
Die von der Bundesregierung geplante Erhöhung der deutschen Sektsteuer fällt in kriegerische Zeiten. Das passt zur Entstehung und Geschichte dieser Abgabe: Bei ihrer Einführung im Jahr 1902 ging es um den Ausbau der kaiserlichen Kriegsflotte, was für Kaiser Wilhelm II. ein dringendes Anliegen war. Damals kam die Sektsteuer allerdings einer Reichensteuer gleich, weil Schaumweine das Luxusgut einer kleinen Oberschicht waren. Heute dominiert dagegen die Massenware im Handel.
Zwar wurde die Steuer im Jahr 1933 während der Weltwirtschaftskrise wieder abgeschafft, doch schon sechs Jahre später hielten die Nationalsozialisten sie für die Finanzierung des Baus von U-Booten für unerlässlich. Nach Kriegsende war ihr Aufkommen in der jungen Bundesrepublik für den Wiederaufbau bestimmt. Seit den Neunzigerjahren ist die Sektsteuer in Höhe von heute 1,02 Euro je Flasche eine Verbrauchsteuer ohne konkrete Zweckbindung. Das bringt dem Staat immerhin rund 325 Millionen Euro ein.
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hofft auf deutlich mehr, wenn die Erhöhung um 20 Prozent im nächsten Jahr greift. Zu den dann fälligen 1,22 Euro je Sektflasche kommt noch der Aufschlag durch die Mehrwertsteuer. Insgesamt soll die Erhöhung, die auch Spirituosen, nicht aber Wein und Bier trifft, die Einnahmen auf bis zu 450 Millionen Euro steigen lassen.
Branche ist über Erhöhung verärgert
Die Branche ist besorgt und verärgert. „Viele Betriebe, die in den vergangenen Jahren in das Segment Schaumwein investiert haben, weil das klassische Winzergeschäft zunehmend unter Druck steht, können kaum nachvollziehen, dass ausgerechnet jetzt Schaumwein stärker belastet werden soll“, heißt es vom Wiesbadener Verband Deutscher Sektkellereien. Schaumweine seien für Weingüter, Kellereien und mittelständische Unternehmen ein wichtiges Zukunftsfeld. Die geplante Steuererhöhung könne nicht vollständig an den Markt weitergegeben werden, weil der Preisdruck im Handel enorm sei.
Daher werde ein Teil der zusätzlichen Belastungen an den Unternehmen hängen bleiben, so die Erwartung der Branchenvertreter. Das schmälere die ohnehin geringen Margen, schwäche die Bereitschaft zu Investitionen und verschärfe die wirtschaftlich angespannte Lage zusätzlich. Die Sektkellereien und der Bundesverband Wein und Spirituosen halten die Steuerpläne deshalb für „wirtschaftlich unsensibel und steuerpolitisch nicht nachvollziehbar“. Belastet werde die regionale Wertschöpfungskette vom Weinbau über die Sektherstellung bis zum Handel, Gastronomie und Tourismus.
Investitionen der Sekthersteller würden ausgebremst
Nach einer Modellrechnung des Verbands könnten Konsumrückgänge und das Ausweichen auf nicht steuerbelastete Getränke die erhofften zusätzlichen Einnahmen deutlich verringern. Das könne nach 2028 sogar zu einem Steuerrückgang führen, so Verbandsgeschäftsführer Alexander Tacer. Das sieht der globale Marktführer mit Sitz in Wiesbaden, Henkell-Freixenet, ähnlich. Die zusätzlichen Steuereinnahmen seien keineswegs gesichert. Höhere Endverbraucherpreise im Handel beeinflussten das Konsumverhalten; Verbraucher reagierten erfahrungsgemäß mit Zurückhaltung. Im Ergebnis hält Henkell-Freixenet ein „fiskalisches Nullsummenspiel“ für möglich.
Die Auswirkungen auf große Teile der Sekt- und Spirituosenwirtschaft, die mit 225.000 Beschäftigten einen Jahresumsatz von knapp zehn Milliarden Euro erzielt, sowie die dahinterstehende Wertschöpfungskette seien groß, so Henkell-Freixenet. Sekt sei „Teil einer gewachsenen deutschen, verantwortungsbewussten Genuss- und Feierkultur“ und bringe zu besonderen Anlässen Menschen zusammen. Das sei ein wichtiger Beitrag zum gesellschaftlichen und kulturellen Leben.
Rotkäppchen-Mumm, der deutsche Schaumwein-Marktführer mit Sitz in Freyburg und Eltville, sieht den Mittelstand von den Steuerplänen hart getroffen. Innovationen und Investitionen, auch in alkoholfreie Alternativen, würden ausgebremst. Schaumwein stehe in vielen Weinbauregionen für Tradition und wirtschaftliche Stabilität und sichere regionale Arbeitsplätze.
Rotkäppchen-Unternehmenschefin Silvia Wiesner sagt: „Die negativen Konsequenzen der Steuererhöhung stehen nicht im Verhältnis zum erwarteten, noch weniger zum realistischen fiskalischen Effekt.“ Die Steuererhöhung sei zudem nicht verhältnismäßig. Die erwarteten Mehreinnahmen für Schaumwein lägen nach ihren Berechnungen bei rund 65 Millionen Euro. Das entspreche etwa 0,01 Prozent des Bundeshaushalts: ein begrenzter Effekt für den Staat bei gleichzeitig massiven Belastungen für die Branche.
Gelassener reagieren Premiumerzeuger wie Schloss Vaux in Eltville. Das überrascht nicht, denn bei hochpreisigen Sekten spielt der Steueranteil eine deutlich geringere Rolle als bei Schaumweinen, die sehr häufig als preisgünstige Aktionsware im Einzelhandel offeriert werden. Warum Sekt bald stärker besteuert werden soll, Wein und Bier aber nicht, bleibt für viele Sekterzeuger dennoch unverständlich.
