Nichts wird so dick gelesen, wie es gedruckt wird. Im Fall von Vera Martynovs Text gilt das erst recht. Die Ausgabe liegt schwer in der Hand, doch ist es eine zweisprachige, erst der deutsche Teil, dann der russische, dazwischen Bildmaterial. Der Verlag hat damit eine mehrfach mutige Entscheidung getroffen: Sprache wird nicht mit Inhalt verwechselt, und die Exilliteratur erhält ein Zuhause. Das ruft längst verfluchte Tage in Erinnerung: Nach der Oktoberrevolution wollte die Sowjetunion als russische Literatur nur gelten lassen, was innerhalb ihrer Grenzen entstand. Selbst ein Nobelpreis änderte daran nichts. Durch seine Emigration brachte Iwan Bunin die eigenen, zuvor offiziell ausgezeichneten Werke in der Sowjetunion in Misskredit; bis zum Tauwetter erschien kaum etwas von ihm, etliche Werke wurden erst mit der Perestroika auf Russisch veröffentlicht.

Die Übersetzung von Martynovs Text ins Deutsche lag passenderweise in den Händen von Yvonne Griesel, die viel fürs Theater arbeitet. Die deutsche Fassung ist gut, gibt aber neuen Diskussionsstoff für eine Frage, die seit einiger Zeit diskutiert wird: Griesel gendert durchgängig, Martynov wählt generisches Maskulinum. Splittet die Autorin ein einziges Mal selbst, fällt das gar nicht mehr auf. „Sie/Er klagt überhaupt nicht“, heißt es im Deutschen, „Ona/On“ im Russischen. Verzichtet Griesel in Ausnahmen auf den Gender-Doppelpunkt, kriegt die deutsche Variante rasch einen ungewollten Dreh. „Der Mensch, Schauspieler oder Zuschauerin, ist in einer schutzlosen Situation und sich dessen selbst oft nicht bewusst.“ Der Singular in allgemeinen Aussagen ist in diesem Text so selten, dass er etwas Konkretes gewinnt: der aktive Mann (Schauspieler), die passive Frau (Zuschauerin). Die Autorin nutzt auch an dieser Stelle das Maskulinum, obwohl das Russische ausreichend Alternativen bietet (Partizipien; „wer zuschaut“).
Martynovs Erzählerin ist eine Frau, der bereits vor dem Krieg mehrfach Gewalt angetan wurde. Mit Tagebuchaufzeichnungen, Psychotherapie und Kunst verarbeitet sie ihre Traumata. Sie wird vorgestellt als gut vernetzte Künstlerin. Barcelona, Berlin, Moskau, Petersburg und Pompeji sind Stationen im ersten Halbjahr 2017. Was sie dort genau macht, wovon sie lebt, bleibt allerdings unklar. Wie überhaupt vieles vage bleibt. „Ich spüre ganz deutlich, dass ich alles, wovor ich weglaufe, eigentlich mit mir führe.“
Eine Autorin, die immer wieder bei sich selbst landet
Das hält sie noch 2017 fest, und es kommt zu keinem stilistischen Bruch, als sie nach Kriegsbeginn 2022 Russland verlässt, ihr impressionistisch-apodiktischer Ton ändert sich nicht. „Man weiß nie, welcher Gedanke als nächstes kommt. Wenn man ihn nicht kontrolliert, sondern nur beobachtet, dann kann man alles verstehen: Im Kopf setzt sich ein halb zerfallenes Fresko zusammen“, heißt es vor dem Krieg, danach: „Ich arbeite, also bin ich in Sicherheit, ich bin nicht allein und meine Gefühle und Empfindungen sind unglaublich wichtig.“ Die Erzählerin, eine Frau mit ukrainischem Pass, hat in Moskau das Gogol Center mitgegründet, an dem auch Kirill Serebrennikow gearbeitet hat. Doch weder er noch die Unterstützung für Alexej Nawalnyj werden erwähnt.
Damit zur entscheidenden Schwäche des Textes. Krieg, Pandemie, zunehmende Repression – nichts wird auserzählt. Die Autorin landet immer wieder bei sich. Zu einer Beziehungskrise heißt es, „in diesem Herbst, am 7. Oktober, konnten wir uns nicht einigen, ob israelische Mitbürger:innen Mitgefühl verdienen“. Kein Wort dazu, wer welche Auffassung vertreten hat. Bei der Lektüre stellt sich so zunehmend das Gefühl ein, die Tagebucheinträge, das integrierte Theaterstück, die Listen und Gedichte befänden sich noch in einer Rohfassung. Dass die alltägliche Notiz durch einen Verfremdungseffekt erst noch zum literarischen Stück gewandelt werden müsse. Doch dann zeigt sich: alles Absicht. „Viele Ereignisse, aus den Jahren 2017 (dem Zeitpunkt, ab dem die Notizen automatisch in der iCloud gespeichert wurden) bis 2022 tauchten nicht in meinen Notes auf und sind deshalb hier nicht vertreten.“ Statt Herausgeberfiktion Authentizitätsdiktat.
Doch auch Martynov hat redigiert, „Personen umbenannt und ihnen Namen aus Lew Tolstois Roman ,Krieg und Frieden‘ gegeben“. Für sie hatte dieser Prozess durchaus kathartische Wirkung. „Ein effektiveres, tieferes Gespräch habe ich noch nie mit mir geführt. Ich habe mir endlich zugehört.“ Die Selbstanalyse ist für sie zentral, sie beschreibt sich als Frau, die „ein Buch über Psychologie mehr interessiert als ein Abenteuerroman“ und die versichert, es „wäre nicht schlecht, wenn ein Mensch, der seinem Seelenleben nicht jeden Tag Zeit widmet, das gleiche Befremden hervorrufen würde wie ein ungepflegter Körper und schmutzige Kleidung“. Ihr Text mag einen Weg zur Traumabewältigung aufzeigen. Er könnte als „Autofaktion“ durchgehen. Aus literaturkritischer Sicht bleibt abschließend bloß zu sagen: Diese Rezension hat 704 Wörter.
Vera Martynov: „41515 Wörter“. Aus dem Russischen von Yvonne Griesel. Zeitkind Verlag, Meilen 2026. 560 S., geb., 39,– €.
