2006 in Deutschland: Aus im Viertelfinale
Am Nachmittag des 15. Juni 2006 schnappt auf der A 2 bei Hamm-Uentrop eine Radarfalle zu: 120 Kilometer pro Stunde statt 80 in einer Baustelle. Der Mann am Steuer ist auf dem Weg nach Gelsenkirchen, wo am nächsten Tag die argentinische Nationalmannschaft ihr zweites Gruppenspiel bei der Weltmeisterschaft hat. Dort erlebt Diego Maradona den Blitzstart in eine WM-Karriere, die zu einer beinahe unendlichen Geschichte wird. In der 75. Minute wird Lionel Messi, 18 Jahre und 358 Tage alt, gegen Serbien und Montenegro eingewechselt, und diese Viertelstunde genügt, um ein imposantes erstes Kapitel zu schreiben, mit einem Assist und einem Tor. Es wirkt nicht nur kinderleicht, es ist auch eine kindliche Freude, die Messi ausstrahlt, mit seinem Spiel, mit seinem Jubel.

Die argentinische Mannschaft schien damals in Deutschland imposant genug, um gleich bei Messis erstem Anlauf den Goldpokal zu gewinnen. Und wer weiß, wie die Geschichte ausgegangen wäre, wenn Trainer José Pékerman im Viertelfinale gegen Deutschland den Mut gehabt hätte, Messi einzuwechseln, anstatt beim Stand von 1:0 den defensiven Esteban Cambiasso für seinen Spielmacher Juan Román Riquelme. Diego Maradona litt auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions mit. Wem die Zukunft gehören würde, war aber klar: dem Mann, der bei diesem Turnier noch die Rückennummer 19 trug und nun auch 19 Jahre alt war. (camp.)
2010 in Südafrika: Aus im Viertelfinale
Vier Jahre später soll endlich weißer Rauch aufsteigen. Doch es ist nur der Zigarrenqualm, den der argentinische Nationaltrainer verströmt, lange bevor er überhaupt den Pressekonferenzraum im Soccer-City-Stadion von Johannesburg betritt. Diego Maradona, der erste Fan der Argentinier von vor vier Jahren, ist nun ihr Chef. Gerade hat sein Team Mexiko geschlagen, im Viertelfinale geht es wieder gegen Deutschland. Diego Maradona sagt zu den Reportern: „Sie haben Carte blanche. Schreiben Sie, was Sie wollen, was ich über Deutschland denke.“ Und Messi sagt: „Hoffentlich, wenn Gott es will, gelingt es gegen Deutschland.“
Drei Tage vorher hat Messi seinen 23. Geburtstag gefeiert, sein Trainer und größter Fan überreicht ihm dazu ein argentinisches Trikot mit einer rührenden persönlichen Widmung: „Mit all meiner Liebe und Bewunderung. Für Lio. Dein Trainer. Diego“. Überhaupt scheint es zuzugehen wie in einer Großfamilie im argentinischen Camp in Pretoria. Doch wahrscheinlich hätte das Team, das immer noch gut genug besetzt war, um den Goldpokal zu gewinnen, doch einen Trainer statt eines Patrons gebraucht. Gegen den auch taktisch messerscharfen Auftritt des deutschen Teams können weder der Fußballgott Maradona noch Messis Magie etwas ausrichten, sodass er bei seiner zweiten WM ganz ohne Treffer bleibt.

