Mit dem bayerischen Wissenschafts- und Kunstminister Markus Blume und mit dem Freistaat Bayern verhält es sich insgesamt wie mit den Luxushaxen des 1. FC Bayern München. Oft schon plätscherten ernste Spiele, auf Landesebene gehoben etwa die mehr als schleppende Restitution vieler Werke, lange ergebnislos dahin. Dann dreht sich das Blatt komplett – und Bayern war plötzlich an der Spitze.
So geschehen, wie berichtet, am Dienstagnachmittag im Bayerischen Kabinett, wo der Minister die bayerische Provenienzforschung mit acht neuen Stellen am unabhängigen und „staatsfernen“ (O-Ton Blume) Leibniz-Institut für Zeitgeschichte (IfZ) mit einer dringende Restitutionsempfehlungen aussprechenden Kommission neu aufstellte. Den Vorsitz übernimmt der vom Deutschen Historischen Museum Berlin „ausgeliehene“ Spitzenspieler Raphael Gross. Und um zu zeigen, dass man es ernst meint, wurde noch während der Pressekonferenz angekündigt, man werde Picassos wertvolle „Fernande“-Bronzebüste an den Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim restituieren.
Der Museumsverbund soll eine staatsferne Holding sein
So reklamiert man nicht nur die Führungsrolle für Restitutionsfragen in Deutschland für Bayern, man inszeniert den Freistaat auch als Vorbild für alle anderen Bundesländer und Vereine. Zweiter Aufschlag dann am Mittwochmorgen in der Sitzung des Landtagsausschusses für Wissenschaft und Kunst mit dem hundert Seiten starken Weißbuch „Die Zukunft der staatlichen Museen Bayerns für Kunst und Kultur“. Da ließ Markus Blume wie der späte Uli Hoeneß bei der Vorstellung seiner „Museumsoffensive“ gleich mehrere Bomben in unaufgeregtem Plauderton quasi en passant platzen.
Der neue, von den beiden Leitern der Reformkommission Markus Michalke und Rolf Nonnenmacher konzipierte „Museumsverbund“ wird wie eine Holding als Anstalt des öffentlichen Rechts organisiert und in einer Doppelspitze von einem Aufsichtsrat kontrolliert. Dies sorge für eine gemeinsame strategische Ausrichtung, größere Freiheitsgrade (Blume: „Abkehr vom Behördenstatus“) und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit, insbesondere aber für eine weitaus modernere Außenwirkung.

Das Team der bislang 18 bayerischen Staatsmuseen als bisher nachgeordnete Behörden in 30 Kommunen wird von 2029 an zur Effektivitätssteigerung auf zehn Player konzentriert. Gewinner ist die Pinakothek der Moderne, die nun als Einzelhaus läuft und durch große Unabhängigkeit innerhalb der drei Pinakotheken gestärkt wird (vulgo: die seit 1799 existierenden „Staatsgemäldesammlungen“ gibt es in Zukunft nicht mehr, das Haus Wittelsbach über seinen Ausgleichsfonds habe dieser „mutigen Empfehlung“ der Kommission jedoch zugestimmt).
Verlierer sind damit die Alte und Neue Pinakothek, letztere seit Jahren in restauro und nur in Teilen in der Alten zu sehen, die zusammengeworfen werden und als aktuell unter ihren Potenzialen agierend präsentiert wurden. Das Museum Brandhorst, das Bayerische Nationalmuseum, das Museum Fünf Kontinente, die Staatlichen Graphischen Sammlungen sowie die Archäologischen Staatssammlungen werden hingegen nicht angetastet. Außen vor seien auch das Haus der Kunst (HDK) und das Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) in Regensburg, wobei dem HdBG das Armeemuseum in Ingolstadt zugeschlagen wird.
Was wird aus dem Staatsmuseum für Franken?
Bei den „Museen der Industriekultur“ an diversen Standorten will man sich auf das Porzellanikon in Selb, das Glasmuseum in Frauenau und das Textil- und Industriemuseum Augsburg konzentrieren. Ein umstrittener Fall, wie auch die Grünen-Oppositionelle Sanne Kurz bei der nachfolgenden Anhörung sofort bemängelte, ist das im Aufbau befindliche „Staatsmuseum in Franken“ in der Festung Marienberg in Würzburg, das künftig mit dem Neuen Museum in Nürnberg kooperieren muss. Während das Erstere überwiegend Landesgeschichte zeigen wird, ist der geniale Nürnberger Glasadventskalender Volker Staabs inhaltlich ganz auf Moderne und Design eingeschworen. Das Tertium comparationis muss demnach der Würzburger Flügel für moderne Kunst sein, den Gründungsdirektor Erich Schneider von Beginn an stark gemacht hat.
Die Reduktion um acht Museen heißt aber auch, dass zwei bedeutende Häuser komplett „abgegeben“ werden und sechs unter die Dächer der genannten Museen schlüpfen (so etwa die Ägyptische Kunst unter jenes der „Museen des Altertums“). Konkret gilt dies für die Sammlung Ingvild Goetz in Oberföhring und ihr spektakuläres Gebäude der Schweizer Architekten Herzog & De Meuron von 1993, das als „nicht sanierungsfähig“ vom Freistaat an die Stifterin Goetz zurückgegeben wird. Die Kollektion von inzwischen 5500 Werken komme aber in die Münchner Innenstadt zurück, indem sie partiell und in „flexiblen Kontexten“ in der Pinakothek der Moderne ausgestellt werden.
Museumsverbünde in Wien, Dresden und Berlin als Vorbild
Ebenso nicht dem künftigen Museumsverbund angehören wird das Museum für Antikenabgüsse in München, das nahezu das gesamte Altertum in Gipsabgüssen der antiken Hauptwerke in einer Dichte abbildet, die kein Museum im Original bieten kann. Dieses Museum ist allerdings kein reines Kunstmuseum und wird künftig als Lehr- und Forschungssammlung der Archäologie der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität dienen. Abgeschaut haben sich Blume und sein Stab das Funktionieren dieses Modells wohl bei „Bildungsreisen“ zu den großen staatlichen Museumsverbünden in Wien, Dresden und Berlin. In der deutschen Hauptstadt wird das Abgussmuseum gegenüber von Schloss Charlottenburg seit Jahren durch die FU betreut. Finanziert werden soll das Münchner Museum aber weiterhin vom Freistaat, nur dass die Ressourcen von nun an der LMU zufließen.
Bemerkenswert bleibt, dass all diese Reformen nicht mit Mittelkürzungen für die verbliebenen zehn Museums-Entitäten und auch nicht für die acht neue Stellen erhaltende Provenienzforschung einhergehen. Sie werden vielmehr mit Blick auf die Millionen von Bayern-Touristen jährlich umgesetzt, auch in dem Bewusstsein, wie es der CSU-Landtagsabgeordnete Stephan Oetzinger formulierte, dass Kultur „bayerischer Identitätsstifter“ sei und „zur Zusammenführung der diversen Landesteile“ beitrage. Ein unerwarteter Spielwandel in der 86. Minute, der Bayern und München ein Stück weit vor die anderen setzt.
