Vor seinem größten Spiel hat Andrés Iniesta keine Ruhe. In der Nacht steht er auf, verlässt das Zimmer, beginnt zu laufen. Sprintet den Hotelgang auf und ab. Und wieder. Muss sehen, muss fühlen, ob er bereit ist. In den Beinen. Im Kopf.
Der nächste Abend, das WM-Finale. Die anderen laufen zum Aufwärmen. Iniesta hat noch etwas zu tun. Er geht zu Hugo Camarero, einem der Physios. Bittet ihn, fünf Worte auf ein weißes Shirt zu schreiben. Erst dann läuft er hinaus. Und macht das Spiel seines Lebens.
Tod eines Freundes
Er war zwölf, als er aus La Mancha, der Heimat von Don Quixote, in La Masia, die Fußballschule des FC Barcelona, kam. Er war schüchtern, schweigsam, strahlte eine leise Melancholie aus – und spielte, als sei der Fußball für ihn erfunden worden. Mit einer Leichtfüßigkeit, einer Klarheit, die man nicht lernen kann. „Er wird uns einmal alle in Rente schicken“, sagte Pep Guardiola, damals noch Spieler.
Dann, mit dem Trainer Guardiola, schien Iniesta Mitte 2009 auf dem Gipfel. Er war Europameister mit Spanien, gewann alles mit Barça. Und fühlte sich „im freien Fall“, wie er 2016 in seiner Autobiographie offenbart. Es waren nicht allein die vielen Verletzungen, es war vor allem diese Nachricht im August 2009: der Tod seines Freundes Dani Jarque, Kapitän von Espanyol Barcelona, der mit 26 Jahren, während er mit seiner hochschwangeren Lebensgefährtin telefonierte, an plötzlichem Herzversagen starb.
Flucht in den Fußball
Für Iniesta wurde „alles finster“. Es war „nicht wirklich eine Depression“, in die er fiel, „auch keine Krankheit“, an der er litt. Er wusste keinen Namen dafür: „Aber es war, als wäre nichts mehr richtig.“ Das Selbstvertrauen war weg, ersetzt durch „das Gefühl, nicht mehr ich selbst zu sein“. Oft brach er nach zehn Minuten das Training ab. Iniesta suchte professionelle Hilfe. Und „die Flucht in den Fußball“. Beides half ihm, wieder der zu werden, der er war. Und der nun im WM-Finale steht. Passend zu dem, was er erlebt hat, wird es nicht nur einfach ein Spiel. Es wird eine Schlacht, ein Kampf gegen dunkle Mächte.
Die Niederländer wollen in ihrem dritten WM-Finale nicht wieder den Schönheitspreis gewinnen. So setzen sie, wie Johan Cruyff später klagt, auf „Antifußball“. Nigel de Jong tritt in Xabi Alonsos Brustkorb, Mark van Bommel senst Iniesta um. Ein Kampf auf Biegen und Brechen. Ein Spiel wie ein Destillat des ganzen Jahres, in dem Iniesta sich von allen Lasten befreien, sich wieder freispielen musste.
Vier Minuten vor Ende der Verlängerung ist er es endlich: frei. Und erlebt den Moment, in dem er „die Stille hört“. Fabregas’ scharfes Zuspiel hat er nicht perfekt kontrollieren können, weiß aber, dass er den springenden Ball am toten Punkt seiner Kurve volley nehmen kann. Er muss nur noch, es ist das Schwerste, die Ruhe bewahren, auf den Ball warten, bis er bereit ist. Und weil er schon so lang auf diesen Moment gewartet hat, wartet er die letzten Zehntelsekunden auch noch. So schießt er das Tor, das Spanien zum Weltmeister macht. Das Tor, das Iniesta von „einem dunklen Ort“ befreit.
Es ist der Moment, in dem er sich „wieder wie ein Fußballer fühlt“. Er reißt sich das blaue Trikot vom Leib, rennt zur Eckfahne, wo eine Kamera ist, und zeigt ihr das Hemd. Das Hemd, auf das Hugo, der Physio, mit blauem Stift die fünf Worte geschrieben hat: „DANI JARQUE SIEMPRE CON NOSOTROS.“ „Dani Jarque, immer bei uns.“ Und Andrés Iniesta, ganz bei sich.
