Gut 24 Stunden, nachdem Jens Spahn den CDU-Fraktionsvorsitz aufgegeben hatte, sitzen zwei Männer aus dem Ruhrpott an ihrem Urlaubsort in Frankreich und schauen freundlich in die Handykamera. Bei der Terminvereinbarung hatten sie vorgeschlagen, gegen 13 Uhr sei eine gute Zeit zum Reden, dann halte ihr knapp zweijähriges Kind Mittagsschlaf. Dieses Kind verbindet sie in gewisser Weise mit dem Ehepaar Jens Spahn und Daniel Funke. Auch das Kind von Niko Halwer und seinem Mann Matthias wurde von einer Leihmutter in den Vereinigten Staaten ausgetragen. Halwer sagt: „Jens Spahn hätte so ein toller Botschafter sein können für die Belange von Menschen, die sich per Leihmutterschaft ihren Traum von einer eigenen Familie erfüllen. Aber dafür hätte er von Anfang an transparent mit ihrem Plan umgehen müssen.“
Niko Halwer ist Lehrer, Matthias, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, arbeitet im medizinischen Bereich. Beide sind 39 Jahre alt, seit 15 Jahren ein Paar, verheiratet seit 2023. Matthias ist seit der Geburt ihres Kindes – der leibliche Vater ist sein Ehemann – in Elternzeit; bald beginnt die Kita-Eingewöhnung. Das Kind hat ihr Leben verändert – wie das für fast alle Paare ist, die eine Familie gründen. Die beiden Väter aus Nordrhein-Westfalen sind dafür jedoch einen Weg gegangen, den nicht wenige Deutsche kritisch sehen, wie das Beispiel von Jens Spahn zeigt.
Eine Liberalisierung kommt für die CDU nicht infrage
In Deutschland ist Leihmutterschaft gesetzlich verboten; im Ausland hingegen können in Deutschland lebende Paare Leihmutterschaft in Anspruch nehmen. Zudem gibt es ethische und moralische Bedenken, mit Blick auf die Frauen und auf die Kinder. Die CDU vertritt als Partei eine klare Position. Sie lautet: Eine Liberalisierung, auch der altruistischen Leihmutterschaft, kommt nicht infrage.
Halwer hatte sich schon als Jugendlicher eine Familie mit Kindern erträumt. Damals sah er noch eine Frau an seiner Seite. Als ihm klar wurde, dass er Männer liebt, dachte er, der Kinderwunsch habe sich erledigt. Er lernte Matthias kennen, irgendwann sagten sie, nur halb im Scherz: Wir probieren es erst einmal mit einem Hund, wenn das gut läuft, können wir auch über ein Kind nachdenken. Es lief gut mit dem Hund, aber den Weg zu einem Kind sahen sie nicht.
Doch Halwers Kinderwunsch wurde mit der Zeit so stark, dass der Gedanke daran, ihn nicht erfüllen zu können, ihn sehr belastete. „Ich konnte mich nicht freuen, als eine Cousine schwanger wurde. Ich mied Einladungen, bei denen ich die kleinen Kinder von Freunden gesehen hätte. Ich fühlte mich fast krank.“
Um sich über Adoption zu informieren, sprachen sie mit einer Freundin, die beim Jugendamt arbeitet. Sie sagte ihnen, dass auf einen Säugling zehn Interessenten kämen. Dass die Wartezeit auf ein Adoptivkind im Durchschnitt fünf bis sieben Jahre betrage. Und dass Eltern, die ihr Kind zur Adoption freigäben – zumindest war es zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2020 in ihrer Heimatstadt noch so –, angeben könnten, dass sie ihr Kind nicht an ein gleichgeschlechtliches Paar abgeben wollten. Das hörte sich kompliziert und langwierig an. Als das Paar im Fernsehen einen Bericht über Leihmutterschaft sah, beschloss es, sich über diese Option auf einer Kinderwunschmesse in Köln zu informieren.
Beide Väter werden in die Geburtsurkunde eingetragen
Dort bekamen sie Informationen über Leihmutterschaft in Ländern wie Griechenland, den Niederlanden, der Ukraine – noch vor Ausbruch des Kriegs – und den Vereinigten Staaten. Die Bedingungen in den USA sagten ihnen am meisten zu, vor allem zwei Punkte: „Wir hatten den Eindruck, die Leihmutter hat das Sagen, sprich: Das läuft fair ab“, sagt Matthias. Zudem sei dort auch gesetzlich geregelt, dass beide Väter in die Geburtsurkunde eingetragen würden. In der Ukraine, wo bis zum Ausbruch des Kriegs viele deutsche Paare mithilfe einer Leihmutter ein Kind bekamen, wird nur der leibliche Vater in die Geburtsurkunde eingetragen; der zweite Elternteil muss das Kind adoptieren. In der Ukraine, so wurde dem Ehepaar gesagt, würden zudem nur wenige Leihmütter Kinder für ein schwules Paar austragen.
