
Anders als in Frankreich und Großbritannien hat sich in Deutschland bisher keine sicherheitspolitische Kultur etabliert. Auch Strategieschulen gibt es hierzulande nicht, weder für die zivile noch für die militärische Verwaltung. Erst in jüngerer Vergangenheit entstanden in Deutschland Institutionen, die sich mit praktischer Regierungsführung befassen, wie die Willy Brandt School of Public Policy der Universität Erfurt, die Hertie School in Berlin, die NRW School of Governance der Universität Duisburg-Essen oder die Münchner Hochschule für Politik. Neu hinzugekommen ist nun die Adenauer School of Government (ASG) an der Universität zu Köln.
Deutschland habe den „strategischen Muskel“ nicht ausreichend trainiert, konstatierte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in seiner Festansprache zur Eröffnung der ASG Anfang der Woche. Als Vorwurf wollte Merz das nicht verstanden wissen. Denn in der langen Zeit der sogenannten Friedensdividende, der weitgehend regelbasierten Weltordnung, der offenen Märkte, denen sich die meisten verpflichtet fühlten, sei dieses Training nach allgemeiner Überzeugung nicht nötig gewesen.
Nun aber „ist es allerhöchste Zeit, dass wir in diesem Bereich endlich aufholen, dass wir Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger ausbilden, die strategisch handlungsfähig sind“ – nicht nur, weil die Welt machtpolitisch immer komplexer werde. Auch angesichts der Herausforderungen, denen sich liberale Demokratien von innen wie von außen ausgesetzt sehen, ist es nach Überzeugung des Kanzlers unerlässlich, junge Entscheidungsträger systematisch für Administration und Politik auszubilden.
Strategische Urteilskraft und die Fähigkeit, in komplexen Szenarien zu denken
Nach dem Kalten Krieg habe die Überlegenheit des freiheitlichen Gedankens zunächst als historisch belegt gegolten, sagte Merz und erinnert an Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“. Inzwischen jedoch sprächen manche von einem bevorstehenden Jahrhundert der Autokratie. Die Demokratie befinde sich, ob sie es wolle oder nicht, in einem Systemwettbewerb. „Wir haben zu beweisen, dass eine Gesellschaft, gegründet im Geist der Freiheit und für die Freiheit, dass eine solche Gesellschaft auch wehrhaft sein kann, resilient sein kann, lernfähig sein kann.“
Umso stärker kommt es auf „good governance“, also gutes Regieren, an. „Es braucht strategische Urteilskraft, die Fähigkeit, in komplexen Szenarien zu denken, sie abzubilden, um auf dieser Grundlage vorausschauende Entscheidungen zu treffen, damit wir die Neuordnung der Welt, die sich gerade vollzieht, selbstbewusst mitgestalten können“, sagte Merz. Eben dazu sollen junge Talente an der Adenauer School of Government befähigt werden. Der Lehrbetrieb beginnt zum Wintersemester 2027/2028 mit einem Masterstudiengang „Public Governance“, der gemeinsam von den Fakultäten für Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften getragen wird.
Die Universität zu Köln zielt mit ihrer neuen Institution auf Exzellenz. Die ASG soll sich zu einer „führenden europäischen Institution für demokratische Regierungsfähigkeit entwickeln“. Nach angelsächsischem Vorbild soll internationale Spitzenforschung mit innovativer, praxisnaher Lehre verbunden werden. Dass die ASG in Zeiten angespannter Bildungsetats aus dem Vollen schöpfen kann, verdankt sie der Alfred Landecker Foundation, von der sie langfristig ein Jahresbudget in Höhe von zehn Millionen Euro bekommt.
Internationale Spitzenforscher sollen für die Lehre gewonnen werden
Für die Lehre will die ASG internationale Spitzenforscher gewinnen. Die erste Berufung konnte ASG-Direktor Axel Ockenfels – der eine Professur für Wirtschaftswissenschaften in Köln innehat und Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn ist – während der Feierstunde mit Kanzler Merz bekannt geben. Mit Piotr Dworczak von der amerikanischen Northwestern University komme einer der „führenden Wirtschaftswissenschaftler seiner Generation“ nach Köln. „Er kommt zu uns, weil er hier die Lizenz erhält, Neues zu wagen.“ Die ASG werde ein fächerübergreifendes „experimentelles Reallabor“, verspricht Ockenfels.
Dass eine Schule für gutes Regieren nach Konrad Adenauer benannt wird, liegt nicht nur deshalb auf der Hand, weil zum Good-Governance-Erbe des ersten Kanzlers all das zählt, was die Bundesrepublik erfolgreich gemacht hat: Westbindung, europäische Integration, Soziale Markwirtschaft, Subsidiarität mit einem starken Föderalismus und kommunaler Selbstverwaltung, das unverbrüchliche Bekenntnis zur liberalen Demokratie.
Es liegt auch deshalb nahe, weil es mit der lange geplanten Neugründung der 1798 auf französischen Druck geschlossenen altehrwürdigen Universität erst voranging, als Adenauer 1917 Oberbürgermeister von Köln geworden war. Beim Gründungsfestakt der Hochschule im Juni 1919 (also noch vor der Unterzeichnung des Versailler Vertrags und in politisch aufgeputschter Atmosphäre) hielt Adenauer eine bemerkenswerte Rede. Als zentrale Aufgaben der Hochschule benannte er, Frieden zu stiften und an der Völkerverständigung mitzuwirken.
Beherzt wurde eine neue Kölner Universitätstradition begründet. Es entstand einer der ersten deutschen Lehrstühle für Soziologie, die Staatswissenschaftliche Fakultät bekam einen besonderen Rang, großen Wert legte man auch damals schon auf die berufliche Praxis. Und Adenauer persönlich setzte sich mit Verve für eine pluralistische Ausrichtung der Gesellschaftswissenschaften ein, weil er sich von dem Nebeneinander regen Austausch und lebendige Zusammenarbeit versprach.
„Wer wirklich demokratisch denkt, muss Achtung vor dem anderen, vor dessen ehrlichem Wollen und Streben haben“, sagte Adenauer Anfang 1946 in seiner sogenannten Kölner Universitätsrede, an die Kanzler Merz zur ASG-Eröffnung erinnerte. Aushandlungsprozesse, Interessenausgleich, Kompromissfindung – das sei die Freiheit in der Praxis. „Unsere Demokratie legitimiert sich eben nicht zuerst über den Output, sondern über den Prozess der Entscheidungsfindung“, sagte Merz. „Weil wir davon überzeugt sind, dass freie Menschen ein Anrecht darauf haben, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, und sie darum nie und niemals nur Verfügungsmasse von staatlicher Entscheidung sein dürfen.“