Eine kleine Ehre am Rande: Weil Patron Maradona im dritten Gruppenspiel gegen Griechenland viel wechselt, ist Messi das erste Mal Argentiniens Kapitän. Aber hautnah bekommt er noch etwas anderes zu spüren. Sein Gegenspieler verfolgt ihn in diesem Spiel auf Schritt und Tritt. Das Prinzip Manndeckung – wenn man so will, auch das ein Schmerz, der aus Deutschland kommt. Der Trainer der Griechen heißt Otto Rehhagel. (camp.)
2014 in Brasilien: Platz zwei
Auf den zweiten WM-Treffer seiner Karriere wartet Messi acht Jahre und einen Tag. Er gelingt zum Auftakt in Rio beim 2:1 gegen Bosnien-Hercegovina. Weitere drei Treffer in der Vorrunde folgen. Alejandro Sabella, sein fünfter Nationaltrainer, schafft als Erster, zumindest im Ansatz, die von ganz Argentinien erwartete Quadratur des Kreises: Messis offensive Stärke auszuspielen und seine defensive Schwäche zu kompensieren. Der Effekt schwindet mit zunehmender taktischer Finesse der Gegner in den K.-o.-Spielen, in denen Messi nicht mehr trifft. Dafür ist er an den lediglich zwei Toren in drei Spielen direkt beteiligt, mit denen sich die Argentinier ins Finale quälen. Doch die Niederländer, im torlosen Halbfinale nach Elfmeterschießen unterlegen, und die Deutschen im Finale schneiden ihn oft völlig vom Geschehen ab.

Nach der Pause in Rio vergibt Messi die beste Chance, als sein Linksschuss das Tor verfehlt. Und die letzte in der 123. Minute, als er, vom blutenden Schweinsteiger gefoult, den Freistoß übers Tor setzt. Mit Grabesmiene empfängt er nach Schlusspfiff die Trophäe für den „Spieler des Turniers“, eine Wahl, die weltweit auf Unverständnis stößt, selbst bei FIFA-Chef Blatter und Diego Maradona. Ja, auch bei Messi selbst. „Ich fühle Bitterkeit und Traurigkeit“, sagt er nur. Um nicht abermals nach einem verlorenen Endspiel durch einen Trostpreis gedemütigt zu werden, lässt er bei der Copa América ein Jahr später vor dem Finale wissen, er werde die (diesmal hochverdiente) Auszeichnung verweigern. Eine Entscheidung mit Weitblick. Argentinien verliert im Elfmeterschießen. (cei.)
2018 in Russland: Aus im Achtelfinale
Lionel Messi wirkt wie ein trotziges Kind zwischen riesigen Wikingern. Immer wieder rennt er sich fest in der beweglichen Wand aus Isländern. Lässt elf Torschüsse los, darunter einen Elfmeter – mehr als jeder andere seit 1970 in einem WM-Spiel. Keiner geht ins Tor. Auf das 1:1 gegen den WM-Novizen folgt ein 0:3 gegen Kroatien, dann das Aus im Achtelfinale gegen Frankreich, und die schwierige Beziehung zwischen dem größten Fußballer und dem größten Fußballereignis scheint schon kurz vor dem Ende.
Vorher ist der Begriff „GOAT“ viral gegangen, ein englisches Akronym für den „Größten aller Zeiten“, das, kleingeschrieben, auch Ziege bedeutet. Fans debattieren, ob nun Messi oder Ronaldo der „GOAT“ sei. Ronaldo deutet, einen Tag vor den elf Messi-Fehlschüssen, nach seinen drei Toren gegen Spanien einen imaginären Ziegenbart an. Messi, der solches Theater scheut, sich aber für seinen Ausrüster mit einem Ziegenbock fotografieren lässt, wiegelt ab: „Ich sehe mich nicht als den Besten. Ich bin einfach ein Spieler unter anderen.“

In Russland wirkt Messi ermüdet von solchen Themen, vor allem aber von der Aufgabe, die nur Maradona auf dem Gipfel seiner Kunst 1986 löste: ein mittelmäßiges Team zum Weltmeister zu machen. „Wir müssen versuchen, ihn zu verstehen, ein Spiel zu schaffen, in dem er sich wohlfühlt“, hatte Trainer Sampaoli erklärt. „Und das Team so bauen, dass es dem entspricht.“ Dass er damit gescheitert ist, lernt er, als er bei der WM dem Superstar zum 31. Geburtstag über Whatsapp gratuliert und verspricht, „dass er auf mich zählen kann“. Im Smartphone werden die zwei grauen Häkchen, die verraten, dass die Botschaft angekommen ist, blau – das Zeichen, dass sie gesehen wurde. „Er hat es gelesen“, schließt Sampaoli. „Und nicht geantwortet.“ (cei.)
2022 in Qatar: Weltmeister
Am Ende muss Enzo Fernández mehr als 15.000 Schritte gemacht haben. Und jeden, wirklich jeden, hat es im Stadion in Lusail, Qatar, gebraucht, damit Lionel Messi mit 35 Jahren das erste Mal Weltmeister wird.
Es ist nicht nur Fernández, der Mittelfeldspieler, der damals einen Schritt mehr macht. Auch die anderen neun Argentinier machen einen mehr, damit ihr elfter Mann einen weniger machen muss. Sie räumen ihm hinterher, wie einem Mitbewohner, der die Küche nie sauber macht, nachdem er gekocht hat. Aber sie machen das wirklich gerne, weil jeder, wirklich jeder weiß: Man macht nicht selbst sauber, wenn man wie Lionel Messi kocht.

