Das erste Buch von Michael Stürmer, das in der F.A.Z. rezensiert wurde, war 1970 ein dtv-Taschenbuch: die Quellensammlung „Bismarck und die preußisch-deutsche Politik (1871–1890)“, die Stürmer als Assistent des Mannheimer Historikers Erich Matthias zusammengestellt hatte, während er an seiner Habilitationsschrift über „Regierung und Reichstag im Bismarckstaat“ arbeitete. Zwei Beobachtungen des Rezensenten, des Marburger Bibliothekars Martin Winckler, können im Rückblick überraschen, vor dem Hintergrund der Figur, die Stürmer im zeithistorischen Gedächtnis sowohl seiner Fachkollegen als auch einer größeren historisch interessierten Leserschaft abgibt. Der erste Punkt betrifft Bismarcks Intentionen, der zweite die Informationen, aus denen auf diese Intentionen geschlossen werden kann.
Im Kontrast zur mehr als halbhegemonial herrschenden Meinung der Historiker, dass ein „Primat der Außenpolitik“ dem Kanzler seine Entscheidungen „diktiert“ habe, glaube Stürmer, dass sie „letztlich auf innenpolitische Beweggründe zurückzuführen seien“. Mit dem Schlagwort vom Primat der Innenpolitik warb damals Hans-Ulrich Wehler für eine Methodenrevolution in der Geschichtswissenschaft. Über den „Historikerstreit“ von 1986 sagen Historiker seit vier Jahrzehnten, dass der Name falsch sei, weil der Streit keinen geschichtswissenschaftlichen Gegenstand gehabt habe. Die ungeheure Schärfe dieser Kontroverse um die politische Frage des Verhältnisses der Bundesrepublik zur NS-Vergangenheit hatte eine Ursache allerdings darin, dass das Publikum der fachlichen Autorität der Historiker vertraute, die sich auf den beiden Seiten des von Jürgen Habermas aufgerissenen Grabens sammelten. Aus fachinterner Sicht schlug damals die Eskalation des Methodenstreits zwischen Innen- und Außenpolitik beziehungsweise Sozial- und Politikgeschichte in den Austausch offener Feindseligkeiten um. Diese Frontbildung war nicht zwangsläufig und anderthalb Jahrzehnte vorher auch nicht absehbar.
Höchst informative Rezensionen
Michael Stürmer, den Habermas 1986 bezichtigte, als Ratgeber des Bundeskanzlers Helmut Kohl einen nationalistischen Revisionismus im Dienst der NATO-Aufrüstung zu propagieren, interessierte sich als Bismarckforscher wie seine späteren Widersacher für die Strukturschwäche des Reiches, eine konstitutionelle Krisenanfälligkeit, die es mit politikwissenschaftlicher Nachhilfe und starker Gewichtung ökonomischer Faktoren zu erklären galt. In höchst informativen Rezensionen, die Stürmer für diese Zeitung schrieb, als er sich noch in der prekären Take-off-Phase seiner Hochschulkarriere befand, empfahl er Jürgen Kockas „Klassengesellschaft im Krieg“ und Wolfgang Mommsens Beitrag zur bizarren Buchbindersynthese eines Handbuchs, in dem Mommsen, der an Max Weber geschulte Analytiker des Imperialismus, neben einem zwei Jahrzehnte alten Beitrag des Bonner Erzreaktionärs Walther Hubatsch stand.
Hans-Ulrich Wehler seinerseits urteilte 1975 in der F.A.Z. über Stürmers Habilitationsschrift mit brutaler Kälte: „Das Buch fasst die Diskussion bis etwa 1970 zusammen, führt aber nicht mit selbständigen Thesen an die offenen Fragen heran, auf die heute Antworten gesucht werden müssen.“ Wolf Jobst Siedler gewann Michael Stürmer wie Hagen Schulze und Heinz Schilling für eine mehrbändige deutsche Nationalgeschichte, die wenigstens verlagsökonomisch Schule machte und Konkurrenzunternehmungen nach sich zog, auch solche mit Autoren „kritischer“ Observanz.

Dass hinter der Rückkehr zur Erzählung, wie sie weiter westlich der berühmte Sozialhistoriker Lawrence Stone wohlwollend auf den Begriff brachte, in Stürmers Fall eine nationalpolitische Absicht steckte, legten seine Beiträge zu einer ebenso speziellen wie jedenfalls damals noch weithin sichtbaren journalistischen Gattung nahe. Von 1984 an schrieb er zehn Jahre lang Leitartikel für die F.A.Z., zu Themen seiner Wahl. Er formulierte nicht nur bündig, sondern auch suggestiv, und die Wendungen von der gebotenen „Sinnstiftung“ im „geschichtslosen Land“ erweckten verständlicherweise Verdacht in einer Öffentlichkeit, die noch genauso ruhelos war wie die des Kaiserreiches.
Vergnügen an der Geschichte
„Sinn und Wert der Beschäftigung mit Geschichte stehen zur Diskussion. Das ist mehr als ein Zunftproblem. Denn wir leben in einer auf Überlieferung und Sinndeutung der historischen Zeit beruhenden Kultur.“ Das schrieb Michael Stürmer schon 1975 in der F.A.Z., aber noch nicht auf der Titelseite, sondern in seiner Besprechung der „Apologie der Geschichte“, des postum veröffentlichten Essays zur historischen Methode von Marc Bloch, dem Pionier der umfassenden Sozialgeschichte und Märtyrer der Résistance, der in diesem Jahr symbolisch ins Pantheon überführt wurde.