Nach der Messe, auf der sie mit zwei Kliniken in Kontakt gekommen waren, überlegten sie, ob diese Option für sie infrage kommen könnte. „Wir haben uns wirklich viele Gedanken gemacht“, sagt Halwer. „Wir haben abgewogen, ob wir unserem Kind erklären werden können, warum wir diesen Weg gewählt haben.“ Sie kamen zu dem Schluss: Das können wir.
Die Klinik aus Kalifornien, die sie auf der Messe kennengelernt hatten, vermittelte ihnen den Kontakt zu unterschiedlichen Agenturen. Eine solche benötigen potentielle Eltern, um ihren Kinderwunsch umsetzen zu können. Eine exakte Anzahl der Leihmutterschaftsagenturen in den USA ist nicht bekannt, da es keine zentrale Registrierung gibt. Auf Basis von Branchenverzeichnissen, Rankings und staatlichen Lizenzlisten ist von etwa 150 bis 250 Agenturen auszugehen. Halwer und sein Mann sprachen per Videocall mit mehr als zehn Agenturen. Nach einem Dreivierteljahr hatten sie sich für eine entschieden, die ebenfalls in Kalifornien sitzt.
Über die Klinik bekamen sie einen Katalog mit Profilen von Frauen
Über die Klinik bekamen sie einen Katalog, darin: Profile von Frauen, die bereit sind, gegen Bezahlung Eizellen zu spenden. In den USA ist festgelegt, dass die Eizelle, die in vitro mit dem Sperma des zukünftigen Vaters befruchtet wird, nicht von der Leihmutter stammen darf. Die Frau, die den Embryo austrägt, darf nicht die biologische Mutter sein. Halwer und sein Mann gingen den Katalog unabhängig voneinander durch. Halwer legte Wert auf das Äußere der Eizellspenderin; seinem Partner war es vor allem wichtig, sich mit dem gesundheitlichen Zustand der Frauen zu beschäftigen. „Ich wollte auch wissen, in welchen Verhältnissen sie und ihre Familie leben“, sagt er.
Sie einigten sich auf eine Frau aus San Diego, die als Sanitäterin in einem Rettungshubschrauber arbeitet und die angab, sie würde sich nach der Geburt über Kontakt zu Eltern und Kind freuen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie und ihr Ehemann einen knapp einjährigen Sohn; mittlerweile ist noch eine Tochter hinzugekommen. Als ihre Motivation hatte sie in dem Katalog angegeben: „We wish us luck for the world“ – Wir wünschen uns Glück für die ganze Welt.

Um in Kontakt mit ihrer Leihmutter zu kommen, brauchten die beiden Männer aus dem Ruhrpott länger. In den USA entscheidet die Leihmutter, für wen sie ein Kind austragen möchte. Das Paar stellte sich in einem Bewerbungsschreiben vor, erläuterte, warum es sich ein Kind wünsche. Organisiert über die Agentur, die ihnen unter anderem auch einen Anwalt vermittelte – Leihmutterschaft ist ein rechtlich komplexes Thema –, kamen sie mit mehreren Frauen in Kontakt, die sich vorstellen konnten, ihr Kind auszutragen. Eine Frau, die sie sympathisch und passend fanden, hatte dann bei der Untersuchung in der Klinik ein etwas niedrigeres Gewicht, als es die Klinik für eine Leihmutter vorgibt. Die Deutschen fragten sie daraufhin, ob sie überhaupt zunehmen wolle. Eine andere Frau schied aus, da sich bei einer zuvor geplanten Schwangerschaft der Embryo nicht eingenistet hatte.
Die fünfte Frau, mit der sie sprachen, war eine Dreiunddreißigjährige aus Illinois, verheiratet, drei Kinder, sie wie auch ihr Mann bei der nationalen Eisenbahn beschäftigt. Sie sagte, sie wolle ihnen mit diesem Kind Glück schenken, nachdem sie in ihrem eigenen Umfeld erlebt habe, wie belastend es für ein Paar gewesen sei, kein Kind bekommen zu können. Drei Jahre, nachdem Niko Halwer und sein Ehemann beschlossen hatten, sich den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen, wurde es somit wirklich ernst.
Von der Leihmutter bekamen die zukünftigen Väter einen Teddy
Im Oktober 2024 – die Schwangerschaft war zunächst problemlos verlaufen, die Leihmutter entwickelte im Verlauf jedoch einen Bluthochdruck – flogen sie nach Amerika. Sie besuchten die Eizellspenderin in Kalifornien, dann reisten sie nach Illinois. An einem Montagmorgen saßen sie in einem typisch amerikanischen Diner zum Frühstück erstmals der Frau gegenüber, die seit mittlerweile 36 Wochen ihr Kind austrug. Danach fuhren sie auf Wunsch der Leihmutter in ein Einkaufszentrum, wo sie einen Teddy für das Kind in ihrem Bauch kaufte, den sie den zukünftigen Vätern schenkte.
