Die Chinesen sind wütend. Sie protestieren, streiken, posten Videos in ihren sozialen Medien. Seit Monaten sind die Arbeiter aus der Volksrepublik in Ust-Luga, einer Siedlung mit angeschlossenem Seehafen wenige Kilometer von der Grenze zu Estland entfernt, um eine der größten Chemiefabriken Russlands zu bauen. Doch noch immer habe er noch keinen einzigen Yuan an Lohn bekommen, schreibt Herr Ye auf Douyin, der chinesischen Version von Tiktok, wo er sich nur „Lao Ye“ nennt, also „alter Ye“.
Die Pässe seien ihnen weggenommen worden, die Unterbringung sei gefängnisähnlich, das Fabrikgelände dürften sie das ganze Jahr nicht verlassen, klagen andere. „Ich bin an der Ostsee, dieser verdammte Ort. Wer immer hierhin kommt, wird es bereuen“, kommentiert ein weiterer.
Sie sind so aufgebracht, dass sie tun, was Chinesen sonst selten tun: Sie demonstrieren, ziehen mit mehreren Hundert Arbeitern über das Fabrikgelände. Weil sie sonst nichts haben, das als Plakat taugen würde, nehmen sie ihre Bettlaken.
Konsulate warnen Chinesen
Mit dem Ukrainekrieg haben sich China und Russland wirtschaftlich stark angenähert. Zigtausende chinesische Arbeiter, die meisten von ihnen schlecht bezahlte Wanderarbeiter, sind seitdem in russischen Fabriken und auf russischen Baustellen tätig.
Doch häufig werden die Chinesen im Land des geopolitischen Partners so schlecht behandelt, dass sie gegen ihre Arbeitgeber protestieren. Das Problem ist so weit verbreitet, dass die chinesischen Konsulate in Russland ihre Bürger alle paar Monate warnen, ihre Pässe nicht abzugeben, ordnungsgemäße Arbeitsverträge zu unterzeichnen und vor allem Konflikte auf geordnetem Wege beizulegen. Das heißt: bitte nicht zu protestieren.
„Putin, helfen Sie“
Dennoch zogen im April rund 200 chinesische Arbeiter durch Komsomolsk am Amur. Die Stadt liegt ganz im Südosten Russlands, nahe der Grenze zu Nordkorea. Auf ihre Plakate schrieben die Chinesen: „Putin, helfen Sie“ oder „Setschin, helfen Sie“. Igor Setschin ist ein Weggefährte des Herrschers Wladimir Putin und Chef des Rosneft-Konzerns, für den die Chinesen eine Raffinerie in der Stadt instand setzen. Die protestierenden Arbeiter waren aber von einem anderen Unternehmen angestellt, dessen Führung sich abgesetzt haben soll. Sie klagten darüber, dass sie seit Monaten keinen Lohn erhalten hätten.

Stattdessen spielen nun chinesische Konzerne wie die China National Chemical Engineering Group eine tragende Rolle, für die die Arbeiter in Ust-Luga tätig sind, die laut Beiträgen in sozialen Medien seit April immer wieder streiken. Dabei handelt es sich um einen staatseigenen Chemie- und Baukonzern mit rund 50.000 Mitarbeitern, der direkt der Pekinger Zentralregierung untersteht. Dieser allein beziffert seine Beteiligung an dem Bau in seinem Bericht für das Jahr 2025 auf 134 Milliarden Renminbi, umgerechnet mehr als 17 Milliarden Euro. Der Vertrag laufe bis Ende 2027 und der Bau sei zu 71,38 Prozent fertiggestellt, heißt es.
Das schwächste Glied der Subunternehmerkette
Ust-Luga werde als ein „Symbol der Zusammenarbeit“ zwischen China und Russland vermarktet, weise nun aber „auffällig viele international anerkannte Indikatoren für Zwangsarbeit“ auf, schreibt Li Qiang, chinesischer Arbeitsrechtsaktivist und Gründer von China Labor Watch.
In China werden die Arbeiter zumeist von Arbeitsvermittlern angeworben. Ihnen werden höhere Löhne versprochen als in der Heimat, wo die Arbeiter unter der Wirtschaftskrise und der hohen Arbeitslosigkeit leiden. Weil sie nur einen Vertrag mit der chinesischen Agentur haben und „keine direkte Rechtsbeziehung zum ausländischen Hauptauftraggeber (wie etwa Rosneft)“, seien ihre Möglichkeiten zur Rechtsdurchsetzung begrenzt, heißt es in einem Blogbeitrag einer chinesischen Agentur für Russlandreisen auf Wechat. Die Arbeiter seien das schwächste Glied in einer „mehrstufigen Subunternehmerkette“. Zudem würden die Großprojekte von „geopolitischen, rechtlichen und managementkulturellen Faktoren beeinflusst“. Arbeitskonflikte könnten sich daher „leicht zuspitzen“.