Stürmer setzte in seiner Rezension nebenbei ein paar anspielungsreich funkelnde Spitzen im Schulenstreit mit seinen deutschen Kollegen. Bloch missioniere nicht, sondern bemerke, dass ihm die Beschäftigung mit Geschichte Vergnügen bereite. „Die Weltgeschichte von Adam an sozialhistorisch anzustreichen lag ihm so fern wie irgendein Methodenmonopol; die Geschichtswissenschaft als emanzipatorische Aktion zu betreiben so fern wie der Gedanke, das Politische sei bloße Kräuselung der Oberfläche.“ Gekräusel an der Meeresoberfläche: Dieses Bild für die Ereignisse stammt von Fernand Braudel, einem nach dem Krieg mächtigen Kollegen Marc Blochs. Und Jacob Burckhardt hatte an Silvester 1872 mit Blick auf die borussische Historikerschule Heinrich von Sybels prognostiziert, es werde nur wenige Jahre dauern, „bis die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen und auf 1870/71 orientiert sein wird“.
Restauration war sein Ziel – bei alten Möbeln
Michael Stürmer wurde 1938 in Kassel geboren. Seine Eltern waren beide Musiker und Musiklehrer. Bruno Stürmer, sein 1892 geborener Vater, der sich nach 1918 zeitweise als Barpianist hatte durchschlagen müssen, erhielt 1943 für die Kantate „Deutschland“ auf Verse des völkischen Dichters Hermann Claudius, von dem auch der Text des SPD-Parteilieds „Wann wir schreiten Seit an Seit“ stammt, den Musikpreis der Stadt Solingen.

Über seine Schulzeit am Kasseler Friedrichsgymnasium berichtete Michael Stürmer 1999 im Oral-History-Projekt von Rüdiger Hohls und Konrad Jarausch über die „Versäumten Fragen“ der deutschen Nachkriegshistoriker: „In meiner Klasse waren viele vaterlose Kinder, weil die Kasseler Division in Stalingrad untergegangen war. Da der Besitz zerstört war, konzentrierte man sich auf Bildung, das hieß Latein, Griechisch, Literatur und die klassische Geschichte. Das spielte eine große Rolle, da Wissenslust und Arbeitsethik vorhanden waren. Man wollte wieder eine bürgerliche Lebensform erreichen mit einem Bücherschrank, mit Theater, Vergangenheit und Zukunft.“ Ein im Rahmen von Politik- wie Sozialgeschichte sehr ungewöhnliches Fachgebiet Stürmers wurde später das Möbelhandwerk des achtzehnten Jahrhunderts. Er war auch selbst als Möbelrestaurator tätig.
Den Marburger Studenten beeindruckten die Althistoriker Christian Habicht oder Karl Christ, aber wegen seines Scharfsinns auch der Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth, der die Habilitationsschrift von Jürgen Habermas über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ betreute. Abendroth war für Stürmer „insofern wichtig, als er Carl Schmitt vermittelte und dies auf interessante, Widerspruch fordernde Weise.“.
Von der Forschung zur Beratung
Die Bemerkung des Rezensenten Winckler von 1970, Stürmer habe in seiner dtv-Auswahl „von einer ganzen Quellengattung, der der deutschen wie ausländischen zeitgenössischen Publizistik, überhaupt keine Notiz genommen“, liest sich heute ironisch, im Lichte der Option für die Publizistik, die Stürmer nach der Wiedervereinigung vollzog. Ohne seinen Erlanger Lehrstuhl aufzugeben, verlagerte er den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf öffentliche und, von Kohl zum Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik berufen, nichtöffentliche Politikberatung.
Dahinter stand die Überzeugung, dass die Staatsräson in der modernen Welt durch öffentliche Erörterung entsteht. Länger, als die Republik von Weimar bestand, schrieb er für die Springer-Zeitungen mit dem Titel eines Chefkorrespondenten. Unter Fachhistorikern findet man Vorbilder für ein solches Wörtlichnehmen der öffentlichen Verantwortung der Historie vor allem in der englischsprachigen Welt. Zur Verwestlichung Deutschlands, die Habermas 1986 mit dem Mittel der Denunziation hatte retten wollen, leistete Stürmer seinen Beitrag mit seinen Mitteln.
Dazu gehörten „literarische Eleganz und Fingerspitzengefühl“, Eigenschaften des Autors Stürmer, die Hans Rosenberg, der von Wehler als Schutzpatron der Bielefelder Schule installierte Emigrant, 1980 in einem Brief an Stürmer rühmte, den Franka Maubach in ihrer 2024 bei Wallstein erschienenen Rosenberg-Biographie zitiert. Damit bezog sich Rosenberg nicht auf die Rezension seiner Aufsätze, die Stürmer am 20. Februar 1979 in der F.A.Z. veröffentlicht hatte. Namentlich der Rezensent Rosenberg, hatte der Rezensent Stürmer geurteilt, erweise sich „als Liberaler nicht der beliebigen Art, sondern alter Schule“. Ein solcher Liberaler im schönsten transatlantischen Vollsinn des Wortes war auch Michael Stürmer, der am 13. Juli in seinem Haus in der Nähe von München im Alter von 87 Jahren gestorben ist.
