Manchmal liegen Krise und Aufschwung nur ein Werkstor und wenige Kilometer voneinander entfernt. Während der Autozulieferer ZF Friedrichshafen Tausende Stellen abbaut und nach Wegen sucht, den Personalüberhang sozialverträglich zu verringern, baut der Großmotorenhersteller Rolls-Royce Power Systems (RRPS) seine Belegschaft vor Ort in der Stadt am Bodensee kräftig aus. Die Antriebe für Modelle wie Leopard oder Puma oder andere Kettenfahrzeuge für die Bundeswehr und andere Streitkräfte sind begehrt. Das Unternehmen sucht deshalb händeringend Fachkräfte, um der Nachfrage Herr zu werden. „Allein in diesem Jahr planen wir, rund 1000 Stellen neu zu besetzen, davon etwa die Hälfte in Friedrichshafen“, teilt das Unternehmen mit.
Nun wechseln Beschäftigte vom Autozulieferer zum Motorenhersteller – nicht als Einzelfälle, sondern als Teil einer gezielten Vereinbarung. Möglich macht das ein relativ neuer Tarifvertrag zum Personalaustausch in der Metall- und Elektroindustrie. Mit seiner Hilfe können Unternehmen mit Personalüberhang Mitarbeiter an Betriebe mit Fachkräftelücken abgeben. Beide Unternehmen sind Vorreiter in dem Bereich. Alles allerdings im überschaubaren Rahmen. Es seien nicht Hunderte gewesen, sondern eine niedrige zweistellige Personenzahl, so ein Sprecher des Autozulieferers. Im Falle der Arbeitnehmerüberlassung zwischen beiden Unternehmen sei das befristet und projektbezogen. Es blieben ZF-Beschäftigte, wie ein Sprecher des Autozulieferers mitteilt.

Neuer Tarifvertrag soll den Weg ebnen
Was für die einen den Abschied bedeutet, ist für die anderen der Einstieg. Der Personaltransfer erzählt von einer Industrie im Umbruch. Die Region am Bodensee ist ein Schwerpunkt der Verteidigungsindustrie in Baden-Württemberg. Hier ist der neuartige Tarifvertrag zwischen dem Arbeitgeberverband Südwestmetall und der IG Metall im vergangenen Jahr abgeschlossen worden. Etwa 40 Unternehmen seien ihm bisher beitreten, sagt ein Sprecher des Arbeitgeberverbands. Er sei ein hilfreiches Instrument für Unternehmen, um besser mit den strukturellen Veränderungen und der Transformation in der Industrie umgehen zu können.
Ein Sprecher des Großmotorenherstellers betont aber: „Für Rolls-Royce Power Systems ist dieses Modell eine sinnvolle Ergänzung unserer Personalstrategie.“ Wie bei vergleichbaren freiwilligen Modellen hänge die tatsächliche Nutzung jedoch von den individuellen Entscheidungen der Beschäftigten ab. „Unser Fokus liegt weiterhin auf der langfristigen Gewinnung, Entwicklung und Bindung eigener Mitarbeitender, um das Wachstum unseres Unternehmens nachhaltig zu unterstützen.“
Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, Hans Christoph Atzpodien, sagt: „Generell sind die gut ausgebildeten Arbeitskräfte aus der Automotive-Industrie auch für Aufgaben im Rüstungsbereich gut geeignet, wenn sie die Flexibilität eines Arbeitgeberwechsels auf sich nehmen. Inwieweit das Wachstum in unserer Branche alle wegfallenden Arbeitsplätze des Automotive-Sektors auffangen könnte, vermag ich nicht zu sagen. Erfahrungsgemäß dürfte dies jedoch nicht eins zu eins gelingen.“ Angesichts des Zeitdrucks gehe es vor allem um bereits qualifiziertes Personal, das rekrutiert werden müsse. Vielfach gesucht werden aktuell Ingenieursberufe und Softwareentwickler. Aktuelle Daten zum Personalbedarf oder wie viele Menschen schon in die Branche gewechselt sind, gibt es nach Angaben des Verbands nicht.

