Das WM-Spiel beginnt erst am Dienstagabend, doch zwischen Spanien und Frankreich läuft schon ein heftiges diplomatisches Duell. Seite an Seite gingen die französische und die spanische Regierung zum Angriff auf die konservative Volkspartei PP über. Dabei handelt es sich nur um einen einzigen Satz in einer Kolumne des früheren PP-Ministerpräsidenten Mariano Rajoy, von dem schon lange nichts mehr zu hören war. Der bis 2018 regierende Rajoy hatte auf die ihm eigene sarkastische Art über die französische Nationalmannschaft in einem relativ kleinen Onlineportal geschrieben, diese habe „einen Kader auf allerhöchstem Niveau. Allerdings ohne Franzosen“.

Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot legte angesichts von Rajoys „erbärmlichen Kommentaren“ die letzte diplomatische Zurückhaltung ab. „Frankreich hat keine Hautfarbe. Jede gegenteilige Behauptung ist Dummheit, Rassismus oder beides“, sagte er in einem Interview. Mehrere französische Minister hatten die Äußerungen des PP-Politikers zuvor als „rassistisch“ und „inakzeptabel“ zurückgewiesen. „Es gibt nur ein Frankreich, eine Republik, in der jeder seinen Platz finden kann, ganz gleich welcher Herkunft“, sagte etwa Innenminister Laurent Nuñez, der selbst ein Nachkomme spanischer Migranten ist.
Rajoy weckte in Frankreich Erinnerungen an Jean-Marie Le Pen
Auch die französische Botschaft in Madrid mischte sich in die Auseinandersetzung ein. Und stellte klar, dass von den 26 Spielern der Nationalmannschaft 23 in Frankreich geboren worden seien und die drei, die im Ausland zur Welt kamen, ebenfalls Franzosen seien. Rajoys Aussage weckte auch Erinnerungen an den verstorbenen Gründer des Front National (heute Rassemblement National), Jean-Marie Le Pen, der die französische Nationalmannschaft aus ähnlichen Gründen kritisiert hatte. Mit dem aus einer algerischen Einwandererfamilie stammenden Zinédine Zidane an der Spitze wurde die Vielfalt der französischen Mannschaft zum Nationalstolz.
In Spanien tobt nach der jüngsten Massenlegalisierung durch Sánchez’ Linksregierung ein Streit über die Integration von Migranten. Die konservative PP hat sich die Forderung der „nationalen Priorität“ der rechtspopulistischen Vox-Partei zu eigen gemacht, mit der sie in mehreren Regierungen koaliert: Bei staatlichen Leistungen sollen gebürtige Spanier Vorrang vor Einwanderern erhalten. Vox tut sich in Spanien schwer damit, einige Spieler der eigenen Nationalmannschaft zu feiern, zum Beispiel Lamine Yamal. Der junge Superstar des spanischen Fußballs wurde in Katalonien geboren, aber sein Vater stammt aus Marokko und seine Mutter aus Äquatorialguinea.
Rajoy wollte sich am Montag nicht entschuldigen. Er kritisierte gegenüber der Zeitung „El Mundo“ nur das „Niveau bestimmter Mitglieder der spanischen Regierung“ und nannte den als rassistisch kritisierten Satz ein „Nebenthema“ seines Fußballkommentars, in dem er die Franzosen als „formidable Widersacher“ gelobt hatte. Auch die PP distanzierte sich bis zum Nachmittag nicht öffentlich von dem früheren Regierungschef, wie es etwa der spanische Außenminister José Manuel Albares verlangte: Er beschuldigte die Konservativen, die laut Umfragen die nächsten Wahlen gewinnen könnten, die Beziehungen zu befreundeten Ländern wie Frankreich „zu vergiften, zu sabotieren und zu torpedieren“.
Albares spielte damit auf eine Abstimmung in der vergangenen Woche im spanischen Senat an. Dort hatten PP den neuen Freundschaftsvertrag mit Frankreich scheitern lassen. Den Konservativen geht es zu weit, französische Minister an Kabinettssitzungen in Madrid teilnehmen zu lassen. Für Pedro Sánchez gab es am Montagabend in Paris also einiges zu erklären. Am Abend hatte Emmanuel Macron ihn und andere Staats- und Regierungschefs zu einem Essen in den Élysée-Palast eingeladen.
