
Entschuldigung: Keinen der 135 Toten aus dem Ahrtal macht dieses eine Wort wieder lebendig. Wie sehr die Hinterbliebenen trotzdem darauf gewartet hatten, um mit der Katastrophe ein bisschen Frieden zu schließen, merkte man schon am Applaus derer, denen Gordon Schnieder es gewährte: „Dafür bitte ich als Ministerpräsident um Entschuldigung.“
Seine Vorvorgängerin Malu Dreyer, in deren Amtszeit sich die Katastrophe vor fünf Jahren ereignete – oder soll man sagen: deren Landesregierung sie zumindest in diesem grauenhaften Ausmaß zuließ? –, hatte es mit einer unter den Betroffenen zu Verbitterung führenden Beharrlichkeit abgelehnt, sich für eine Naturkatastrophe, um die es sich ja letztlich handelte, zu entschuldigen.
Wie sollte das auch gehen: Ich entschuldige mich für Hochwasser, Sturm, Hitze oder Eisregen? Spontan würde man da sagen: keine Ursache. Das meint: keine Ursache, also kein Grund zur Entschuldigung, du kannst ja nun wirklich nichts dafür. So, rein von der allerdings doch recht kalten Logik der Sache her betrachtet, mag Malu Dreyer sich damit im Recht gefühlt haben.
Wo blieb der landesmütterliche Instinkt?
Indes hätte schon ein landesmütterlicher Instinkt, eine Art seelsorgerisches Bedürfnis, das man sich bei einer solchen Heimsuchung ja gar nicht groß genug vorstellen kann, dafür sorgen können, auf solche Rechthabereien zu verzichten, von dem skandalösen Hin-und-her-Geschiebe der Verantwortlich-, ja, auch nur Zuständigkeit der Behörden ganz zu schweigen.
„Dafür bitte ich als Ministerpräsident um Entschuldigung“: Der sprachkritische und hier auch nur theoretisch vorgebrachte Einwand, dass in solchen Fällen wohl besser um „Verzeihung“ gebeten würde – „Entschuldigung“ sagt man eher, wenn man in der Straßenbahn jemandem auf die Füße tritt –, ändert nichts daran, dass ein solcher Satz vielen Menschen schon viel früher gutgetan hätte, wie er es jetzt, aus Schnieders Mund, augenscheinlich tat.
Man mag einwenden, so ein Satz koste nichts, wie ja umgekehrt sich niemand dafür etwas kaufen kann. Aber er ist schon deshalb bemerkenswert, weil den Leuten hierzulande sonst gerne „Eigenverantwortlichkeit“ eingeredet und ihnen gesagt wird, sie sollten nicht immer gleich „nach dem Staat rufen“. An diesem in vielerlei Hinsicht denkwürdigen Gedenktag hat der Staat spät, aber (hoffentlich) nicht zu spät sich von sich aus gemeldet und sein Versagen eingestanden, auch wenn offenbleiben wird, worin dieses im Einzelnen bestanden hat.
Die Regierung Schnieder ist und sieht sich Gott sei Dank auch als Rechtsnachfolgerin der vorigen, auch der Dreyers. Sie hat eine Verantwortung übernommen, die sie damals gar nicht hatte. Aber so ist das mit der Verantwortung: Man übernimmt sie, man nimmt sie sich und bringt damit sein Gespür für Dinge zum Ausdruck, die höher sind als alle Vernunft, der es ja, wie gesagt, nicht einfiele, sich fürs Wetter zu entschuldigen.
