Auch im Moskauer Umland kommt es neuerdings häufig zu Schäden durch ukrainische Drohnenangriffe. Aber dass, wie in der Nacht auf Montag, drei Menschen getötet werden, hatte es zuvor erst zweimal gegeben, im März vorigen Jahres und dann wieder im vergangenen Mai.
Jetzt kamen nach offiziellen Angaben im Dorf Pionerskij, das zur Kleinstadt Istra 40 Kilometer nordwestlich von Moskau gehört, drei Personen ums Leben. Drei weitere seien „durch den Absturz einer Drohne“ verletzt worden, teilte der Gouverneur der Region, Andrej Worobjow, mit. In fünf Häusern seien Brände ausgebrochen. Er veröffentlichte Fotos, welche die Zerstörungen zeigten. Später hieß es, in Pionerskij werde noch nach einer älteren Frau gesucht, sie befinde sich „vermutlich unter Trümmern“, wie das Ermittlungskomitee mitteilte.
Der ukrainische Telegram-Kanal Exilenova+ veröffentlichte ein Video, das den Abschuss einer Drohne in der Gegend dokumentieren soll, und erklärte die Opfer mit der Einwirkung der russischen Flugabwehr. Moskaus Macht- und Medienapparat verbindet die ukrainischen Angriffe nicht direkt mit dem eigenen Angriffskrieg gegen die Ukraine, sondern stellt sie als „verbrecherische Handlungen“ der Streitkräfte Kiews dar.
So am Montag das Ermittlungskomitee, das wie üblich in solchen Fällen Ermittlungen wegen „Terrorismus“ aufnahm. Es geht darum, die kriegsrechtliche Legitimität der Angriffe zu bestreiten; und wenn Russlands eigene Drohnen- und Raketenangriffe auf die Ukraine immer wieder zahlreiche zivile Opfer fordern, werden sie als „Antwort“ auf „terroristische Attacken des Kiewer Regimes“ dargestellt.
Die zivile Luftfahrt erhält man aufrecht
Worobjow zufolge wurden auch in der nördlich von Istra gelegenen Stadt Solnetschnogorsk zwei Personen verletzt. Moskaus Bürgermeister, Sergej Sobjanin, teilte am Montagmorgen mit, seit Sonntagabend seien mehr als 350 „feindliche Drohnen“ in Richtung der Hauptstadtregion geflogen, die meisten davon in großer Entfernung „neutralisiert“, 50 von ihnen im Anflug auf Moskau vernichtet worden. Wie schon vorige Woche, als Sobjanin fast wortgleich über mehr als 430 in Richtung der Moskauer Region losgeschickte Drohnen berichtet hatte, konnten die Hauptstadtflughäfen stundenlang keine Flüge abfertigen.

Daran, die zivile Luftfahrt in Moskau wegen der ständigen Drohnenangriffe und der Arbeit der Flugabwehr ganz auszusetzen, scheint aber weiter niemand zu denken. Sie ist Teil der Normalität, die aufrechterhalten werden soll, auch wenn der infolge der ukrainischen Schläge gegen russische Raffinerien eingetretene Treibstoffmangel es zusehends auch Russen schwer macht, die den Krieg nach Kräften ausblenden.
Lange bot sich dafür die Gegend westlich von Moskau an. Dort haben viele Hauptstadtbewohner ihre Wochenendhäuser, so in Siedlungen mit englischen Bezeichnungen wie dem „Istra Country Club“. Die Gegend ist auch landschaftlich reizvoll, im Fluss Istra, der heißt wie die an ihm liegende Kleinstadt, kann man stellenweise baden und sich von der Strömung treiben lassen. Jetzt knallt es auch in diesem vermeintlichen Refugium. Auch in anderen Regionen sorgten neue ukrainische Angriffe für Schäden. So ging in der Region Stawropol im Nordkaukasus ein Öllager in Flammen auf.
In Ankara hieß Trump ukrainische Angriffe gut
Dennoch waren Trumps Aussagen an Selenskyjs Seite für Moskau so ungünstig, dass Putins Sprecher im Weißen Haus „eine gewisse Verirrung“ ausmachte. Jede „weitere Eskalation“, sagte Dmitrij Peskow, führe „womöglich“ dazu, „dass wir eine größere Sicherheitszone, eine größere Pufferzone machen müssen“.
So bezeichnet Moskau ukrainische Gegenden an der Grenze zu Russland außerhalb der in Annexionen beanspruchten süd- und ostukrainischen Gebiete. „Wir sehen die Welt nicht durch eine rosarote Brille“, sagte Peskow über die mögliche Patriot-Lizenz für Kiew, pries aber „eine gewisse Zweideutigkeit“ der US-Position. Dann setzte Peskow die Moskauer Linie fort, Trump zu loben und Kiews europäische Unterstützer zu geißeln.
Putin wollte mit dem Krieg erklärtermaßen Russlands „Souveränität“ stärken. Dass er dafür jetzt auf Trump angewiesen ist, erscheint als Zwischenergebnis unbefriedigend. So bleibt seinen Propagandisten dieser Tage außer der Verbreitung zweifelhafter Fronterfolge nur, den Tod des republikanischen US-Senators Lindsey Graham zu feiern, der am Samstag kurz nach der Rückkehr aus Kiew gestorben war.
Der Staatsfernseheinpeitscher Wladimir Solowjow etwa hob in seiner Sonntagabendsendung hervor, Graham sei „unerwartet verreckt“, nachdem er „noch gestern in Kiew freudig alle Russen mit dem Tod bedroht hat, zum Erlass schrecklicher Sanktionen gegen uns aufgerufen hat“. Solowjow beklagte zudem, dass „leider“ nur Graham gestorben sei.
