßkartoffeln aus dem Rheinland, Wassermelonen aus Brandenburg, Aprikosen vom Bodensee, erste Versuche mit Olivenbäumen am Kaiserstuhl. Was kurios klingt, ist in Wahrheit ein stiller Strukturwandel in der Landwirtschaft.
Neue Perspektiven für heimische Landwirte
Der heimische Anbau exotisch wirkender Produkte verkürzt Transportwege radikal und schafft neue wirtschaftliche Perspektiven für Landwirte, die sonst unter dem Preisdruck des globalen Marktes leiden. Eine Paprika aus Franken mag nicht billiger sein als eine aus Spanien – aber sie ist frischer, erzählt eine Geschichte, die man kennen kann, und stärkt die Landwirtschaft vor der eigenen Haustür.
Hier kommt die Vorbildfunktion des Staates ins Spiel. Es ist eine politische und kulturelle Frage, ob Landesregierungen, Ministerien und ihre Behörden bei Veranstaltungen, Empfängen und Tagungen auf regionale Produkte setzen – oder auf Beliebigkeit.
Der CDU-Politiker Ingmar Jung hat diesen Punkt in seiner Rolle als hessischer Landwirtschaftsminister konsequent verfolgt und ihn sogar in einem Erlass festgeschrieben: Hessische Behörden sollen bei offiziellen Anlässen hessische Produkte bevorzugen. Was selbstverständlich klingen mag, ist es nicht, denn in Deutschland gilt es manchmal noch als besonders schick, Ausländisches zu präsentieren – als wäre Regionalität ein Zeichen von Provinzialität.
Jungs Kampagne „Hessen schmecken“ ist die richtige Antwort auf diese Logik. Bewusstsein entsteht nicht von allein. Nötig sind Multiplikatoren und Entscheidungen – auch politische. Wenn beim nächsten von der Landesregierung in Berlin ausgerichteten Empfang ein Grauburgunder von der Hessischen Bergstraße eingeschenkt wird statt eines französischen Chablis, dann ist das keine Provinzialität, sondern ein Statement.
Die Argumente für regionale Produkte sind stark, aber die Gegenargumente verdienen ebenfalls Respekt: Regionale Produkte sind oft teurer und nicht für alle Haushalte gleichermaßen erschwinglich. Saisonalität schränkt die Verfügbarkeit ein. Globaler Handel ermöglicht ärmeren Ländern wichtige Exporteinkünfte. Und manchmal entsteht der beste Käse nun einmal in Frankreich, und die beste Olive wächst in Griechenland.
Der Schlüssel liegt nicht im „alles oder nichts“, sondern in der bewussten Entscheidung. Wer regionale Produkte zur Regel macht und globale zum gelegentlichen Genuss, trifft eine vernünftige Mitte und verschafft sich ein gutes Gewissen. Die Ananas darf es trotzdem geben – aber nicht als Dauerzustand, der die Erdbeere aus dem Nachbarort vom Tisch verdrängt. Regionalität ist kein Opfer, sondern eine Chance. Sie schmeckt besser, macht ein gutes Gewissen – und hilft, im kleinen Maßstab, einer Welt, die unter den Folgen industrialisierter Landwirtschaft und globaler Lieferketten stöhnt.