In Russland sind die Proteste der chinesischen Arbeiter von Ust-Luga offiziell kein Thema. Die Klagen von Lao Ye und seinen Kollegen haben auch keinen Weg in die russischen Telegram-Nachrichtenkanäle gefunden, die zensurbedingt für eine eingeschränkte Öffentlichkeit sorgen. Dass in der Siedlung am Finnischen Meerbusen aber viele Chinesen tätig sein müssen, lässt sich daran ablesen, dass in den vergangenen Monaten immer wieder knapp vermeldet worden ist, dass chinesische Arbeiter auf Baustellen dort bei Unfällen getötet oder verletzt worden seien. Arbeitsschutzaktivist Li schätzt die Zahl der Arbeiter auf der Baustelle auf rund 10.000, die meisten davon Chinesen.
Russisches Gericht verurteilt Chinesen
Über die Proteste in Komsomolsk am Amur hat dagegen sogar die Regionalregierung berichtet, ein örtlicher Blogger hat Fotos dazu veröffentlicht. Die Behörden tolerierten zwar den Marsch der chinesischen Arbeiter, was „merklich im Gegensatz zu der Praxis steht, die Proteste von Russen zu unterdrücken“, wie der Kanal Rusnews hervorhob. Doch bald darauf meldete dasselbe Portal, ein Gericht habe einen chinesischen Staatsbürger als Organisator des Protestmarsches zu einer Geldbuße von 50.000 Rubel, gut 570 Euro, verurteilt; mindestens drei weitere Teilnehmer seien bestraft worden, weil sie Passanten behindert und Rasenflächen beschädigt hätten. Solche Nachrichten erreichen in Russland aber kein Massenpublikum.
Bemerkenswerterweise ist es in China anders: Die Beschwerden der Arbeiter werden für chinesische Verhältnisse kaum zensiert. Wenn Peking etwas wichtig ist, schafft es eine Nachricht aus der Welt. In den heimischen Medien wirkt es dann, als wäre nichts passiert, wie kürzlich deutlich wurde, als ein Kleinflugzeug in ein Hochhaus mitten in Peking flog. Die allermeisten Chinesen haben bis heute nichts davon gehört. Auch Proteste von Arbeitern innerhalb Chinas werden zuverlässig rasch zensiert, weil die Kommunistische Partei fürchtet, sie könnten destabilisierend wirken und weitere Proteste anderswo im Land motivieren.
Doch einige der wütenden Beiträge der chinesischen Arbeiter in Russland bleiben online. Sie machen ihrem Unmut vor allem auf der Plattform Douyin Luft. Die Streiks auf dem Fabrikgelände von Ust-Luga sind für jeden Chinesen sichtbar. Sie werden hundertfach kommentiert, andere Chinesen drücken ihre Solidarität aus, beschreiben ähnliche Probleme. Einige private Blogs berichten auf dem Messengerdienst Wechat über die Vorfälle.
Über die Motivation der Zensoren lässt sich nur spekulieren. Vielleicht wollen sie der heimischen Bevölkerung zeigen, dass die Arbeitsbedingungen anderswo auch nicht besser sind. Vielleicht halten sie Proteste nur im Inland für destabilisierend. Vielleicht wollen sie Druck ausüben auf die Arbeitgeber, die Zahlungen endlich zu leisten.

Konflikte im Alltag
Dabei ist es in Russland verbreitet, Arbeitern die Löhne vorzuenthalten oder verspätet zu zahlen, Klagen darüber gibt es immer wieder. Also sind die chinesischen Arbeiter keine Ausnahme, ihre Staatsangehörigkeit bewahrt sie nicht davor, ausgebeutet zu werden. So zeigen die Arbeitskonflikte, dass die Beziehung zwischen Russland und China im Alltag weniger harmonisch ist, als es die geopolitische Verbrüderung ihrer Präsidenten und die enge militärische Zusammenarbeit der beiden Länder nahelegen.
Das gegenseitige Verständnis in der Bevölkerung ist bis heute gering. In Russland-Läden in China, die Wodka, Kekse und andere angeblich typisch russische Waren verkaufen, läuft fast immer der deutsche Schlager „Moskau“ von Dschingis Khan, der in China als typisch russisches Lied gilt. Der kulturelle Einfluss des Westens in China ist bis heute hoch, der Russlands ist minimal.
Mitunter scheinen die Proteste indes zu wirken. Lao Ye hat sein Geld inzwischen erhalten. Wenige Tage nach seiner ersten Beschwerde im April hat er eine erste Zahlung erhalten, schreibt er auf Douyin. Weitere Beiträge legen nahe, dass einige Hundert Arbeiter nach Protesten bezahlt wurden und Anfang Juli nach China zurückgekehrt sind. Wenige Tage später tauchten indes Videos von neuen Protesten in Ust-Luga auf.
