Auf der diesjährigen Farnborough Air Show lockt eine besondere Attraktion. Luftwaffenoffiziere und andere Besucher stehen Schlange, um ins Cockpit des neuen Kampfflugzeugs GCAP zu steigen. Es ist allerdings kein echter Tarnkappenjäger, der da steht, nur das 19 Meter lange Modell des künftigen Kampfjets. Aber es verdeutlicht, wie weit GCAP schon fortgeschritten ist.
Das trinationale Luftkampf-Projekt „Global Combat Air Programme“ von Großbritannien, Italien und Japan kommt gut voran. Anders als das deutsch-französische FCAS (Future Combat Air System), das vor Kurzem an der Unfähigkeit zur Kooperation zwischen Airbus und Dassault Aviation gescheitert ist, kommen Briten, Italiener und Japaner gemeinsam gut aus. Federführend beteiligt sind die Unternehmen BAE Systems, Leonardo und Mitsubishi Heavy Industries.

Sie arbeiten nun schon seit 2022 an dem Kampfflugzeug, das als Eurofighter- und F-35-Nachfolger eingesetzt werden soll. Voriges Jahr gründeten die drei Nationen das Joint Venture Edgewing, das mit der Konstruktion des Flugzeugs beauftragt ist. Jeder Partner ist mit einem Drittel beteiligt. GCAP ist das derzeit größte Rüstungsprojekt der drei Nationen. Die Entwicklungskosten schätzen unabhängige Analysten auf 70 bis knapp 90 Milliarden Euro. Geplant ist, das neue Flugzeug im Jahr 2035 in Dienst zu stellen.
Nun hat Kanada entschieden, dass es dem Programm beitritt. Eine entsprechende Einladung dazu gaben die drei GCAP-Partner am Dienstag bekannt. Kanadas Verteidigungsminister David McGuinty wird in London eine Erklärung unterzeichnen. Allerdings tritt Kanada nur als „Beobachter“ bei, nicht als gleichberechtigter Entwicklungspartner. Vorerst leistet Ottawa daher auch keinen finanziellen Beitrag. Ein späterer umfassenderer Beitritt bleibt möglich.
Kanadas Beitritt ist ein Gewinn für die Allianz
Das werten Fachleute als Gewinn für die GCAP-Allianz. Denn es zeigt, dass Kanada die Weichen stellt, seine Kampfflugzeuge künftig nicht mehr ausschließlich aus den USA zu beziehen. Ottawa mustert derzeit seine alternden Jets vom Typ CF-18 Hornet aus. Geplant war, sie nach und nach durch F-35 Lightning II von Lockheed Martin zu ersetzen. Wegen der ständigen Spannungen mit der Trump-Regierung sieht sich Ottawa aber nach Alternativen um. Als Kampfjet der nächsten Generation könnte Kanada das GCAP-Flugzeug statt des F-35-Nachfolgers einsetzen.
Auch Saudi-Arabien hat schon Interesse an GCAP geäußert. Japan war indes besorgt, dass zusätzliche Partner die Aufgabenteilung komplizierter machen und den Zeitplan gefährden könnten. Tokio verfolgt Chinas militärische Aufrüstung mit Sorge und will am Zieljahr 2035 unbedingt festhalten, um seine bisherigen F-2-Kampfjets von Mitsubishi schrittweise zu ersetzen.
Edgewing-Vorstandschef Marco Zoff betonte in Farnborough, dass das Datum 2035 für das neue Flugzeug eingehalten werde. „Wir sind zuversichtlich, dass wir das schaffen. Wir arbeiten schneller als bei herkömmlichen Entwicklungsprozessen“, sagte er vor Journalisten. Der Druck der drei Regierungen sei so hoch, dass sie einen strikten Zeitplan einhalten und die Lieferzusagen erfüllen würden, so der Ingenieur und frühere Leonardo-Manager.
In London wurde zeitweise darüber spekuliert oder auch gehofft, dass Deutschland sich nach dem FCAS-Desaster der GCAP-Entwicklung anschließen könnte. Doch Beobachter in Berlin halten das für unwahrscheinlich. Die deutsche Luftfahrtindustrie beansprucht eine technische Führungsrolle, diese würden die Briten und Italiener ihr aber nicht einräumen. Es drohe ein ähnliches Gezerre wie schon beim FCAS. Vielversprechender sei, dass Deutschland sich mit dem schwedischen Hersteller Saab für eine Weiterentwicklung des Kampfflugzeugs Gripen zusammentue.