In Bayern haben Arbeitgeber und Gewerkschaft IG Metall kürzlich gleichfalls einen entsprechenden Tarifvertrag zum Personalaustausch vereinbart. Am Bodensee wird das zwischen den beiden Unternehmen aber wohl nur in einem sehr begrenzten Maße genutzt. „Die Nachfrage nach einem Wechsel von ZF zu Rolls-Royce Power Systems ist nicht so da. Viele ZF-Kollegen warten lieber auf eine Abfindung im Bewusstsein, dass man sie sowieso nicht hart rausschmeißen kann“, heißt es aus Unternehmenskreisen des Großmotorenherstellers. Das Gehalt unterscheide sich dann kaum. Ein paar mehr Fälle gebe es bei ZF-Kollegen, die nur befristet angestellt gewesen seien, die könne RRPS dann auch länger anstellen.
Die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie setzt beim Personalaufbau gezielt auf Beschäftigte aus der Automobilbranche. So sucht gleichfalls die deutsche Tochtergesellschaft des französischen Rüstungsunternehmens Thales händeringend Fachkräfte. Vorstandschef Christoph Ruffner sagt: „Wir haben bislang rund 100 neue Beschäftigte – die meisten davon in Ditzingen und Ulm –, die zuvor in der Automobil- und Automobilzulieferindustrie tätig waren.“ Das Unternehmen plant im laufenden Jahr 300 neue Stellen zu schaffen. Am Stammsitz in Ditzingen gegenüber vom Laserspezialisten Trumpf fertigt das Unternehmen Radarsysteme, die auch zur Drohnenabwehr zum Einsatz kommen.
Autonomes Fahren bei Bosch war nicht gefragt
In Ditzingen arbeitet gleichfalls der Softwareentwickler Johannes Scherle für Thales. Der 40-Jährige war zuvor bei Bosch tätig, am Anfang im Bereich der Steuergeräte. Dann wechselte er zum autonomen Fahren. „Dort ging es um die Entwicklung von Radarsensoren für autonomes Fahren auf der höchsten Stufe. Für das Produkt war aber die Nachfrage nicht da.“ Von einem gewissen Zeitpunkt an habe das Projekt unter der Beobachtung des Managements gestanden und sei dann im Herbst 2024 beendet worden. Für ihn war damit klar, dass er sich etwas Neues suchen musste. Im Oktober fing er in Ditzingen im Bereich Softwareentwicklung und Softwaremanagement an. „Ich bin als einer der Ersten aus meinem früheren Umfeld von Bosch in die neue Branche gewechselt.“

Was Softwareentwickler Scherle genau macht, ist unklar. Auf Nachfrage schweigt er und betont: „In der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie gibt es ein hohes Maß an Sicherheitsanforderungen.“ Das bedeutet absolute Verschwiegenheit. Die tägliche Arbeit unterliegt strengen Vorschriften.
Thales Deutschland hatte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 670 Millionen Euro erzielt. An den neun Standorten in Deutschland arbeiten aktuell rund 2300 Beschäftigte. Ruffner schätzt die Neuzugänge aus dem Automobilbereich: „Diese neuen Kolleginnen und Kollegen verfügen über Kompetenzen in den Bereichen Softwareentwicklung, Sensorik oder Embedded Systems – alles Fähigkeiten, die bei uns stark gefragt sind.“ Trotz dieser übertragbaren Fähigkeiten gebe es in der Sicherheitsindustrie auch branchenspezifische Normen, Regularien und Technologien, die die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erlernen müssten. „Das kann von Fall zu Fall die Einarbeitung verlängern. Insgesamt sehe ich hier aber mehr Chancen als Hindernisse.“
Ablösen werden nicht bezahlt
Das in Taufkirchen bei München beheimatete Unternehmen Hensoldt ist auf den Bau von Radaren und optischen Systemen spezialisiert. Hensoldt entwickelt Sensoren, Elektronik und Software für Heeres-, See-, Luft- und Raumfahrtstreitkräfte und zur Abwehr von Cyberangriffen. Das Unternehmen plant infolge der stark steigenden Nachfrage nach seinen Produkten im laufenden Jahr bis zu 1600 Neueinstellungen, vornehmlich in Deutschland. Insbesondere die Standorte Ulm, Oberkochen/Aalen und Immenstaad am Bodensee verzeichnen ein starkes Wachstum, wie das börsennotierte Unternehmen, das im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,46 Milliarden Euro erzielte, mitteilt.
Hier kommt nun der Maschinenbauer Voith ins Spiel, der gerade einen Umbau durchmacht. Das Familienunternehmen und Hensoldt schlossen im April eine Kooperation mit dem Ziel, betroffenen Beschäftigten vom Stellenabbau bei Voith eine neue, dauerhafte Perspektive zu geben. Hensoldt-Vorstandschef Oliver Dörre sagt: „Viele Kompetenzen von Voith-Mitarbeitenden – etwa in Systementwicklung, Software oder Elektronik – passen hervorragend zu den Technologien, die wir entwickeln.“ Voith-Vorstandschef Dirk Hoke betont, die Kooperation mit Hensoldt schaffe neue Perspektiven für hoch qualifizierte Fachkräfte und stärke gleichzeitig technologisch anspruchsvolle Zukunftsfelder in Deutschland.
Da die Kooperation erst angelaufen ist, gibt es noch keine konkreten Zahlen über die gewechselten Voith-Beschäftigten, wie ein Hensoldt-Sprecher mitteilt. „Der Schwerpunkt liegt aktuell darauf, die Mitarbeitenden transparent über ihre Optionen zu informieren und den Prozess strukturiert und verantwortungsvoll zu begleiten.“ Der Wechsel erfolgt freiwillig, und Hensoldt zahlt auch keine Ablösen, wie sie in der Personalvermittlung durchaus üblich sind. Ein Sprecher des Sensorsystemhauses betont: „Es handelt sich dabei nicht um die Übernahme ganzer Standorte oder Organisationseinheiten, sondern um individuelle Übergänge.“ Es ist nicht das erste Mal, dass Hensoldt in der Autobranche nach Fachkräften Ausschau hält. Mit dem niedersächsischen Zulieferkonzern Continental und dessen Abspaltung Aumovio haben die Bayern ebenfalls eine entsprechende Kooperation abgeschlossen.
