Auch in seinem hochherrschaftlichen Büro in der Banque de France hat Emmanuel Moulin seinen Humor nicht verloren. „Vorhersagen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“, scherzt er. Zur politischen Entwicklung in Frankreich mit einem nicht mehr auszuschließenden Wahlsieg der Rechtspopulistin Marine Le Pen kann er sich nicht äußern. Der ehemalige Generalsekretär des Élysée-Palasts, über dessen Schreibtisch alle politischen Dossiers gingen, hat seine neue Rolle schon perfekt verinnerlicht. „Unabhängigkeit ist untrennbar mit dem Amt des Gouverneurs verbunden. Ich betreibe keine Politik“, stellt er, nun ganz ernst, unmissverständlich klar.
Seit Anfang Juni leitet der 57 Jahre alte Moulin die Geschicke der ehrwürdigen, im Pariser Stadtzentrum beheimateten Bank von Frankreich. Auf Ernennung von Präsident Emmanuel Macron ist er auf François Villeroy de Galhau gefolgt, der vorzeitig ging – erklärtermaßen, um Präsident der gemeinnützigen, katholischen Kinder- und Jugendstiftung Fondation Apprentis d’Auteuil zu werden. Inoffiziell wird in Paris nach wie vor vermutet, dass Villeroys vorzeitiger Abgang mit den Präsidentenwahlen im kommenden Frühjahr zusammenhängt. Hätte er sein sechsjähriges Mandat regulär bis Herbst 2027 ausgeübt, hätte möglicherweise Le Pen den neuen Gouverneur bestimmen können. So aber haben Villeroy und Macron Fakten geschaffen.
Moulin hat nahezu alle Positionen bekleidet, an denen die Weichen für die französische Volkswirtschaft gestellt werden, im Finanzministerium und im Élysée-Palast, wo er unter zwei Präsidenten, Nicolas Sarkozy und Macron, tätig war. Begonnen hat seine Laufbahn an der Eliteschmiede Sciences Po, wo er sich für den Sozialdemokraten Michel Rocard begeisterte, dessen Arbeitsethos – wie das von Moulin – vom Protestantismus geprägt war. In Versailles geboren, wuchs er in Bougival auf, einer beschaulichen Kleinstadt im Westen von Paris. An der Sciences Po schloss er Freundschaft mit Édouard Philippe, der sich ebenfalls für Rocard begeisterte und der in derzeitigen Umfragen der aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat aus dem Mitte-Lager ist.

Potentielle Konflikte nicht beschwören
Alle seine Freunde loben Moulins joviales, fröhliches Naturell, das in der Welt der Spitzenbeamten mit ihrem immensen Arbeitspensum oft fehlt. Seine Imitationskünste haben seine Vorgesetzten wie den langjährigen Finanzminister Bruno Le Maire bis hin zu den Präsidenten amüsiert. In einem Kinofilm („Neuilly sa mère, sa mère!“) ahmt Moulin ganz offiziell die Stimme Sarkozys nach. Doch nun erwarten ihn im wohl letzten Drittel seiner langen Karriere als Staatsdiener noch einmal besonders große Herausforderungen und besonders viel mediales Scheinwerferlicht. Die Geldpolitik gilt nicht gerade als Humorwiese, und auch wenn Moulin seine Unabhängigkeit hochhält, wird er gerade im Le-Pen-Lager immer als Macron-Mann gesehen werden. Konflikte mit einer Rechtspopulistin im Élysée-Palast wären also programmiert.
Moulin selbst will potentielle Konflikte nicht beschwören. „Ich weiß nicht, was bei den nächsten Wahlen passieren wird, aber der Status und die Rechte der Banque de France sind sowohl durch das französische Recht als auch durch die europäischen Verträge garantiert“, sagt er. Er sei für eine Amtszeit bis zum 2. Juni 2032 ernannt und könne nicht abberufen werden. Außerdem sei er Mitglied des EZB-Rats, als das er keine Weisungen entgegennehmen dürfe. „Ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass ein Risiko besteht und dass Angriffe auf die Unabhängigkeit der Zentralbanken heute in Europa weit verbreitet sind. Ich glaube auch, dass sich dies gegen die Urheber richten würde“, gibt er zu Protokoll.

Dabei mangelt es in Frankreich schon heute nicht an politischem Druck auf Notenbanker, es mit Zinserhöhungen nicht zu übertreiben und das Wachstum im Blick zu behalten. Das liegt vor allem daran, dass die französische Inflationsrate schon eine ganze Weile unter dem Durchschnitt des Euroraums liegt. Auch Macron kritisierte die EZB ein ums andere Mal. Moulin lässt jedoch durchblicken, sich davon nicht beeindrucken lassen zu wollen. „Keine Sorge, ich behalte mein Mandat fest im Blick“, betont er. Die erste Entscheidung, die seit seiner Ernennung zum Notenbankgouverneur gemeinsam und einstimmig im EZB-Rat getroffen wurde, sei die Anhebung der Zinssätze gewesen.