Als er im Finale der Weltmeisterschaft für Messi läuft und läuft und läuft, erfüllt der einundzwanzigjährige Fernández den Traum des fünfzehnjährigen Fernández. Der hat im Juni 2016 einen Brief an Messi geschrieben, der nach der Niederlage in der Copa América gerade aus der Nationalmannschaft zurückgetreten war, einen Brief, der diesen Rücktritt nicht wahrhaben wollte und deswegen so endete: „Dich für uns spielen zu sehen, in Himmelblau und Weiß, löst in uns den größten Stolz dieser Welt aus. Spiele, um Spaß zu haben, denn wenn du Spaß hast, kannst du dir nicht mal im Entferntesten vorstellen, welchen Spaß wir haben.“
Im Stadion in Lusail haben sie dann alle den Spaß ihres Lebens. Sie spielen das wohl spektakulärste Finale der WM-Geschichte, das Argentinien im Elfmeterschießen gegen Frankreich gewinnt. Dank des Lionels auf dem Spielfeld, der zwei Tore geschossen und den ersten Elfmeter getroffen hat. Und dank des Lionels am Spielfeldrand. Lionel Scaloni, der 2018 der Assistent Jorge Sampaolis war, des Mannes, dem Messi nicht mehr auf Whatsapp geantwortet hat, dieser Lionel Scaloni hat als argentinischer Nationaltrainer nämlich eine Mannschaft geformt, wie es sie im Fußball noch nie gegeben hat. Sie besteht aus einem Messi – und zehn Messi-Fans. (cfm.)
2026 in Kanada, Mexiko und den USA: Finale
Nach so vielem, was Lionel Messi der WM in 20 Jahren Neues gebracht hat, ist es nur fair, dass diese auch ihm etwas Neues bringt. Gegen England hat er vorher in 205 Länderspielen noch nicht gespielt. Als es dann so weit ist, im Halbfinale am Mittwoch in Atlanta, macht es den Eindruck, als würde Messi sich dieses England, das er nicht kennt, eine Weile interessiert anschauen, ehe er dann tut, was er schon so oft gemacht hat: etwas Neues, jedenfalls fast.

Insgesamt neun Flanken schlägt er von der rechten Seite, sechs davon in der zweiten Halbzeit, öfter geflankt hat Messi vorher in einem WM-Spiel nur einmal, im Achtelfinale gegen Ägypten. Auch wenn das dafür spricht, dass diese Variante auch auf der Taktiktafel von Lionel Scaloni auftaucht, bedeutet es doch: dass der Mann, für den die Gesetze von Raum und Zeit nicht zu gelten scheinen, nicht nur mit dem Ball am Fuß Dinge früher sieht als andere, sondern auch ohne ihn, ein Visionär des Spiels.
Messi taucht gegen England auch noch in anderen Räumen auf, aber es sind die Flanken von rechts, die dazu führen, dass dem Team von Thomas Tuchel dieses Spiel noch um die Ohren fliegt. Und es ist kein Zufall, aber eine schöne Pointe, dass jene, die zu Argentiniens Siegtor führt, von seinem schwächeren, dem rechten Fuß ausgeht. Vor seinem 34. und letzten WM-Spiel, im Alter von 39 Jahren und 25 Tagen, ist das die Bedrohung für Spanien und die Faszination für das Publikum gleichermaßen: dass man zwar meinen müsste, von Lionel Messi schon alles gesehen zu haben. Aber immer damit rechnen muss, dass er es anders sieht. (camp.)