In der Klinik, in der sie eine Woche später entband, kamen sie morgens alle gemeinsam an; für das dortige Personal eine gewohnte Situation. Niko Halwer sagt: „Sobald wir Deutschland verlassen hatten, war das eine andere Welt.“ Damit meint er: In den USA ist Leihmutterschaft Routine, nicht nur in der Klinik, auch im Rathaus, wo sie die Geburtsurkunde ihres Kindes bekamen, in der sie beide als Väter eingetragen waren. Oder bei der Beantragung des Reisepasses.
In Deutschland ist es das nicht. Als der Lehrer vor der Reise über den Atlantik unbezahlten Sonderurlaub über zweieinhalb Monate bei seinem Dienstherrn beantragte – „wahrscheinlich war ich der erste Beamte mit dieser Begründung“ –, bekam er zunächst die Antwort: geht nicht. Doch dort wie auch bei allen späteren Schritten merkten er und sein Ehemann: Wenn man erklärt, wenn man informiert, unterstützen auch in Deutschland alle. So zum Beispiel nach ihrer Rückkehr im Standesamt, um eine deutsche Geburtsurkunde ausgestellt zu bekommen, oder im Bürgerbüro für die Meldebescheinigung.
Nach der Geburt, die sie im Kreißsaal miterlebten, empfahl ihnen die Leihmutter, erst einmal einen Kaffee trinken zu gehen, um sich zu „erholen“. In dieser Zeit hatte sie das Neugeborene bei sich, danach übergab sie es ihnen und sagte: „enjoy your baby“ – genießt euer Kind. Das Argument, dass die Frauen als Leihmütter ausgebeutet würden, kann das Ehepaar zumindest in seinem Fall nicht akzeptieren. Halwer sagt: „Natürlich ist uns klar, dass wir diese Frau gebraucht haben, um uns den Kinderwunsch zu erfüllen. Aber wir haben ein Verhältnis zur gesamten Familie entwickelt, sind einander sehr verbunden.“
Mit der Leihmutter haben sie noch wöchentlich Kontakt
Zu Thanksgiving, dem wichtigen amerikanischen Feiertag Ende November, an dem die Familien zusammenkommen, waren sie bei der Mutter ihrer Leihmutter eingeladen. Sie bezeichnet sich selbst als ihre „American Grandma“. Auch mit ihr haben sie, wie auch mit der Eizellspenderin, weiterhin monatlich Kontakt, mit der Leihmutter wöchentlich.
Dass sie es sich trotzdem gewünscht hätten, nicht in die Vereinigten Staaten gehen zu müssen, sondern ihr Kind legal in Deutschland durch Leihmutterschaft bekommen zu können, verhehlen sie nicht. „Wie toll könnten wir in Deutschland mit unseren ethischen Maßstäben altruistische Leihmutterschaft ermöglichen“, sagt Halwer. Der Weg, den sie gewählt haben, hat sie rund 180.000 Euro gekostet.
Mit ihren Arbeitgebern haben beide gute Erfahrungen gemacht. Matthias bekam bei der Planung der Elternzeit große Unterstützung. Halwers Kollegium, das seine Ausfallzeiten rund um die Geburt kompensieren musste, tat das klaglos. Der Hausmeister der Schule, den Halwer als „fromm“ beschreibt und von dem er nicht abschätzen konnte, wie er reagieren würde, umarmte ihn fest und drückte seine Freude über die anstehende Geburt aus.
Auch Halwers Klasse wusste wegen seiner längeren Abwesenheit vorab Bescheid. Ab und an nimmt der Lehrer heute sein Kind mit in die Schule. Die Schüler seien, so erzählt er, sehr interessiert. Es habe nur ganz wenige negative Kommentare von Schülern aus anderen Kulturkreisen gegeben. Sie seien aber auch nicht gegen das Kind gerichtet gewesen, sondern lauteten: zwei Männer, das ist ja eklig. Diese Schüler lacht er dann an und sagt: „Ihr mochtet mich vorher als euren Lehrer. Bin ich jetzt ein anderer?“
Für ihr Kind haben sie ein Fotobuch gestaltet, das es auch schon in jungen Jahren gemeinsam mit ihnen anschauen kann. Darin sieht es die Personen, die zu seiner Existenz beigetragen haben. Auch in einer App sammeln sie weiterhin Fotos und Begebenheiten, die die ersten Lebensjahre ihres Kindes und ihr gemeinsames Leben als erweiterte Familie dokumentieren. Vielleicht wird diese noch größer: Jetzt, wo sie das eine Kind haben, das „Papa“ und „Papi“ zu ihnen sagt, können sie sich vorstellen, auch noch einem Adoptiv- oder Pflegekind ein Zuhause zu geben.
