Georg Quander ist nicht mehr Chef der Musikkultur in Rheinsberg, aber wie eh und je behält er für das sommerliche Kammeropern-Festival seine eigene Inszenierung: dieses Jahr Paisiellos „Barbier von Sevilla“. Die Einführungen dazu wie auch für Grétrys „Blaubart“ wiederum gibt eine weitere lang Bekannte und Ortskundige: Ulrike Liedtke, 1991 Gründungsdirektorin der Rheinsberger Musikakademie und inzwischen als Brandenburgische Landtagspräsidentin zu politischen Würden aufgestiegen.
„Ich bin für sanfte Übergänge“ sagt der Belgier Jelle Dierickx, als Nachfolger Quanders seit vergangenem Herbst künstlerischer Leiter des Kultur-Unternehmens. Demgemäß müssen, wo er hinkommt – und er ist schon an recht viele Orte und Projekte gekommen, über 40 zwischen den Niederlanden und Südmähren waren es bisher –, nicht alle Schlüsselpositionen neu besetzt und Brauchtümer neu gedacht werden, wie es bei Intendanzwechseln andernorts oft angesagt ist. Dierickx weiß Gewachsenes zu schätzen, ehe daraus Schritt zwei folgt: Umformung, Erweiterung, kreatives Spiel mit dem Möglichen.

Da ist zum Beispiel François-André Philidor, als Komponist mit seinem 300. Geburtstag einer der Musikjubilare des Jahres, Freund Diderots, zeitweiliger Gast Friedrichs II. und zu alledem auch der beste Schachspieler seiner Zeit. Warum also nicht auch heute auf den 64 Feldern spielen – und gleichzeitig seine Musik hören? Genau das konnte man diesen Frühsommer erleben oder sogar aktiv mitbetreiben: Simultan an 20 Brettern gegen einen Internationalen Schachmeister, während Philidors Klänge durch die Kulissen des Schlossparks tönten und ein komödiantisches Duo mit allerlei zur Klangerzeugung genutzten Grüngerätschaften für gelegentliche skurrile Kontrapunkte sorgte. Als König und Dame in den Schach-Figurensätzen fungierte dabei, 3-D-gedruckt, das historische Rheinsberger Paar Heinrich und Wilhelmine – beide, wie Philidor, ebenfalls 1726 geboren.
Der schwule, mit seinem regierenden älteren Bruder Friedrich auf gespanntem Fuß stehende preußische Prinz und seine pro-forma-Gemahlin bekamen zudem noch ihren eigenen gemeinsamen Tag: als Entdeckungsreise in Heinrichs brandenburgisches Arkadien mit seinen romantischen Tempelchen und Ruinen, das dabei zur Klanglandschaft wurde – durch zart verwehende Metallophone, Streich- oder Hornquartette aus den Tiefen des Grünraums, manchmal geheimnisvoll touchiert von geisterhaft über die Köpfe gleitenden Windpferd-Gebilden.

Als Heinrich den Rheinsberger Jugend-Musenhof seines älteren Bruders erbte, durfte er auskosten, was dieser als weltpolitisch beanspruchter Regent längst verloren hatte: sich weitab vom Tagesgeschehen eine eigene Idealwelt zu imaginieren. Dass es aber selbst im Zeitalter immerwährender medialer Zugänglichkeit von Vorteil sein kann, sich abseits der rotierenden Metropolen in einem – relativen – Einklang von Natur und Kultur bewegen zu können, weiß und genießt nun auch Dierickx. Kennengelernt hat er sein jetziges Wirkungsfeld schon während seiner früheren Tätigkeit für die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. Als er danach ins heimische Flandern zurückpendelte, begleiteten ihn Bedauern und gute Wünsche – so wie jetzt, bei seiner Rückkehr ins Brandenburgische, das Gefühl, das sich damit vielleicht ein Kreis schließen könnte.
Keine Fremdheit, nirgends: weder bei seiner Berufung noch im Zugehen auf die Menschen vor Ort, in deren Nahraum er nun mit seiner Familie leben und die er in noch intensivere Berührung mit dem bringen will, was – auch – ihre Geschichte und Prägung ausmacht. Bei der Heinrich-Wilhelminen-Entdeckungsreise sind es einheimische Schüler, die vor der Feldsteingrotte Fabeln von La Fontaine vortragen, und deren Inneres wird, wie auch andere Orte im Park, temporär von farbprächtigen Keramiken einheimischer Produktion belebt. Die Tradition der Tonplastiken geht ebenfalls bis in die Zeit Prinz Heinrichs zurück – und dass die Regisseurin der Grétry-Oper, Maja Jantar, spartenübergreifend ebenfalls als Keramikerin arbeitet, ist in diesem Umfeld wohl kein Zufall.

