
Es ist das Ende einer Wahlkampfveranstaltung in Dessau-Roßlau, als der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla zum Singen der Nationalhymne auffordert. „Uwe, du stimmst jetzt mal die Nationalhymne an“, sagt er zum sächsischen Kabarettisten Uwe Steimle, der den Diskussionsabend mit bestritten hat. Steimle fängt an, die Nationalhymne der DDR zu singen: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“.
Chrupalla will noch eingreifen, doch Steimle trägt unbeirrt die erste Strophe bis zum Ende vor. Hunderte Besucher singen mit, Chrupalla und Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, stimmen lächelnd ein, wie das Video der Veranstaltung zeigt. „Ich kann nur die Hymne“, sagt Steimle nach dem Ende des Gesangs, der Text sei „so großartig, und jedes Wort stimmt, als wäre es heute“. Bei großen Sachen sei das immer so, „wir gehören zusammen, wir sind Deutsche, Ende der Debatte“, sagt Steimle.
Danach stimmt dann Chrupalla noch die „gesamtdeutsche“ Hymne an, auch Steimle singt die mit. Ein distanzierendes Wort von Chrupalla oder Siegmund zur DDR-Hymne, die ja für die SED-Diktatur mit Mauer und Verfolgung jeglicher Opposition stand, fällt nicht. Auch nicht zu den Schmähwitzen des Komikers Steimle, der politisch von links nach weit rechts gewandert ist. Über das vor Kurzem enthüllte Merkel-Porträt sagt er an diesem Abend, im Moment hänge sie erst mal, doch wenn der Nagel breche, „dann stellen wir sie an die Wand“. Und über Kanzler Friedrich Merz bemerkt er, wenn er den sehe, frage er sich: „Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn wirklich braucht?“ Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau gegen Steimle wegen der Androhung von Straftaten. Man habe ein Verfahren nach Paragraf 126 des Strafgesetzbuches eingeleitet, bestätigte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft der F.A.Z. Zuvor hatte der „Spiegel“ berichtet.
„Ostalgie wird von der AfD ganz gezielt genutzt“
Das Singen der DDR-Hymne reihe sich in eine durchdachte Strategie der AfD in den ostdeutschen Bundesländern ein, sagt der DDR-Historiker Stefan Wolle der F.A.Z. Es ziele auf eine diffuse Stimmung, nach der es in der DDR schöner gewesen sei, es mehr Kollegialität und Nachbarschaft gegeben habe. „Das wird von der AfD ganz gezielt betrieben und ist auch sehr erfolgreich.“ Die Ostalgie der Älteren verbinde sich mit dem Osttrotz eines großen Teils der jüngeren Generation in Ostdeutschland, die sich selbstbewusst gegenüber dem dominierenden Westen gebe.
Mit der DDR-Hymne ist es allerdings nicht so einfach. Der Text, 1949 vom Schriftsteller Johannes R. Becher verfasst, enthält auch die Worte „lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland“. Als die DDR ihren gesamtdeutschen Anspruch aufgegeben hatte, wurde der Text, der zuvor oft gesungen wurde, ab etwa 1970 „klammheimlich aus dem Verkehr gezogen“, wie Wolle sagt. Bis zum Ende der DDR wurde bei offiziellen Anlässen nur noch die Melodie gespielt. Erst in den Monaten der friedlichen Revolution tauchte der Text wieder auf, nun sangen ihn die Demonstranten.
„Eine rechte Partei, die den Sozialismus verklärt“
Die AfD nutzt Ostalgie schon seit Jahren. Die Slogans „Der Osten macht’s“ und „Im Osten geht die Sonne auf“ nutzte die Thüringer AfD im Landeswahlkampf vor zwei Jahren. Zudem vereinnahmt die Partei DDR-Produkte, die Teil eines Retro-Kults geworden sind. Das gilt für das DDR-Moped Simson und seine Version „Schwalbe“.
Thüringens AfD-Chef Björn Höcke ließ sich nicht nur mit verspiegelter Sonnenbrille auf einer Simson für ein Plakat ablichten, sondern organisiert auch Ausfahrten mit Jugendlichen auf dem knatternden Kult-Zweitakter. Das ehemalige Simson-Werk in Suhl geht auf die jüdischen Brüder Simson zurück, die 1936 von den Nazis enteignet wurden und in die USA flohen. Deren Nachfahre Dennis Baum hat kürzlich auf einer Protestveranstaltung gegen den AfD-Parteitag in Erfurt sich im Namen der Familie dagegen verwahrt, dass der Name Simson von der AfD gekapert werde. Mit der Partei wolle seine Familie nichts zu tun haben. „Die Drohungen gegen Einwanderer, Menschen anderer Hautfarbe und sexuelle Minderheiten sind uns ein Gräuel“, sagte er.
Das Verhältnis der AfD zur DDR ist allerdings gespalten. Zum einen wird sie für soziale Sicherheit, Solidarität oder gute Bildung in den Naturwissenschaften gelobt, zugleich dient sie als abschreckendes Beispiel dafür, wie Propaganda und Lebenswirklichkeit auseinanderklaffen können. Begriffe wie „Systempresse“ oder „Blockparteien“ nutzt die AfD, um zu behaupten, dass heute wieder Zustände wie in der DDR herrschten. DDR-Historiker Wolle sieht einen grundsätzlichen Widerspruch: „Eine Partei, die rechts und gegen den Kommunismus ist, versucht gleichzeitig, den Sozialismus zu verklären.“