Weder „Falke“ noch „Taube“
„Wir haben ein ganz klares Ziel, nämlich Preisstabilität mit einer Inflationsrate von zwei Prozent auf mittlere Sicht“, sagt Moulin, bemüht, mögliche deutsche Sorgen vor einem geldpolitischen Kurswechsel gleich im Keim zu ersticken. Die ersten Begegnungen mit Bundesbankpräsident Joachim Nagel sollen harmonisch verlaufen sein. Weil die Sitzordnung im EZB-Rat alphabetisch ist, sitzen die beiden Männer bei Ratssitzungen nebeneinander. So wie sein Vorgänger will er geldpolitisch weder „Falke“ noch „Taube“ sein, also weder dogmatisch für einen restriktiven noch für einen lockeren Kurs stehen.
Gleichwohl war sein Vorgänger nicht gänzlich unpolitisch und will es auch Moulin nicht sein – und sich zu Wort melden, wo immer er es als Gouverneur für angebracht hält. „Als Zentralbanker ist es unsere Aufgabe, sowohl für Währungsstabilität als auch für Finanzstabilität zu sorgen“, unterstreicht er: „Und wann immer wir Maßnahmen feststellen, die in die falsche Richtung gehen, schlagen wir Alarm.“ Er halte es jedoch für wichtig, den Fokus ganz klar auf das Mandat der Zentralbank und auf wirtschaftliche Herausforderungen wie Inflation, Wachstum und Sparen zu richten.
Anhaltspunkte für seine Analyse der Gegenwart bietet Moulin das jüngste Buch des Amerikaners Liaquat Ahamed mit dem Titel „1873“. Der Untertitel dieses Werks, das er gerade liest, lautet „The Rothschilds, the First Great Depression, and the Making of the Modern World“. Ahamed war es schon mit seinem Bestseller „Lords of Finance“ über die Krise der 1930er Jahre gelungen, einen Bogen zur Finanzkrise 2008 zu schlagen. „1873“ wiederum setzt sich mit Korruption, Börsenblasen und Ungleichgewichten auseinander, wie Moulin schildert. Es sind Phänomene, vor denen er Frankreich schützen will.
„Europa muss unverzüglich voranschreiten“
So ist der neue Gouverneur vielleicht doch ein wenig politisch engagierter, als er zugibt. „Die strategische Autonomie, die man früher als rein französische Vision betrachten konnte, ist heute weitgehend Konsens“, lautet seine Beobachtung nach Jahren in öffentlichen Spitzenämtern. Man könne eine Annäherung der Positionen innerhalb der EU beobachten. „Das ist eine sehr gute Sache“, sagt Moulin. Er wisse nicht, ob Deutschland „französischer“ geworden sei. Sicher aber sei, dass alle Länder vor denselben Herausforderungen stehen. „Im Zeitalter von Trump muss sich Europa stärker als eigenständiger Akteur behaupten“, sagt Moulin.
Die internationalen Beziehungen seien „von sehr großer Volatilität geprägt“, die heutige Welt lasse sich nicht in zwei Lager aufteilen, und sie sei „weitaus komplexer als das“. Moulins Appell lautet: „Europa darf nicht auf die Wahlen in Frankreich, Spanien und Italien im nächsten Jahr warten, sondern muss unverzüglich voranschreiten.“ Integrierte Kapitalmärkte bildeten die Grundlage für eine ausreichende Finanzierung der europäischen Wirtschaft und damit auch für die europäische Unabhängigkeit.
Der Text zur sicheren Verbriefung habe „leider sehr, sehr lange gedauert“, aber nun werde man im Rahmen des Trilogverfahrens eine Einigung erzielen, ist er überzeugt. Auch in der Marktaufsicht hätten die Positionen sich „deutlich angenähert“. Zudem beobachtet Moulin in den Beziehungen zu China und in der Frage der globalen Ungleichgewichte eine „deutsch-französische Annäherung“ – und zugleich in Deutschland eine „strategische Neuausrichtung in den Beziehungen zu den Vereinigten Staaten“.
Privat ist Moulin auch ein Familienmensch. In seinem Büro hat er Fotos von seinen vier erwachsenen Kindern aufgestellt, die er mit Laurence Nardon hat, die am Französischen Institut für internationale Beziehungen die Abteilung für die Vereinigten Staaten leitet. Musikalisch gilt seine Begeisterung Taylor Swift, sportlich den Bergen. Begeistert berichtet Moulin vom Skilaufen im norwegischen Spitzbergen. Diesen Sommer hat er sich vorgenommen, nach dem Mont Blanc einen weiteren Viertausender in den Alpen zu besteigen, den Monte Rosa. Ausdauer und eine gewisse Idee von Europa, so umreißt er sein Verständnis vom idealen Zentralbankgouverneur.