Kampfjet, Drohnenschwarm und KI-Plattform
Das Global Combat Air Programme (GCAP) umfasst weit mehr als ein Kampfjet der sechsten Generation mit hochmoderner Sensorik zur Erfassung feindlicher Ziele und Bedrohungen. Das bemannte Mehrzweckflugzeug soll mit einem Verbund unbemannter Begleitdrohnen („Loyal Wingmen“) zusammenarbeiten, die über autonome und KI-gestützte Fähigkeiten verfügen. Der Jet fungiert dabei als zentrale Führungs- und Vernetzungsplattform des gesamten Systems. Mit diesem Konzept soll GCAP mit den Luftkampfsystemen der nächsten Generation aus den USA (F-47) sowie den entsprechenden chinesischen Entwicklungen konkurrieren können. An dem Programm wird derzeit mit Hochdruck gearbeitet.
Es ist das erste Mal seit vierzig Jahren, dass die Briten ein eigenes Flugzeug ganz neu konstruieren. 1986 stellten sie einen Prototyp des späteren Eurofighter (Typhoon) vor. Schon Ende 2027 soll, so hat BAE versprochen, nun ein Demonstrator, eine Art Prototyp, für das neue Kampfflugzeug vorliegen. 2028 werde dieser Prototyp erstmals in der Luft getestet.
„Wir machen große Fortschritte. 90 Prozent des neuen Flugzeugs sind schon konzipiert und werden Schritt für Schritt hergestellt, mehr als 11.500 Teile“, sagte Tony Godbold, BAE-Chefentwickler für das neue Luftkampfsystem, der F.A.Z. in Farnborough. Dabei setzt der Rüstungskonzern an seinen nordenglischen Standorten Samlesbury und Warton stark auf Entwicklungsprogramme mit Virtueller Realität (VR).
Das Flugzeug wird schon im VR-Simulator getestet
In ihrer sogenannten VR-Höhle können Ingenieure, die eine VR-Brille tragen, Teile und Komponenten des Flugzeugs entwerfen, einpassen und das Innere des Cockpits betreten und testen. All das helfe, frühzeitig Fehler zu erkennen. Damit senke man Entwicklungsrisiken und Kosten. In der Spitze haben mehr als tausend Ingenieure an dem Programm gearbeitet. „Mit den digitalen Entwicklungswerkzeugen und Designtechniken verschieben wir die Grenzen dessen, was bislang möglich war“, so Godbold. Zudem testen Piloten das Flugzeug schon an VR-Flugsimulatoren. „Es wurden schon mehr als 300 Stunden geflogen“, berichtet der BAE-Entwicklungschef.
Die Finanzierung von GCAP scheint für die nächsten Jahre gesichert. Ende Juni stellte der inzwischen ausgeschiedene britische Premierminister Keir Starmer 8,6 Milliarden Pfund im neuen Rüstungsinvestitionsplan für GCAP für die nächsten vier Jahre bereit – deutlich mehr als erwartet. Die Industrie habe jetzt „die dringend benötigte Klarheit“ erhalten, freute sich BAE-Vorstandschef Charles Woodburn. Dass John Healey, der frühere Verteidigungsminister, zum neuen Schatzkanzler in London berufen wurde, freut die britische Armee und die Rüstungsindustrie. Die Aktienkurse von BAE Systems und Babcock stiegen am Dienstag um drei Prozent beziehungsweise sechs Prozent. Healey werde als Schatzkanzler mehr Mittel fürs Militär freimachen, heißt es.
Über die Gesamtkosten der GCAP-Entwicklung gibt es bislang keine offiziellen Schätzungen. In einer Vorlage des Verteidigungsausschusses des römischen Parlaments wurde der italienische Anteil an den Entwicklungskosten mit 18,6 Milliarden Euro beziffert. Das bezieht sich aber nur auf die frühe Phase. Neuere Schätzungen gehen schon höher. Justin Bronk, Verteidigungsexperte bei der Denkfabrik Royal United Services Institute, schätzt, dass die Entwicklungskosten vermutlich bei 20 bis 25 Milliarden Pfund für jeden der drei Partner liegen werden.
Das entspräche insgesamt 60 bis 75 Milliarden Pfund, umgerechnet 70 bis 88 Milliarden Euro. Gesamtentwicklungskosten zu schätzen sei „voreilig“, da man sich noch in der Designphase befinde, meinte Masami Oka, der japanische Chef der trinationalen GCAP Agency, vor Journalisten auf der Luftfahrtmesse Farnborough.
Einzelne Rüstungsexperten haben Zweifel geäußert, ob die GCAP-Technologie mit den Kampfflugzeugen der sechsten Generation der USA und der Chinesen wirklich mithalten könne. In der Vergangenheit hätten europäische Entwicklungen wie Tornado und Eurofighter nicht das erhoffte Niveau erreicht und seien teurer als geplant geworden. Edgewing-Vorstandschef Marco Zoff zeigt sich überzeugt, dass es diesmal gelinge. „GCAP ist Teil einer umfassenderen Strategie zur Sicherung der Luftüberlegenheit“, sagte er. Kontrolle über den Luftraum werde entscheidend sein für Schlachten der Zukunft.
