Der Kaiser! Ist er in Wiesbaden nicht immer noch gegenwärtig, selbst wenn er seit einem guten Jahrhundert nicht mehr in der Loge seines Hoftheaters sitzt? Am 16. Oktober 1894 wurde das Staatstheater als Königliches Theater eingeweiht. Nur zwei Jahre hatte es bis zur Vollendung des Baus nach Plänen des Wiener Architekturbüros Fellner & Helmer gedauert. Der wilhelminische Geist steckt seitdem im monumentalen Auftritt, in den neobarocken Schnörkeln des Großen Hauses oder im Prunkfoyer, das Wiesbadens Stadtbaumeister Felix Genzmer dann 1901–1902 als Anbau nachreichte. Aber die Zeit hat auch tiefe Wunden geschlagen. Die Kassenhalle mit ihren elegant gerundeten Türbögen wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und in nüchterner Geometrie wieder errichtet.
Ein Stück Baugeschichte wurde 2025 im Durchgang zwischen Foyer und Kolonnaden freigelegt. Die Besucher kommen dort an einer in Richtung Bowling Green zeigenden Hand vorbei, die so nostalgisch anmutet wie Schriftbild und Schreibweise des Hinweises: „Ausgang nach der Colonnade“. Der Durchgang, informiert ein Aushang, war ursprünglich ein überdachter Außenraum. Im Zuge der „brandschutztechnischen Sanierung“ wurde dieses Stück der historischen Fassade denkmalgerecht restauriert, „um sie wieder erlebbar zu machen“. Und tatsächlich: Es ist wie ein kleines Fenster, das sich zu einem fernen Theateralltag öffnet. Vor dem inneren Auge erscheinen Herren mit Zylinder und Damen mit festlichem Dekolleté beim Flanieren, dem Zeigefinger der schwarzen Hand folgend.

Das Fenster macht aber auch neugierig auf weitere Einblicke. Wenn jemand solche eröffnen kann, ist es Yvonne Baumstark, seit August 2011 Baubeauftragte des Staatstheaters. Beim Treffen führt die Architektin erst einmal vor den Bühneneingang und öffnet dort ein Zeitfenster, mit dem man gar nicht gerechnet hatte: zur letzten umfassenden Sanierung vor einem halben Jahrhundert und zum Erweiterungsbau des Architekten Hardt-Waltherr Hämer, 1976 bis 1978 errichtet. Seit 2015 steht auch dieser Bau unter Denkmalschutz. Und deshalb soll hier ebenfalls Originalsubstanz bewahrt und wieder freigelegt werden. Zum Beispiel könnte in einigen Jahren der ursprüngliche Magenta-Farbton der Stahlkonstruktion wieder leuchten. „Das ähnelte eigentlich dem Telekom-Pink“, sagt Yvonne Baumstark über die Reste, die auch an einem abgeschabten Türgriff sichtbar sind. „Wenn wir in Richtung Generalsanierung denken, die noch weit in der Zukunft liegt, ist es der Denkmalpflege ein großes Anliegen, den Erweiterungsbau bei der Bevölkerung in ein positives Licht zu rücken.“

Das Landesamt für Denkmalpflege begründete seine Entscheidung 2015 unter anderem damit, dass Hämers Bau in seiner architektonischen und städtebaulichen Ausgestaltung ein „denkmalwertes Beispiel der Spätmoderne“ sei. Zu Hämers Qualitäten, findet auch Baumstark, gehöre die Einfühlung in historischen Bestand. Hämer hat dabei auch alte Bauelemente integriert: Aus der ehemaligen Sandsteintreppe zum Foyer wurde die Treppe zum Bühneneingang. „Er nimmt sich zurück in der Fassadengestaltung und in der Höhe“, sagt Baumstark zum in die Jahre gekommenen Neubau. Eine Konsequenz des Verzichts auf Höhe ist allerdings ein Untergeschoss mit schwierigen Arbeitsbedingungen. „Das Ballett hat überhaupt kein Tageslicht.“ Eine mängelfreie Lüftungsanlage sei das Hauptargument für eine baldige Generalsanierung, aber auch bei den Arbeitsstätten gebe es Handlungsbedarf. Im Juni war der Antwort des hessischen Kunstministers Timon Gremmels (SPD) auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen im Landtag allerdings zu entnehmen, dass allein die Planungen noch bis in die dreißiger Jahre dauern werden.
Priorität hat die Betriebsfähigkeit
Bis dahin legt Yvonne Baumstark die Hände gewiss nicht in den Schoß. „Aktuell sind wir immer in kleinen Baumaßnahmen als Vorgriff zur Generalsanierung unterwegs, wenn das wirtschaftlich vertretbar ist, also in Bereichen, deren Nutzung sich nicht ändern wird.“ Priorität habe immer, die Betriebsfähigkeit zu gewährleisten: „Wir sind 600 Mitarbeiter mit einem Anrecht auf einen sicheren Arbeitsplatz, und die Zuschauer haben ein Recht auf eine sichere Versammlungsstätte.“ Finanziert wird das mit einer jährlichen „Bauunterhaltungspauschale“ von 1,6 Millionen Euro, „dazu noch 1,5 Millionen für die Bauunterhaltung Brandschutz, ein Extra-Zuschuss, weil es eben viele Mängel gibt“. Die Theaterferien sind die Hochsaison für Bauerhaltung. In diesem Sommer soll der Bühneneingang saniert werden: „Das ergibt sich aus der Notwendigkeit, einen Feuerwehrzugang herzustellen.“
Einer der Bereiche, dessen Nutzung sich ebenfalls nicht ändern wird, ist jener Verbindungsgang zwischen Foyer und Kolonnade mit dem historischen Hinweis. „Der Flur ist ein wirtschaftlicher Kompromiss. Wir haben die Außenfassade freigelegt, aber zum Beispiel auf eine indirekte Beleuchtung verzichtet.“ Trotzdem stecke die Arbeit eines Jahres in dem Bereich, in dem eine marode Gipsdielenwand die originale Fassade verdeckt hatte. Gerade bei Räumen mit hoher Außenwirkung spiele das Thema Denkmalschutz eine wichtige Rolle. Die 1978 in Weilburg geborene Architektin hat selbst eine Zusatzausbildung gemacht, einen dreijährigen Zertifikatslehrgang zur Architektin in der Denkmalpflege: „Meine Kollegen in der Landesbaubehörde, die für das Staatstheater zuständig sind, haben auch alle diese Zusatzqualifikation.“ Die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege habe man sich als einen Prozess vorzustellen, „den wir gemeinsam durchlaufen. Es gibt regelmäßig Termine, in denen wir die Belange dieses Hauses besprechen.“

