
Das Buch des Geschlechterforschers Patrick Wielowiejski über „Rechtspopulismus und Homosexualität“ erschien vor zwei Jahren und wurde von der Presse freundlich aufgenommen. Der Untertitel „Eine Ethnographie der Feindschaft“ zieht schon ein Fazit. Wielowiejski kommt am Anfang und am Ende des Buches zu dem Ergebnis, dass zwischen Rechtspopulisten und Homosexuellen ein tiefer Graben liegt. Interessant ist, was dazwischen geschieht.
Das hat der Historiker Alexander Zinn, der zur Homosexualitätsgeschichte einschlägig publiziert hat, in einer Rezension für die Zeitschrift „theologie.geschichte“ dargelegt, um die er zunächst gebeten, die dann aber nicht gedruckt wurde. In dürren Worten beschied ihm das Herausgebergremium, sein Text sei eine unwissenschaftliche Polemik und imitiere einen feuilletonistischen Ton. Der Vorwurf des Feuilletonismus wird in der Wissenschaft gern benutzt, wenn etwas inhaltlich missfällt. Stilistisch ist die Rezension ohne Makel. Polemisch könnte man vielleicht Zinns Urteil nennen, der in der Geschlechterforschung dominierende Konstruktivismus sei dogmatisch erstarrt. Es wird durch die von Zinn beschriebene Methodik des Buches jedoch auf eigentümliche Weise bestätigt.
Zinn, der am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden arbeitet, wirft der Geschlechterforschung vor, in ihrem Werben für die Dekonstruktion von Geschlechtergrenzen die Grenze zum politischen Aktivismus zu überschreiten. Auch Patrick Wielowiejski verortet er auf dieser Linie. Ein Drittel des Buches nehme die methodische Reflexion des Autors über die Frage ein, wie er sich seinem Gegenstand, den Üblichkeiten in der Ethnographie entsprechend, solidarisch nähern könne.
Widersprüche in der Parteiprogrammatik
Der solidarische Zugriff bleibt Wielowiejski letztlich verwehrt, weil er im Feindesgebiet einer Partei forscht, die er nach gängigem Muster als nationalistisch, undemokratisch und faschistisch beschreibt. Für seinen Forschungszweck bricht er ausnahmsweise mit seiner Devise, mit Rechten rede man nicht.
Laut Zinn werden die Vorannahmen durch die Feldforschung dann aber nicht bestätigt. Die AfD präsentiere sich dem Autor dort als homosexuellenfreundliche Partei, die der parteiinternen Homosexuellengruppe großen Einfluss gewähre. Zu dieser für ihn überraschenden Offenheit setze sich der Autor mehrfach reflektierend ins Verhältnis, „Verbrüderung“ und „Verstrickung“ befürchtend. Für die vorbildliche Hinterfragung seiner Perspektive wird er vom Rezensenten gelobt.
Das positive Verhältnis der Partei zur Homosexualität ist nach der Studie teils logisch durch die Frontstellung gegen als homosexuellenfeindlich apostrophierte Einwanderer zu erklären, teils ist sie das nicht: Das traditionelle Familienbild der Partei verträgt sich nicht mit der Homo-Ehe. Der Autor schildert, wie Homosexuelle in der Partei mit dem Widerspruch umgehen. So entsteht der Rezension zufolge ein vielschichtiges Bild, das Widersprüche in der Parteiprogrammatik offenlegt.
Die differenzierte Wertung wird im Schlussteil laut Zinn dann aber wieder einkassiert. Da sortiere der Autor seine Ergebnisse wieder in das stereotype Freund-Feind-Muster der Genderforschung und klassifiziere die Homosexuellenpolitik der AfD als „homonationalistisch“, „biologistisch“, „phallogozentrisch“, „gender“- und „queerfeindlich“ ab. Zinn hält dem Autor vor, dieselbe Freund-Feind-Logik zu bedienen, die er der AfD ankreide. Damit schließt die teils lobende, teils kritische Rezension.
Dass eine Partei, die die Gender Studies abschaffen will, ein positives Bild der Homosexualität haben kann, mag auf den ersten Blick überraschen, lässt sich aber dadurch erklären, dass Homosexualität nicht mit dem binären Geschlechterbegriff bricht und vom Queer-Paradigma teils eingemeindet, teils angefeindet wird. Man könnte Zinn vorhalten, die mit dem Genderparadigma arbeitende Geschlechterforschung nicht ausreichend von der kleineren Fraktion in der Geschlechterforschung abzugrenzen, die an der Geschlechterdifferenz festhält. Das war aber nicht der Grund der Ablehnung.
Nun kommt es immer wieder vor, dass Rezensionen nicht gedruckt werden. Oft gibt es dafür gute, benennbare Gründe. Auf die Bitte dieser Zeitung um nähere Begründung erklärt das Herausgebergremium jedoch ein weiteres Mal nur schmallippig, eine Verortung im Forschungsstand, inhaltliche Zusammenfassung und kritische Würdigung seien in dem Text nicht auszumachen. Zwei der Elemente sind dort aber durchaus enthalten, und einen Forschungsstand zum Thema gibt es wohl noch nicht. Wenig später veröffentlichen die Herausgeber die journalistische Anfrage ohne Rückfrage in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift. Einschüchterungsversuche gegenüber der freien Presse gibt es offenbar nicht nur von Seiten der AfD. Das befremdliche Vorgehen bestärkt den Verdacht, das differenzierte Ergebnis sei der wahre Grund der Ablehnung. Wem das in die Karten spielt, muss man kaum noch erwähnen.
