Die Überraschung war groß, als am 8. Juli Marlene Hahn als neue Intendantin der Grazer Oper ab Herbst 2028 vorgestellt wurde. Damit hatte niemand gerechnet, galt es doch als nahezu ausgemacht, dass der Vertrag des erfolgreichen, seit 2023 amtierenden Deutschen Ulrich Lenz um weitere fünf Jahre verlängert wird. Dass es anders kam, sorgt für Irritationen. Von einer „schwer nachvollziehbaren Entscheidung“ ist in der steirischen „Kleinen Zeitung“ zu lesen, während die „Kronen Zeitung“ festhält, „so gut wie unter Lenz stand das Haus schon lange nicht mehr da!“.
Die Grazer Oper ist hinter der Wiener Staatsoper das zweitgrößte Opernhaus Österreichs, mitunter aber hat sie künstlerisch die Nase vorn. So ging etwa manch wichtige österreichische Erstaufführung – „Salome“ oder „Lulu“ in der dreiaktigen Fassung – nicht in Wien, sondern in der steirischen Landeshauptstadt über die Bühne. Eine goldene Ära erlebte das Haus in den 1990er-Jahren unter Gerhard Brunner, der Ruth Berghaus, Peter Konwitschny und andere Größen nach Graz holte. Nach Brunner ist der Glanz allerdings etwas verblasst. Nur selten erregte eine Produktion noch überregionales Aufsehen, was sich erst mit Ulrich Lenz änderte. Unter seiner Leitung erlebt die Grazer Oper einen künstlerischen Höhenflug. In Sachen Stückauswahl, Qualität der Produktionen, Neuausrichtung des Balletts, Betriebsklima und Öffnung des Hauses beweist er eine goldene Hand. Warum also keine Verlängerung?

Die Qualifikation der 41-jährigen Deutschen Marlene Hahn, derzeit Chefdramaturgin in Leipzig, die davor schon in Graz gearbeitet hat, steht außer Frage. In einem Hearing hat sie die Findungskommission, der unter anderem die ehemalige Salzburger Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, die Intendantin der Berliner Staatsoper Elisabeth Sobotka sowie Bernhard Rinner, Geschäftsführer der Bühnen Graz GmbH, angehörten, überzeugt. Doch nicht alle Eigentümervertreter stimmten dem Vorschlag der Kommission zu.
Elke Kahr, die unlängst mit großer Mehrheit wiedergewählte kommunistische Bürgermeisterin von Graz, übermittelte der F.A.Z. folgendes Statement: „Ulrich Lenz leistet großartige Arbeit. Ich sehe keinen Grund, den Vertrag nicht zu verlängern. Deshalb hat meine Fraktion auch gegen die Auflösung gestimmt. Marlene Hahn wird erst in zwei Jahren die Intendanz übernehmen. Ich wünsche ihr, dass sie die Oper ebenso gut wie ihr Vorgänger führen wird.“
Hingegen äußert sich der für Kultur zuständige Landesrat Karlheinz Kornhäusl so: „Nachdem eine Verlängerung ohne Ausschreibung rechtlich nicht möglich ist, hat der Aufsichtsrat der Bühnen Graz einstimmig eine hochkarätige Expertenkommission . . . eingesetzt, um den oder die bestgeeignete Persönlichkeit für die Intendanz der Oper Graz ab 2028 zu finden. Diese Expertinnen und Experten haben dem Aufsichtsrat auf Basis der Bewerbungen und Hearings einstimmig eine Empfehlung für die Bestellung der zukünftigen Intendanz abgegeben. Der Aufsichtsrat ist dieser einstimmigen Empfehlung der Expertinnen und Experten gefolgt. Der Landesrat verwehrt sich gegen eine politische Besetzung, entgegen des einstimmigen Vorschlags der Expertinnen und Experten, und will weiterhin für die größtmögliche Unabhängigkeit der steirischen Kulturlandschaft arbeiten.“
Dennoch wäre der Aufsichtsrat an den Vorschlag der Kommission nicht gebunden gewesen, zumal, wie Bernhard Rinner gegenüber der F.A.Z. feststellt, „den Entscheidungsträgern nichts an Lenz gestört“ habe. Was gab dann den Ausschlag? „Eine Frauenquoten-Entscheidung kann ich definitiv ausschließen“, betont Rinner. Auch „eine Intrige kann ausgeschlossen werden – auch wenn es ins Storytelling am Theater manchen so passen würde“. Marlene Hahn habe einfach im Hearing stärker überzeugt. „Lenz ist ein exzellenter Intendant von heute – Hahn ist eine exzellente Intendantin von morgen!“
Aber reicht das für die getroffene Entscheidung? Schon mancher Intendant, der im Hearing glänzte, hat sich später als Fehlgriff erwiesen. Ulrich Lenz aber beweist in der Praxis, dass er es kann. Kein Wunder, dass Spekulationen die Runde machen. Stimmt vielleicht die Chemie zwischen Lenz und einer ihm übergeordneten Person nicht? Oder fürchtet man, dass er den anstehenden massiven Einsparungen mehr Widerstand entgegensetzen würde, als es seine jüngere Kollegin möglicherweise tut? Viele Fragen bleiben offen.