In Abstimmung mit der Denkmalpflege wird auch die „bauzeitliche Farbgebung“ wieder herausgearbeitet. Ein Hinweis darauf sind kleine Befundfenster, in denen eine Restauratorin historische Farbschichten freigelegt hat. Darunter warme Gelb- und Ockertöne, an denen man sich zum Beispiel in einem Mitarbeiter-Treppenhaus orientiert hat. Freigelegt wurde im Publikumsbereich ein Hinweis auf den „III. Rang“, der die Patina eines Jahrhunderts trägt. Im Foyer findet sich eine der „Musterachsen“, die schon die Wirkung künftiger Sanierungsarbeiten ahnen lassen. Baumstark weist auf den Kontrast zum aktuellen Zustand hin, auf den „leichteren Charakter mit hellem Sockel und mit hellerer Wand“ – und auf einen weiß angelegten Putto, „der nicht im Gold untergeht“. Die Architektin arbeitet freilich im Bewusstsein, „dass in 50 Jahren die heutigen Entscheidungen wieder als Mode gelten könnten“.
Wichtig für die Voruntersuchungen wurde ein ehemaliger Flur, der jahrzehntelang unzugänglich war, weil er der Süßwarenverkäuferin Doris Eisenbach als Lager diente. Baumstark erinnert sich gerne an die 2020 verstorbene Sympathieträgerin, deren Weingummis so unvergessen sind wie ihre Kommentare zum Theatergeschehen und Geschichten aus mondäneren Zeiten. An diese erinnerte auch ihr mobiler Verkaufsstand, ein Traum aus poliertem Messing. „Den Wagen habe ich restaurieren lassen“, sagt Baumstark. „Er steht jetzt in der Lagerhalle. Ich weiß noch nicht, was wir damit machen.“ Die bereits abgeschlossene Freilegung der originalen Terrazzofußböden hat hingegen neben dem ästhetischen Gewinn einen praktischen Nutzwert. Das Theater habe ja eine „Verkehrssicherungspflicht“, und verschlissene Teppichböden könnten zur Stolperfalle werden. Bei der Freilegung habe man sich für eine kostensparende „Kompromisslösung“ mit nur einem Feinschliff und Imprägnierung entschieden. „Das ist allemal besser, als wieder einen Teppich darüberzulegen.“

Kein kleines Fenster, sondern eine große Tür in die Vergangenheit öffnet sich mit der Kaiserfahrt. Wilhelm II. wurde unter dem Zuschauerraum bis zu seinem persönlichen Kaisertreppenhaus kutschiert. Dessen Geländer feiert ihn noch heute mit Krönchen und verschlungenem „W“. Die Kaiserfahrt selbst wäre allerdings keine reine Freude mehr für den Herrscher. Seit der letzten Sanierung hängen Leitungen und Kabel unter der Decke: „Alles, was man an Installation brauchte, hat man hier verlegt.“ Als Flucht- und Rettungsweg bleibt der Tunnel wichtig, ist im Theaterbetrieb aber schwer zu nutzen. „Kreative Ideen“ wie die Biennale-Produktion „Fassaden“ seien nur mit hohem organisatorischen Aufwand umzusetzen. Als verheerender Starkregen am 11. Juli 2014 die Kurhaus-Tiefgarage flutete, war die Kaiserfahrt die Rettung für die Werkstätten im Untergeschoss. Bordsteine machten sie zum Kanal, und wo die Steine fehlten, wurde schnell mit alten Teppichen und anderem Material abgedichtet: „Der Hof war schon voller Wasser. Dann haben der Technische Direktor und ich gesagt: Wir machen jetzt einfach hier die Türen auf und schleusen das Wasser durch!“
Dass Baugeschichte auch für die Zukunft wegweisend sein könnte, spricht die Architektin bei einem Thema an, das ihr besonders am Herzen liegt: Barrierefreiheit. „Im großen Stil“, also mit einem Aufzug, hält Baumstark diese erst im Rahmen der Generalsanierung für umsetzbar. „Zumindest gedanklich“ arbeite man aber schon an einem Zugang, für den Personen mit eingeschränkter Mobilität nicht mehr auf einen Umweg über die Paulinenstraße angewiesen sind. Die Idee ist, den historischen Zustand mit einer Rampe durch den zentralen Portikus in den Kolonnaden wiederherzustellen. Auf alten Fotos ist diese elegante Lösung zu sehen, die mit der Auffahrt zum Kurhaus vergleichbar ist.
