Khaled Al Mohammed-Al Salem strahlt. Der Dreißigjährige mit den leuchtenden Augen steht in seiner Autowerkstatt und sagt: „Ich schulde Deutschland etwas.“ Das Land habe ihn gerettet. Leicht war sein Weg allerdings nicht. Der Syrer hatte 2015 seine Heimat verlassen, um dem Einsatz als Soldat im Bürgerkrieg und dem heranrückenden IS zu entfliehen, wie er erzählt. Denn auch die Tatsache, dass er ein Studium begonnen hatte, habe ihn nicht mehr vor der Rekrutierung schützen können.
Einige der älteren seiner elf Geschwister waren damals schon im Ausland – allerdings nicht in Deutschland. Auch er machte sich auf den Weg – zu Fuß in 16 Tagen über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Ungarn und Österreich bis nach München, wo er im Mai 2015 ankam. „Das war nicht einfach“, sagt er über die vielen Etappen und das dabei Erlebte und lächelt heute dabei. Über Gießen und Bad Homburg kam der damals Zwanzigjährige schließlich im Juli 2015 in eine Flüchtlingsunterkunft in Königstein. Das war sein Glück.
Denn dort gab es den schon 2014 gegründeten Freundeskreis Asyl, der sich um die Neuankömmlinge kümmerte, ihnen Sprachunterricht anbot und sie bei vielem begleitete. „Das Alphabet haben wir durch Martina Weber mit Autonamen – Audi, BMW, Citroën und so weiter – gelernt“, berichtet Khaled, der inzwischen perfekt Deutsch spricht.

Eine der ehrenamtlichen Betreuerinnen war Dagmar Spill. Sie nahm Khaled zusammen mit zwei anderen, die zur gleichen Zeit angekommen waren, unter ihre Fittiche. Einer der drei, erzählt sie, hatte damals schon ein IT-Studium absolviert und, sobald er arbeiten durfte, sofort einen Job gefunden. Der andere habe sich schwergetan und bis heute nicht richtig Fuß gefasst.
„Ich wollte nicht in ein anderes Bundesland ziehen“
Khaled aber konnte sie durch intensive Betreuung zu verschiedenen Praktika über das hessische Programm „Wirtschaft integriert“ verhelfen und ihn bei der Bewerbung für eine Ausbildung bei BMW unterstützen. Die begann er im August 2018 in Frankfurt, wo er auch die Berufsschule besuchte. Nach dem erfolgreichen Abschluss setzte er gleich mit einem einjährigen Lehrgang den Meister obendrauf. Im Anschluss wollte er Elektrotechnik studieren.
Doch für ein duales Studium fand sich zunächst kein passender Arbeitgeber. „Ich wollte nicht in ein anderes Bundesland ziehen”, sagt er. Daher entschied er, erst einmal Geld zu verdienen und sich mit einer eigenen Meisterwerkstatt auf dem Gelände einer Tankstelle in Hofheim selbständig zu machen.
Das Programm „Wirtschaft integriert“ hat vielen der Flüchtlinge, die damals nach Deutschland kamen, den Weg in die deutsche Arbeitswelt geebnet, auch Beyinesay A. aus Eritrea und Wali I. aus Afghanistan, die beide ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchten. Die Flüchtlinge berichteten kürzlich bei der Vorstellung der Bilanz zum zehnten Jahrestag der Auflage des Programms auch über ihre Wege nach Deutschland.
Für die meisten Flüchtlinge ist die Sprache eine Herausforderung
Wie für die meisten war die Sprache für sie eine Herausforderung. Beyinesay A. erinnert sich: „Das war für mich die größte Hürde, und in der Berufsschule waren die Fachbegriffe die schwerste Aufgabe, aber auch all die Antragstellungen waren kompliziert und ohne Hilfe kaum zu bewältigen.“ Wali I. musste sich sich erst einmal orientieren: „Das Projekt hat mir sehr geholfen, vor allem am Anfang. Ich habe Unterstützung bekommen und mehr Vertrauen in mich selbst gewonnen. Heute habe ich meinen Abschluss und arbeite fest als Kfz-Mechatroniker“, berichtete er. Auch Beyinesay A. schloss seine Ausbildung erfolgreich ab: „Ich habe jetzt einen Gesellenbrief und wurde nach dem Abschluss vom Betrieb übernommen. Heute verdiene ich mein eigenes Geld.“
Zehn Jahre nach ihrer Ankunft in Hessen stehen sie fest im Berufsleben. Und damit geht es ihnen, wie Zahlen der Bundesagentur für Arbeit belegen, wie 70 Prozent der in den Jahren 2015/2016 nach Hessen gekommenen rund 70.000 Flüchtlinge. Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) würdigte die Arbeit des Integrationsprojekts als wichtigen Baustein für gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirtschaftliche Zukunft.
