
Die Gründungsgeschichte der Europäischen Wochen in Passau mutet an wie eine Erzählung aus einer lange versunkenen Welt: Damals, 1952, als die Spaltung zwischen Ost und West kaum mehr überbrückbar zu sein schien, wollten einige kunstsinnige US-Offiziere gerade in Passau, wo Donau, Inn und Ilz zusammenfließen, Grenzen und politische Differenzen durch die Macht der Kunst überwinden und dabei den Glauben an ein geeintes Europa stärken. Das war keine bloße Floskel: Künstler aus dem nahen, ideologisch aber feindlichen Ostblock wurden immer wieder zum Festival nach Passau geladen.
Dass sich seither dieses und jenes auf der Welt geändert hat, reflektierte das Thema des diesjährigen Passauer „Tetralogs“, einem Diskussionsformat, das der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter vor 27 Jahren begründete und seither moderiert: „Weltunordnung – Europa inmitten“. Gefragt nach der Bedeutung der USA unter einem „zur Idiotie neigenden Präsidenten“ in dieser „Weltunordnung“, wies sein amerikanischer Kollege Jackson Janes darauf hin, dass die transatlantischen Beziehungen durch den Wegfall verbindender Nachkriegsgewissheiten (Wiederaufbau Europas, Kalter Krieg) grundsätzlich neu definiert werden müssten. Dass Europa aus amerikanischer Perspektive aber durchaus nicht „inmitten“ stehe, machte Saskia Hieber klar, die als Expertin für Ostasien-Politik sprach. Die Bindung an die Pazifikregion sei für die USA inzwischen viel maßgeblicher. Den Aufstieg Chinas beschrieb sie dann als zentralen Faktor einer gegenwärtigen „Weltunordnung“, denn das Land habe sich unter seinem Präsidenten Xi Jinping fundamental verändert: Es herrsche Unterdrückung und totale Kontrolle, auch im Politbüro gebe es keine kollektive Führung mehr, alles sei auf Xi zugeschnitten. Dass zwischen China und Russland eine neue „Achse des Bösen“ entstehe, wie jüngst der „Spiegel“ behauptete, sei ganz einfach „Unsinn“ – an Kooperation und Freundschaft sei China nicht gelegen, es markiere auch gegenüber Russland deutlich einen Führungsanspruch.
Paternalistisches Verständnis von Politik
Da war es wohltuend, von Ellen Bos freundlichere Töne über die gegenwärtige Situation in Ungarn unter Péter Magyar zu vernehmen. Seit 2024 habe es ein „Erwachen“ in der Bevölkerung gegeben, wozu durchaus auch die Sanktionen der EU gegenüber einem von Viktor Orbán geführten Land beigetragen hätten. Dessen Erfolg führte sie einerseits auf ökonomische Ursachen zurück, andererseits auf ein „paternalistisches Verständnis“ von Politik, wie es in Ländern des alten Ostblocks verbreitet sei.
Manfred Weber, Fraktionsvorsitzender der EVP, zeigte sich über die skizzierten ungarischen Entwicklungen erleichtert und rief mit Schwung dazu auf, Politik so zu gestalten, dass „Radikalität“ verhindert werden könne, bevor ihre schlimmen Folgen für alle sichtbar werden. Darum brauche es ein neues historisches Denken: Politiker dürften nicht nur „Techniker der Macht“ sein. Es gelte, Visionen zu entwickeln und „europäischen Patriotismus“ zu leben. Webers konkrete Visionen: Aufbau einer gemeinsamen Armee, auf dass die wirtschaftliche Weltmacht Europa endlich auch politisch „erwachsen werde“, und „Regulierung von Social Media“, um den Einfluss von Techmilliardären auf die Meinungsbildung der Bürger zu begrenzen.
Ein eher romantischer Beethoven
Dass zwischen den vier „Tetrarchen“ auf dem Podium kaum Reibung entstand, lag vielleicht ja nur daran, dass die Veranstaltung nach zwei kurzweiligen Stunden schon zu Ende war. Vielleicht könnte ein solches Format aber noch fruchtbarer sein, böte es – ganz im Geiste der Festspielgründer – unterschiedlicheren Sichtweisen Raum. Woran soll sich die „Macht der Musik zur Versöhnung“, an die 1952 so fest geglaubt wurde, denn zeigen, wenn Dissenz gar nicht erst aufkommt?
Dass der Pianist, der im Konzert am Vorabend mit Beethovens c-Moll-Konzert zu erleben war, hinreißend musiziert hat, darauf könnte man sich wohl über alle möglichen weltanschaulichen Differenzen hinweg schnell verständigen. Mao Fujita, 1998 in Tokio geboren, 2019 mit der Silbermedaille beim Tschaikowsky-Wettbewerb ausgezeichnet und 2022 für seine Einspielung aller Mozart-Sonaten gerühmt, präsentierte am modernen Steinway einen farbenreichen und klangsatten, eher romantischen Beethoven, der gleichwohl scharf konturiert und in jeder Phrase sprechend gestaltet war. Die dynamischen und harmonischen Kontraste in der virtuos gespielten Kadenz im Kopfsatz reizte Fujita genussvoll aus, ohne darüber die Struktur dieser Musik zu vernachlässigen.
Vor allem fand er im Largo einen Ton schlichter, zu Herzen gehender Innigkeit und im Rondo eine tänzerische, fröhlich-kecke, mitreißende Leichtigkeit im Zusammenspiel mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Kent Nagano. Das ist umso bewundernswerter, als die Akustik in der barocken Passauer St. Michaelskirche für Orchesterkonzerte nicht ideal ist. Fatal war das bei Antonín Dvořáks 9. Sinfonie, weil gleich drei Sätze nicht nur laut, sondern auch schnell sind, sodass im Kirchenschiff eine dumpf-tumultuöse Klangmasse waberte. Wie gut, dass man sich im alten Passau von einer derart lärmigen „Neuen Welt“ beim Gang in den abendlich milden, sanft dämmernden Gassen so leicht erholen kann. Vielleicht ist man gerade dabei recht eigentlich, was Manfred Weber sich so dringlich wünscht: ein europäischer Patriot.
