Die Spiegel zum Auftakt ihrer großen Retrospektive 2024 im New Yorker Museum of Modern Art sind ein wiederkehrendes Element im Werk der 1936 geborenen und als Bildhauerin ausgebildeten Joan Jonas, gewissermaßen ihr Emblem. Als Jonas 1969 mit „Mirror Piece I“ eine ihrer ersten Performances präsentierte, richteten Tänzer die Spiegel ebenfalls auf das Publikum. Medienwechsel: In ihrem Film „Nudes With Mirrors“ aus dem Jahr 1968 stehen nackte Männer und Frauen ebenfalls neben Spiegeln, die ihr Äußeres immer wieder brechen und verzerren. Vier Jahre zuvor wiederum prägte der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan das Schlagwort „The medium is the message“. Jonas hielt sich nur halb daran, indem sie die Bauhaus-Maxime „Form follows function/message“ frei auslegte und das Medium ihrer Kunst je nach Botschaft wählte.
Das günstige und leicht zu handhabende Video sah sie von Beginn an auch als Ermächtigungsinstrument von Frauen an. 1972 entstand ihre diesbezüglich einschlägigste Performance „Organic Honey’s Visual Telepathy“ mit Requisiten und Masken aus dem Sexshop, in der sie sich laut Eigenbeschreibung in eine „erotisch-elektrische Verführerin“ mit Puppengesicht verwandelte – ein komplex-mythisches Spiel mit Erwartungshaltungen an Frauen in den Medien. Überhaupt wurden die Videoperformances in Jonas’ New Yorker Studio an der Grand Street in Manhattan rasch ikonisch, womit sie seit nunmehr sechzig Jahren mit ihrer feministisch und ökologisch engagierten Kunst auf die Gesellschaft einzuwirken versucht, indem sie früh etwa auch ungesunde Hierarchien im Verhältnis Mensch zu Tier und Natur ausleuchtete, bisweilen auch mit einem Oktopus als Protagonisten – zuletzt 2019 mit dem Drama „Moving Off the Land II“.
Viele ihrer Schülerinnen sind selbst schon weltberühmt
Wege kritischer Selbstbespiegelung aufzuweisen, lange bevor der real grassierende Instagram-Irrsinn und Selbstveredelungswahn im Netz triumphierten, war und ist ihr Hauptanliegen und zog eine Schar von Schülerinnen nach sich, allen voran die ebenfalls als Medienkünstlerin und Musikerin aktive Laurie Anderson.

Geradezu zwingend musste sie daher 1972 an Harald Szeemanns legendärer Documenta 5 in der Abteilung „Individuelle Mythologien: Selbstdarstellung – Performances – Activities – Changes“ teilnehmen. Doch auch auf den nächsten drei Documentas bis 1987 war sie vertreten, ein seltener Hattrick in der Kunstwelt. Dafür reüssierte Jonas erst spät, 2009, auf der Venedig-Biennale, wo sie 2015 immerhin den Pavillon der USA bespielte.
So lahm wie manches Popsternchen meint, kann die Stuttgarter Gesellschaft nicht sein, denn schon im Jahr 1995 erhielt Jonas einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, den sie sieben Jahre lang bis 2002 ausfüllte, abermals eine umfängliche Schülerschaft ausbildend.
Gewiss nicht „lame“ wird ihr neunzigster Geburtstag am 13. Juli, den sie hoffentlich ebenfalls auf Video bannen und zu Kunst ummünzen wird.
