Mit „Days of Love and Rage“ ist Anand Gopal ein großer Wurf gelungen – ein Buch über die syrische Revolution, aber auch über den historischen Sachverhalt von Revolutionen im Allgemeinen. Es waren mittelgroße, noch ländlich geprägte Städte, in denen die syrischen Proteste ihren Anfang nahmen.

Manbij, das Fallbeispiel Gopals, ist nur eine dieser Orte. Weil sich aber die Stadt anfangs noch hartnäckig als loyale Regimehochburg behauptet hat, dann zum Musterbeispiel einer Rebellenhochburg, anschließend zur IS-Festung wurde und schließlich unter die Herrschaft der kurdischen Autonomiebehörde kam, lassen sich nirgendwo sonst die Vorbedingungen der jahrzehntelangen Stabilität des Regimes, seine plötzliche Instabilität sowie der Erfolg und das Scheitern des syrischen Aufstandes so plausibel nachvollziehen wie hier.
Das Buch setzt seine Erzählung im Jahr 1963 an, dem Jahr des Baath-Putsches und der Absetzung der vorerst letzten demokratisch gewählten Regierung Syriens. Als die Baath-Funktionäre in den ländlichen Gürtel der Städte kamen und den Bauern mitteilten, das Land, auf dem sie arbeiteten, gehöre nun ihnen, kam dies einer Revolution gleich. Der Staat subventionierte den Treibstoff für die Wasserpumpen, kaufte den Bauern das Getreide zu Preisen über Marktwert ab und produzierte Brot, das wiederum unter Marktpreis verkauft wurde. Syrien wandelte sich vom Importeur zum agrarischen Selbstversorgerstaat. Dieser Gesellschaftsvertrag zwischen der Baath-Partei und der ländlichen Bevölkerung sicherte dem Regime seine anfängliche Legitimität.
Jetzt muss sich die Stadtbevölkerung selbst regieren
Das System endete im Jahr 2008 unter den neoliberalen Reformen Baschar al-Assads. Ein beliebtes Narrativ besagt, der syrische Aufstand sei letztlich durch eine Jahrhundertdürre ausgelöst worden und der Staat sei dieser Entwicklung quasi machtlos ausgeliefert gewesen. Zu diesem Narrativ gehört aber auch, dass die Dürre just in jenem Moment eintrat, als der Staat seine großzügigen Agrarsubventionen nahezu über Nacht strich. Hunderttausende Bauern mussten ihre Felder verlassen und in Richtung der urbanen Zentren ziehen, wo sie in notdürftig errichteten Slums als Tagelöhner lebten.
Im Juli 2012, eineinhalb Jahre nach dem arabischen Frühling, wird das Assad-Regime aus Manbij verjagt, und zum ersten Mal seit fünfzig Jahren muss sich die Bevölkerung selbst regieren. Nach 1918 und 1946 beginnt das dritte demokratische Experiment auf syrischem Boden. Die politische Elite der letzten syrischen Demokratie rekrutierte sich noch aus Großgrundbesitzern und Stadtnotabeln in Aleppo und Damaskus. Die Menschen in Manbij, kleinere Kaufleute, Elektriker, Lehrer und Bauarbeiter, müssen alles neu lernen und aushandeln. Wie lassen sich unter Dauerbombardements sichere Wahlen organisieren, die zugleich fair sind? Und was nützt einem die Freiheit, wenn man weiter von der Hand in den Mund lebt?
Der neue Senat und seine Entscheidungsgremien werden fast vollständig mit den wirtschaftlichen Eliten der Stadt besetzt. Nach ihren Vorstellungen ist der Staat dazu da, persönliche Freiheitsrechte und vor allem Eigentumsrechte zu schützen. Aber lässt sich so Gerechtigkeit herstellen? Schnell zeigt sich, dass sich hinter den Forderungen nach Demokratie höchst unterschiedliche Vorstellungen verbergen.
Plötzlich die schwarzen Fahnen des „Islamischen Staates“
Nach vielen Debatten und Demonstrationen einigt man sich auf ein System, in dem jede Berufsgruppe ihren eigenen Vertreter wählt und in den Exekutivrat entsendet. Lange Schlangen vor den Wahllokalen werden so vermieden, Sicherheit und Repräsentationscharakter der Wahl sind nun zugleich gewährleistet. Der Leser gewinnt hier einen eindrücklichen Einblick in einen notgedrungen revolutionären Erfindergeist.

Unter dem Bombenhagel und den Rivalitäten der Rebellenfraktionen taucht verhüllt in schwarzen Fahnen ein neuer mächtiger Akteur auf. Er verfügt über ein gewaltiges Waffenarsenal und weitreichende finanzielle Mittel, gegen die die Freie Syrische Armee klein aussieht. Dem Zweijahresexperiment als Stadtrepublik folgt die Schreckensherrschaft des „Islamischen Staates“ (IS). Die Bevölkerung wehrt sich, organisiert einen Generalstreik; Hunderte, vielleicht Tausende verschwinden für immer.
Der brutalen IS-Herrschaft folgt ein brutaler Eroberungskrieg, angeführt von der amerikanisch-kurdischen Koalition. Die kurdisch dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) ziehen ein, Revolutionssymbole bleiben verboten, politische Aktivisten werden unter haarsträubenden Vorwürfen in Gefängnisse gesteckt, und das nachdem sie bereits Jahre in den IS-Kerkern verbracht hatten. Unter den Augen ihrer amerikanischen Sponsoren agierte die SDF weniger barbarisch als der IS, aber nicht minder diktatorisch.
Wann wird einem Regime die Legitimität entzogen?
Gopal hat gemeinsam mit sechs lokalen Mitarbeitern in Syrien, der Türkei und Europa mehr als 2000 Interviews geführt. Unter den Befragten waren Regimeanhänger, Rebellen und ehemalige IS-Kämpfer. Als zweite Säule dient ein Textkorpus aus Zeitungen und sozialen Medien, als dritte ein Videoarchiv aus öffentlichen und privaten Aufnahmen. Die Ereignisse rund um den Abzug der syrischen Armee aus Manbij ließ er von fünfundzwanzig Augenzeugen bestätigen und mit vorhandenem Videomaterial abgleichen. Das Buch enthält ein großzügiges Methodenkapitel, das versucht, jede Aussage auf ihre Quelle zurückzuverfolgen. Schon diese akribische Leistung ist für sich zu würdigen.
Das Buch endet mit dem Sturz Assads. Und gleichzeitig kreist es die ganze Zeit um eine weit grundsätzlichere Frage: Unter welchen Bedingungen hört man auf, einen seit Jahren beobachteten Sachverhalt bloß als Unglück wahrzunehmen? Wann spricht man den bestehenden Verhältnissen ihre Legitimität ab? Dem Status quo die Legitimität zu entziehen, impliziert, dass die eigene Imagination plötzlich eine Alternative zulässt. Aber worin besteht diese? Und wie wird man sich einig, wie sie aussehen soll?
Selbstverständlich braucht eine solche Imagination auch eine besondere Art von Trägern; Männer und Frauen, die bereit sind, alles zu riskieren. Vor etwa fünfzehn Jahren schien sich in Syrien für einen kurzen historischen Augenblick ein solches Gelegenheitsfenster aufzustoßen. Wer verstehen will, wo das Land heute steht, kommt um diese eindrückliche Schilderung dieser Geschichte nicht herum.
Anand Gopal: „Days of Love and Rage“. A Story of Ordinary People Forging a Revolution. Simon & Schuster, London 2026. 592 S., geb., 26,– €.