Darin sieht auch der Chef der Regionaldirektion Hessen der Arbeitsagenturen, Frank Martin, den wesentlichen Faktor für die Integration in den Arbeitsmarkt. Dass der hohe Integrationsgrad erst langsam erreicht worden sei, habe auch daran gelegen, dass man die Infrastruktur etwa durch das Bundesamt für Migration erst einmal habe aufbauen müssen. Zunächst hatte man sogar damit gerechnet, dass es 15 Jahre dauern werde, bis etwa 70 Prozent der Flüchtlinge Arbeit hätten.
Vor allem auf dem Land fehlen Sprachkurse
„Das System war auf Einzelfälle angelegt“, so Martin, und nicht auf die Einwanderung Tausender. Insbesondere in ländlichen Regionen fehlten zum Teil bis heute ausreichend Sprachkurse. Ankündigungen von Kürzungen dort bereiten ihm heute Sorgen. Mehr aber noch die aktuelle wirtschaftliche Lage, die in den vergangenen Monaten zum Anstieg der Arbeitslosenzahlen geführt hat und damit auch dafür sorgt, dass es schwieriger wird, Menschen in Arbeit zu vermitteln.
Das Landesprojekt bietet, was die Sprachförderung angeht, weiterhin Hilfe. Es richtet sich an Personen – nicht nur Asylbewerber -, die noch nicht gut genug Deutsch sprechen, um eine Ausbildung ohne Hilfe zu absolvieren. In mehreren Schritten werden sie auf ihrem Weg zum Berufsabschluss und beim Spracherwerb unterstützt. Wie Regionalleiter Reiner Sippel bei der Jubiläumsfeier berichtete, gab es hessenweit inzwischen mehr als 13.000 Teilnehmer. „Sehr viele von ihnen haben inzwischen den Weg in eine duale Ausbildung und anschließend in Beschäftigung gefunden“, so Sippel. Mehr als 3500 Betriebe hätten sich beteiligt. Aktuell wird „Wirtschaft integriert“ an 28 Standorten in ganz Hessen angeboten.
Das Besondere an dem Programm ist seine Förderkette mit flexiblen Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten: vom ersten Kontakt mit der Arbeitswelt in der Berufsorientierung über ein betriebliches Langzeitpraktikum in der Einstiegsqualifizierung bis zur begleiteten Berufsausbildung mit Abschluss. In allen Phasen erhalten die Teilnehmer individuelle Sprach- und Lernförderung sowie sozialpädagogische Begleitung.
„Es geht nicht um Zahlen, sondern um Menschen“
„Am Ende geht es nicht um Zahlen, sondern um Menschen“, hob Minister Mansoori hervor. Integration gelinge dann, wenn die Betroffenen von ihrer Arbeit leben, eine Familie gründen und ihren eigenen Beitrag leisten könnten. ” Wer Menschen, die unsere Sprache noch nicht perfekt sprechen, den Weg in eine reguläre Ausbildung eröffnet, stärkt nicht nur deren Integration in unsere Gesellschaft und gibt ihnen eine positive Perspektive”, so der Minister: „Hessen gewinnt damit auch wertvolle und gesuchte Fachkräfte.“
Das Programm „Wirtschaft integriert“ begleite Menschen entlang des gesamten Weges. Andreas Haberl vom Hessischen Handwerkstag und Mitglied des Steuerkreises brachte die Bedeutung des Projekts auf den Punkt: „Wenn es ‚Wirtschaft integriert’ nicht bereits gäbe, müsste man es heute erfinden“, sagte er.
Das sieht auch Dagmar Spill vom Königsteiner Freundeskreis Asyl so. Bei der Betreuung ihrer Schützlinge hat sie zudem festgestellt, wie hoch die bürokratischen Hürden sind. „Der Weg in die Jobs ist oft zu schwer und ohne Begleitung kaum zu schaffen“, sagt sie. Allein Anforderungen wie das Übersetzen der Zeugnisse bedeuteten oft einen hohen zeitlichen und bürokratischen Aufwand. „Da müssten wir viel schneller und effizienter sein.“
Für Khaled hat sich alles gut gefügt. Kürzlich hat er zum ersten Mal seit seiner Flucht nach Deutschland seine Familie in Syrien besucht. Als er das berichtet, ist ihm die Ergriffenheit deutlich anzumerken. Er will auf längere Sicht in seine frühere Heimat zurückkehren und helfen, das Land wieder mit aufzubauen. „Es ist so viel zerstört, aber die Freude über die Freiheit ist bei allen riesengroß“, sagt er. In den nächsten Jahren will er aber mit seiner Werkstatt in Hofheim noch weitermachen und erst mal Geld verdienen. Im Juli nimmt er einen Praktikanten auf. Und wenn mit ihm alles gut klappt, soll der dann eine Ausbildung bei ihm machen. „Ich will etwas zurückgeben!“

