
Am Abend einer Premiere verschwand Tony Kushner gewöhnlich aus dem Theater. Bevor sich der Vorhang hob, sang er stets „Begin the Beguine“ von Cole Porter, während der Vorstellung ging er dann chinesisch essen. Zur Broadway-Premiere seines Musicals „Caroline, or Change“ im Jahr 2004 brauchte der Autor zusätzlichen Beistand. Er lief durch den Central Park zum Bethesda-Brunnen, um den steinernen Engel dort um Glück zu bitten.
Die Wahl des Ortes war kein Zufall. Der Brunnen erscheint auch am Ende von Kushners berühmtestem Werk „Angels in America“. Er wusste auch, dass die Statue im 19. Jahrhundert von Emma Stebbins geschaffen worden war, einer lesbischen Bildhauerin, und dass das Werk schlechte Kritiken bekommen hatte. Diese Verbindung aus queerer Geschichte, Humor und Selbstzweifeln ist typisch für Kushner, der dem „New Yorker“ vor 22 Jahren von seinen Ritualen und seinen Unsicherheiten erzählte.
Vom Theater zu Spielberg
Damals war er längst einer der bedeutendsten amerikanischen Dramatiker der Gegenwart. Inzwischen hat Kushner zwar seit 2009, als „The Intelligent Homosexual’s Guide to Capitalism and Socialism with a Key to the Scriptures“ uraufgeführt wurde, kein komplett neues Stück mehr produziert. Dafür wirkte er aber bei mehreren erfolgreichen Filmen mit, schrieb das Drehbuch zu den Filmen „Munich“, „Lincoln“, „West Side Story“ und „The Fabelmans“ von Steven Spielberg. Aber am bekanntesten ist Kushner immer noch für „Angels in America“, jenes zweiteilige Werk von 1991 und 1992, das während der AIDS-Epidemie der Achtzigerjahre spielt und für das er unter anderem den Pulitzerpreis erhielt.
Dass Kushner beim Theater landen würde, deutete sich früh an. Geboren wurde er 1956 in New York als Sohn eines jüdischen Musikerehepaars, wuchs aber in Lake Charles in Louisiana auf. Der Vater spielte Klarinette, die Mutter Fagott. Sie hatte als professionelle Orchestermusikerin gearbeitet und ihre Karriere für die Familie aufgegeben. Später trat sie im lokalen Theater auf. Als Kind sah Kushner seine Mutter in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ als Linda Loman. Er beschrieb diesen Auftritt später als eine Art Erweckungserlebnis, erschreckend und faszinierend zugleich. Das Theater erschien ihm fortan als ein Ort, an dem ein Mensch derselbe bleiben und doch jemand ganz anderes werden konnte.
Komplexität auf die Bühne bringen
Schon als Kind wusste Kushner auch, dass er schwul ist. Die Erfahrung, ein Außenseiter zu sein, sollte später sein Werk prägen. Andere Schüler schikanierten ihn, sein Vater wollte ihn zu einer „Konversionstherapie“ drängen. Doch dann entdeckte Kushner den Debattierclub. Manchmal sei er erbarmungslos gewesen, das bessere Argument wurde seine neue Waffe, erinnerte er sich. An der Columbia Universität belegte er anschließend erst Mittelalterstudien, beschäftigte sich später intensiv mit Shakespeare und studierte das Prinzip des dramatischen Widerspruchs. Entscheidenden Einfluss hätten auch der Marxismus, die Kritische Theorie und Bertolt Brecht gehabt.
Im Theater wurde er ein politischer Autor, ohne dass seine Figuren zu Sprechpuppen wurden. In Kushners Geschichten treffen Kapitalismus, Religion und Rassismus auf individuelle Erfahrungen von Begehren, Scham, Krankheit, Feigheit und Verlust. Seine Figuren irren sich, widersprechen einander und verstricken sich in den eigenen Überzeugungen.
Heute ist der Dramatiker auch bekannt für seine politischen Essays und gehört zum Herausgebergremium der linken Zeitschrift „The Nation“. Im Moment arbeitet Kushner an einer Filmadaption von Recherchen der Journalistin Rachel Maddow zu faschistischen Bewegungen in Amerika. In Interviews wird er in letzter Zeit oft gefragt, was „Angels in America“ bis heute aktuell mache.
Was bedeutet Solidarität heute?
In dem Stück begegnen einander schwule Männer, Mormonen, Juden, Geister und historische Figuren. Die Handlung springt zwischen Krankenzimmern, Wohnungen, Träumen und dem Himmel. Im Zentrum steht die Frage, wie Menschen sich verhalten, wenn andere hilflos werden. Wer bleibt bei einem Kranken, wer nicht? Was bedeuten Solidarität und Verantwortung in einer Gesellschaft, die Individualismus feiert?
Der „Bösewicht“ der Geschichte ist Roy Cohn, der ein Helfer des antikommunistischen Senators Joe McCarthy und jahrzehntelang Strippenzieher der Rechten war. Kushner zeigt ihn nicht als reine Schreckensfigur, sondern als komplexen Menschen: Cohn ist selbstbetrügerisch und voller Angst, weil auch er an Aids sterben wird, während die Konservativen unter Präsident Ronald Reagan mit moralischen Urteilen und Gleichgültigkeit auf die Krise reagieren.
Seine Kindheit im Süden hat Kushner zusammen mit vielen Konservativen verbracht. Heute, sagte er kürzlich, könne er mit vielen dieser Menschen, die Trump-Anhänger seien, nicht mehr richtig sprechen. Doch lieben könne er einige von ihnen noch immer.
Kushners Werke stellen die Frage, was Menschen einander schulden, wenn sie einander als Menschen begegnen. Sozialer Fortschritt und Menschlichkeit sind aus Sicht des Dramatikers, der heute siebzig Jahre alt wird, nie garantiert. Deshalb müssen sie stets aufs Neue gegen politische Widerstände erkämpft werden.
