Taunustor, ein Wodka-Soda in der Hand, fünf Uhr nachmittags, dreißig Grad, das Hemd klebt am Rücken, die Schuhsohle am Boden. Verschüttetes Bier oder die Hitze, man weiß es nicht. Ein kurzer Wind, Augen schließen, eine Sekunde nur. Ich höre einen Track, den ich kenne. Der Fuß bewegt sich von allein. Es zieht mich näher zur Musik, obwohl ich sie auch von hier hören würde. Allein dort tanzen, wo es sonst keiner tut – das will niemand. Vielleicht steckt irgendwo tief in uns drin dieses Bedürfnis, sich zusammenzurotten.
Gleich um die Ecke beim Kiosk am Elaine’s gibt es Bier für ein Drittel des Preises, die Schlange reicht bis zur Straße. Ich stelle mich trotzdem an. Später werde ich mich nicht mehr für das billigere, sondern für das schnellere entscheiden.
Sonnenbrillen, offene Hemden, kurze Kleider, nackte Schultern. Hier hat sich niemand angezogen, um irgendwo reingelassen zu werden. In der Luft eine Mischung aus Parfum, Deo und Schweiß. Mit jedem Windstoß wechselt es. Neben mir hält jemand ein Glas Aperol Spritz in der Hand, das in der Sonne fast leuchtet, weiter vorn blitzt eine Flasche Rosé. Ein Typ schräg hinter mir versucht, Blickkontakt mit einer Frau aufzubauen, die ihn nicht bemerken will. Ich frage mich, wie lange das schon so geht. Fünf Minuten? Zehn?

Beim Warten vor dem Kiosk schwappt die Musik vom Elaine’s rüber. Jemand stößt mit mir an, den ich nie gesehen habe. Ich proste zurück, weil das hier so läuft. Vor ein paar Jahren wäre das hier der Anfang des Abends gewesen. Heute könnte es auch das Ende sein. Früher hieß das Vorglühen. Ein Zwischenstopp auf dem Weg in den Klub. Heute bleiben viele einfach hier, sie starten hier ihren Tag, sie beenden ihn hier, während um 22 Uhr die Clubs ihre Türen gerade erst öffnen.
Tausende stehen vor dem Elaine’s, sie feiern, sie reden, sie sind nicht leise. Hundert Meter weiter darf ein etablierter Club die Tür nicht offen stehen lassen, damit keine Musik nach draußen dringt, während seit Stunden unter freiem Himmel gefeiert wird.
Manche Betreiber von Bars und Clubs sprechen beim Thema „Daydrinking-Events“ nicht mehr nur von einer Diskrepanz, sie sprechen inzwischen von einem Politikum. Nur wird in der Stadtpolitik leiser darüber geredet, als die Musik draußen spielt. Dabei, so heißt es aus der Nachtszene, wolle niemand das Feiern am Tage verbieten. Aber Gesetze und Auflagen, die für die Abendstunden gelten, können am Tage nicht komplett ausgehebelt werden.
Früher fand Nachtleben hinter Türen statt. Heute oft davor. Ich verstehe den Reiz. Nachmittags hinkommen, ein paar Stunden bleiben, am nächsten Morgen aufwachen, einigermaßen erholt. Ich mag das. Ich mache es selbst, regelmäßig. Aber manchmal stehe ich hier zwischen den Lautsprechern und frage mich, was passiert, wenn keiner mehr weiterzieht. Clubs funktionieren nur, wenn irgendwann jemand durch ihre Tür geht. Ich will mich nicht aus der Nacht verabschieden. Wer hier um zehn nach Hause geht, fehlt um Mitternacht woanders.
Es wird langsam dunkel. Die Schlange am Kiosk ist kürzer geworden. Die Musik läuft noch, aber niemand drängt mehr nach vorn. „Nächstes Mal wieder?“ Ich nicke, ohne nachzudenken, und schaue auf mein Handy. Kurz vor 22.00 Uhr. Die Straßenlaternen gehen an. Wofür eigentlich? Es ist ja noch nicht einmal richtig dunkel – aber die Nacht ist schon vorbei.
