Die Welt wäre vermutlich ein besserer Ort, wenn mehr Länder Saunadiplomatie betrieben. So wie Finnland. Die Finnen haben einen guten Ruf. Sie gelten als glücklichstes Volk der Welt. Im World Happiness Report belegen sie dieses Jahr zum neunten Mal in Folge Platz eins. Wer glücklich ist, sucht keinen Streit. Bei den Finnen zeigt sich das zum Beispiel daran, dass sie noch nie für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert waren, aber trotzdem nicht bei der FIFA anrufen, um Druck zu machen. Friedliche Nachbarländer überfallen sie auch nicht. Stattdessen gehen sie in die Sauna. Und werden noch glücklicher.
Denn in der Sauna wird nicht nur geschwitzt, sondern auch geredet. Manchmal lustig durcheinander, manchmal so ernst und offen, wie es in Deutschland eigentlich nur im Auto möglich ist, zwischen Fahrer und Beifahrer nachts auf der leeren Autobahn. Bloß ergeben sich solche Fahrten selten. Der Gang in die Sauna ergibt sich leichter. In der finnischen Politik spielt Saunadiplomatie darum eine bedeutende Rolle.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Davon können die Deutschen lernen. Hierzulande kommt Plaudern in der Sauna nicht gut an. Gut, dass die finnische Botschaft in Berlin eine eigene Sauna hat und dort auf finnische Weise sauniert wird. Der Botschafter Kai Sauer ist so freundlich, der F.A.S. eine Einführung in die Saunadiplomatie zu geben. Mit dabei an diesem Montag im Juli: seine Frau und die Kulturreferentin der Botschaft. Alle sind gut gelaunt, und dabei hat das Saunieren noch nicht einmal begonnen. Wie sind die Regeln? Es gibt keine, sind die Anwesenden sich einig. Die Frage finden sie lustig. Der Botschafter sagt, es gebe einen alten Scherz: „Die Finnen haben die Sauna erfunden, und die Deutschen die Sauna-Regeln.“

In der Botschaft saunieren Männer und Frauen getrennt. Aber zwischen den Saunagängen trifft man sich im Bademantel, trinkt Kukko-Pils aus der Dose oder Wasser und unterhält sich. Die Botschaftsköchin Virpi Rasalainen hat ein Büfett vorbereitet, auf dem jedes Gericht eine finnische Region repräsentiert: Räucherlachs und Malzbrotsalat aus Südfinnland, Pfifferlinge, Kartoffel-Fladenbrot und Karelische Piroggen aus Ostfinnland und so weiter.
Was macht die Saunadiplomatie denn nun so erfolgreich? „In der Sauna sind alle gleichberechtigt und frei“, sagt der Botschafter. Auch, weil sie nackt sind. Tatsächlich, im Frauentrakt der Sauna geht es schon bald um Kindheit, Heimat und die Frage, was die Bedingungen von Glück sind. Noch ein Vorteil zum Gespräch in Bekleidung: Das Handy, Quell von Stress und Ablenkung, ist weit weg, im dunklen Schrank, wo es vibrieren kann, so viel es will. Nach der Sauna schmeckt der Lachs noch besser als sonst. Womöglich ist die finnische Botschaft der glücklichste Ort in Berlin.
