„Eine Sprache ist ein lebendes, körperliches Wesen, das man nicht so leicht abstreifen kann.“ Dieser Satz findet sich in einem Roman, für den sein Autor ebendas tat: seine Sprache abstreifen zugunsten einer anderen. Vladimir Nabokov hatte im Alter von nicht einmal vierzig bereits neun andere Romane geschrieben, alle in seiner russischen Muttersprache, als er 1938 im Pariser Exil den zehnten begann, auf Englisch: „The Real Life of Sebastian Knight“. Zwei Jahre später, kurz vor dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich, bekam der mit einer jüdischen Frau verheiratete Schriftsteller Visa für die Vereinigten Staaten. Im Gepäck: sein abgeschlossenes englisches Manuskript. Im Jahr darauf erschien es bei einem amerikanischen Verlag, dessen Name zu dem Projekt passte: New Directions.

Mit Nabokov, der fortan nur noch auf Englisch schreiben sollte, gewann die amerikanische Literatur eine Stimme, die Furor und Furore machte: spätestens mit „Lolita“, dem Skandalroman von 1955, der den umgekehrten Weg machte: Er wurde in den USA geschrieben und erschien zunächst in Frankreich, ehe er überhaupt in den Vereinigten Staaten publiziert werden durfte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die von „Sebastian Knight“ nimmt gleichwohl schon einiges von dem vorweg, was Nabokov so verstörend für sein neues Publikum machte: nicht die moralisch dubiose Konstellation von „Lolita“, aber das frivole Spiel mit den literarischen Ebenen. Der Titelheld seines ersten englischen Buchs ist ein Schriftsteller, der wie Nabokov selbst als junger Mann durch die Oktoberrevolution außer Landes getrieben wird und irgendwann das Russische als seine Schriftsprache fürs Englische eintauscht. Aber der Ich-Erzähler des Romans ist nicht jener Sebastian Knight, sondern dessen jüngerer Halbbruder, der nur als „V.“ (nicht zufällig wie Vladimir) auftritt und nach dem frühen Tod des Schriftstellers dessen Leben zu rekonstruieren versucht. Dabei durchdringen sich für das aufmerksame Publikum gleich drei Identitäten: die von Sebastian Night, V. und Vladimir Nabokov. Ich ist hier kein anderer, sondern jeder.
Nabokovs wichtigste persönliche Zutat ist die böse Ironie
Das war neu in der Weltliteratur, auch wenn zwei Vorbilder durchscheinen: Proust und Kafka. Ersterer mit seinem Verwirrspiel zwischen eigener Biographie und Fiktion, woraus die Form des Buchs „Sebastian Knight“ entstand, Letzterer mit seiner tödlichen Krankengeschichte und dem Vernichtungswillen gegenüber dem eigenen Werk, woraus die Figur Sebastian Knight entstand. Aber die böse Ironie, die das Werk prägt, ist ganz Nabokov.
Wie auch das Selbstbewusstsein, das sein V. aufweist, der, ohne zuvor jemals geschrieben zu haben, an die Lebensbeschreibung eines angesehenen Schriftstellers geht. Für dessen Werk Nabokov dann ganze Passagen imaginiert, die von V. zitiert werden. Und die der Biograph so deutet: „Nicht auf die Einzelteile kommt es mehr an, sondern auf ihre Verbindung.“
Wenn es einen Roman Nabokovs gibt, in dem eine Poetik ausgedrückt wird, dann „Das wahre Leben des Sebastian Knight“. Es war ein Achtungserfolg, der ihm aber eher die Türen zum Magazin „The New Yorker“ öffnete als die zum Herzen des Publikums. Für einen Kopfschriftsteller wie Nabokov war das kein Problem. Und mit „Lolita“, der noch auf ganz andere Körperregionen zielte, hat er dann auch die Masse erreicht – bei unverändert hohem literarischen Anspruch. Den Nabokov stolz im Blick hatte, als er in seinen Memoiren über den Sprachwechsel schrieb: „Vor mir hat kein Schriftsteller eines bestimmten Niveaus derartiges durchgemacht.“
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
