
Es schien eine geniale Idee zu sein: Mit dem Konzept der Generalsanierungen plante die Deutsche Bahn einen Befreiungsschlag im Hinblick auf die marode Schieneninfrastruktur. Rund 40 hoch belastete Strecken sollten komplett gesperrt und jeweils in wenigen Monaten in einen Topzustand versetzt werden. Ursprünglich wollte man bis Anfang des neuen Jahrzehnts fertig sein – mit dem Ziel, die Basis des Gleisnetzes und damit des gesamten Schienenverkehrs in Deutschland zu stabilisieren.
Nun sind rund zehn Prozent der Generalsanierungen abgeschlossen – und ein erstes Zwischenresümee fällt zwiespältig bis dürftig aus. Das liegt nicht nur an der Tatsache, dass der ursprüngliche Zeitplan zu ambitioniert war und bis 2036 ausgeweitet werden musste. Auch in den vier bisher in Angriff genommenen Projekten Frankfurt–Mannheim, Hamburg–Berlin, Emmerich–Oberhausen und Köln–Hagen hakte es jeweils.
Erhebliche Auswirkungen auf den Fernverkehr
Besonders gravierend nun im letztgenannten. Kaum verkündete die DB am vergangenen Freitagabend den erfolgreichen Abschluss der Arbeiten, musste sie schon wieder zurückrudern. Ausgerechnet am letzten Tag der Generalsanierung fiel auf, dass eine wichtige Brücke bei Opladen marode ist. Die Strecke kann deshalb zunächst nur eingleisig befahren werden. Außerdem müssen Züge auf dem gesamten 65 Kilometer langen Abschnitt von Köln bis Hagen nach der Sanierung noch deutlich langsamer fahren.
Im Fernverkehr hat das erhebliche Auswirkungen, etwa auf die ICE-Verbindung von Köln nach Hannover und Berlin. Einige Züge beginnen und enden in Hamm und damit vor dem Ruhr-Ballungsgebiet. Halte in Köln, Solingen, Wuppertal und Hagen entfallen, Passagiere müssen umsteigen. Züge, die nicht ausfallen, sind deutlich verspätet unterwegs. Mit diesem Problem waren Bahnreisende auch am Montag konfrontiert, dem ersten Werktag nach der monatelangen Generalsanierung.
Ein Schaden an einem tragenden Brückenbauteil
Hinter dem kurzfristigen Ausfall stand eine routinemäßige Prüfung. Ein Sachverständiger hatte einen Schaden an einem tragenden Bauteil einer Brücke über die Wupper bei Opladen entdeckt. Aus Sicherheitsgründen sei deshalb eines der beiden Gleise gesperrt worden, teilte die Bahn mit. Die betroffene Brücke wurde nach ihren Angaben in der abgeschlossenen Korridorsanierung nicht erneuert, weil die bisherigen Inspektionen, zuletzt Ende 2025, keine Schäden gezeigt hätten. Im Zuge der Generalsanierung seien vier von 89 Brücken auf der Strecke repariert worden.
Am Montagabend hieß es auf Anfrage, Fachleute der DB und ihrer Partner arbeiteten mit Hochdruck an einer Lösung für die betroffene Brücke: „Heute findet eine weitere Ortsbegehung mit einem Prüfingenieur statt.“ Über Art und Umfang der erforderlichen Baumaßnahmen sowie die daraus resultierenden Verkehrsauswirkungen will die Bahn informieren, „sobald belastbare Erkenntnisse vorliegen“. Das zweite Gleis der Brücke sei voll befahrbar, so dass weiterhin Zugverkehr stattfinden könne – „allerdings weniger als normal“.
„Bahn muss jetzt Auskunft geben“
Mit den Ereignissen steht auch das Konzept der Schienengeneralsanierungen wieder im Kreuzfeuer. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) räumte Defizite ein. „Wir haben nicht alle Ziele erreicht, die wir vorher vereinbart haben“, sagte er im „Berlin Playbook Podcast“ des Nachrichtenmagazins „Politico“ und forderte Aufklärung vonseiten des Staatskonzerns: „Da muss die Bahn uns jetzt ganz klar Auskunft geben.“
Zugleich kündigte er an, das Konzept der Korridorsanierungen grundsätzlich zu überprüfen. Man müsse unter anderem bewerten, ob vier Generalsanierungen je Jahr sinnvoll seien, regional besser verteilt werden müssten und welche Auswirkungen sie auf das übrige Bahnnetz hätten.
Die Bahn sperrt im Rahmen ihrer Generalsanierungen monatelang wichtige Fernverkehrsstrecken komplett, um diese grundlegend instand zu setzen. Bei der Sanierung der Strecke Hamburg–Berlin hatte es allerdings nicht nur massive Verzögerungen gegeben, sondern es wurde auch nur ein Teil der zuvor angekündigten Arbeiten erledigt. Zudem kommt es auf der Strecke weiterhin zu Störungen, weil noch Nachbesserungen vorgenommen und Restarbeiten ausgeführt werden.
Die Strecke von Köln über Wuppertal nach Hagen war seit Anfang Februar gut fünf Monate lang aufwendig saniert worden. Pendler im Regionalverkehr mussten in dieser Zeit auf Ersatzbusse umsteigen, die deutlich länger unterwegs waren als die Züge. Fernzüge wurden weiträumig umgeleitet. Knapp 800 Millionen Euro hat die Bahn in diese Generalsanierung investiert.