Nicht alles ist mit allem verknüpfbar, aber erstaunlich vieles mit vielem – und Dierickx, der es ein Privileg nennt, schon in seinem ersten Leitungsjahr weitgehend freie Hand fürs Programm zu haben, sitzt heiter mitteninne: „Ich bin hier nur der Vermittler, aber mir geht es gut dabei: Ich kann schöne Menschen mit anderen schönen Menschen verbinden.“ Wobei die „schönen Menschen“ – schon die bisher gefallenen Namen lassen es ahnen – für ihn nicht durchweg dem konventionellen Bild entsprechen müssen.
Wer für die Sache der Kunst guten Willens ist, gehört dazu; und einer wie Siegfried Matthus, der mit der Kammeroper und dem Internationalen Gesangswettbewerb zwei tragende Säulen der aktuellen Rheinsberger Musikkultur – inzwischen um die damals noch eigenständige Musikakademie erweitert – installierte, bekommt dabei postum sogar einen Ehrenplatz: „Ich habe nach meiner Berufung bald sein Grab besucht. Heute sind Bemühungen um junge Künstler und ein junges Publikum fast Allgemeingut, aber in den Jahren nach 1990 war so etwas noch mutig und visionär.“
Die Grundidee, nicht nur junge Sänger – in diesem Jahr bewarben sich mehr als 250 – zum Leistungsvergleich einzuladen, sondern den Besten sofort Gelegenheit zu geben, sich sowohl in Operninszenierungen als auch bei Konzerten im historischen Ambiente zeitnah einem größeren Publikum vor Ort zu präsentieren, will Dierickx weiter ausbauen, „weil ja eine schöne Stimme allein heute längst nicht mehr genügt. Sie müssen lernen, sich ganzheitlich zu zeigen in den alten und neuen Medien, mit ihrem Auftreten Geschichten zu erzählen, Netzwerke zu knüpfen.“
Wobei solche Qualitäten nicht nur den Nachwuchskünstlern zugute kommen würden, sondern auch eine Selbstbeschreibung des neuen künstlerischen Leiters sein könnten, bei dem Offenheit, Kommunikativität, elementare Spiel- und Gestaltungslust in einer beredsamen Überzeugungskraft zusammenlaufen, die suggeriert, dass es eben genau so wie vorgestellt gehen müsse und deswegen auch werde. Wenn man miterlebt hat, wie beim Starkregen während eines abendlichen Freiluftkonzerts im reibungslosen Teamwork die Sänger unter einem provisorischen Baldachin, das Orchester mit Video-Kontakt im Haus und das Publikum unter blitzschnell durch die Reihen gereichten Regenponchos geborgen wurden, dann verliert man ob dieser Gemeinschaftsleistung auch mögliche Bedenken gegenüber Wolkenbrüchen anderer, aktuell wohl vor allem finanzieller Art. Einem frohgemuten Zeitgenossen wie Dierickx, der mit großer Seelenheiterkeit sagen kann: „Das macht alles viel Arbeit, aber wozu sonst wäre ich denn hier?“ – ihm und seinem Team mag man fast alles zutrauen.
