Es ist Montag Morgen im Süden von Los Angeles, und es liegt noch ein bisschen Historie in der Luft. Am Abend vorher ist hier in der Alameda Street der wahrscheinlich spektakulärste Schrottplatz der Welt aufgelöst worden. Über mehr als 60 vornehmlich deutsche Traumwagen der Wirtschaftswunderjahre haben rostzerfressen, von der Sonne ausgebleicht, mit Beulen übersät und oft nur noch in Teilen erhalten den Besitzer gewechselt und den Erben des Rüsselsheimer Auswanderers Rudi Klein 28,85 Millionen in die Kasse gespült.
Während die solventen Sammler längst wieder in ihren Privatjets sitzen und die Immobilienhaie wahrscheinlich schon um die staubige Freifläche in der windigen Gegend südlich des Flughafens feilschen, ist wohl zum letzten Mal Hochbetrieb auf dem von windschiefen Bretterwänden eingehausten Areal, weil am Morgen danach jeder seine rostigen Schätzchen abholt und sich die eindrucksvolle Sammlung in alle Welt verteilt. Mit dabei an diesem geschäftigen Montag im Herbst 2024 sind Michael Kunz und Nate Landers und zerren einen 300 SL Roadster aus dem Jahr 1957 auf den Lastwagen. Mike ist Chef des Mercedes Classic Centers in Long Beach und Nate sein oberster Mechaniker. Der luftige Bruder des legendären Flügeltürers hängt windschief in einem bedauernswerten Zustand am Haken.

Er war so etwas wie der Underdog der Auktion, sagt Mike. Alles hat nach dem 1959er-Flügeltürer geschielt, einem von nur 29 mit Alukarosserie. Auch Mercedes wollte ihn heim ins Museum holen, aber irgendwann war das Limit aus Stuttgart erreicht, und ein Privatmann hat den Flügeltürer ersteigert und ihn mit einem Gebot von 9.355.000 Dollar zum vermutlich wertvollsten Wrack der Welt, auf jeden Fall aber zum teuersten Auto der Auktion gemacht.
„Da hat sich für den Roadster keiner interessiert“, sagt Mike, obwohl der bei einer normalen Auktion das Zeug zum Bestseller gehabt hätte und immer noch unter den Top 10 gelandet ist. Aber es war halt nichts normal, als RM Sotheby’s die „Klein Collection“ unter den Hammer gebracht hat. Was nach gründlich kuratierter Sammlung klingt, war ein Haufen Schrott, den ein ehemaliger Rüsselsheimer Metzger in einem halben Jahrhundert zusammengetragen und am Ende als Einziger überblickt hat. Mit seinem Faible für deutsche Luxuskarossen hat er über die Jahre Dutzende Mercedes SL eingelagert, Hunderte Porsche, ein paar Pullmann oder Maybach und sogar den ein oder anderen Horch. Quasi als Beifang gab’s noch ein bisschen was von Ferrari oder die vier Lamborghini Miura, die jeweils nur zur Hälfte überlebt haben und in Gitterboxen in den Hallen standen.

Dazu kamen Dutzende, nein Hunderte Regalmeter an Ersatzteilen von A wie Austauschmotoren bis Z wie Zündschlüsseln, kistenweise Verschleißartikel und meterhohe Stapel von Radios oder Bedienungsanleitungen. Zwar wusste jeder in der Szene von der Sammlung. Aber weil Klein ein komischer Kauz war und kaum einen auf den Platz gelassen hat, wurde sie zum Mythos. Erst recht nach seinem Tod. Die Redaktion der F.A.Z. zählt deshalb zu den ganz wenigen, die sich dort umsehen durften, und hat dem Anlass angemessen daraus gleich ein Buch gemacht.
„So etwas hat es noch nie gegeben, und so etwas wird es auch nie wieder geben“, sagt Mercedes-Mann Mike und kann sich selbst bei afrikanischen Potentaten, arabischen Scheichs oder asiatischen Fürsten keine vergleichbare Sammlung vorstellen. Erst recht nicht in diesem Zustand.

Dass der Roadster und nicht der Aluflügel für Mike und Nate das heimliche Highlight war, liegt aber nicht allein an der Rolle als Underdog. Sondern auch an dem, was danach passiert ist: Während sie den Bestseller nur begutachten und einen Kostenvoranschlag für die Renovierung machen durften, haben sie an den Underdog tatsächlich Hand angelegt und das Lot 6 wieder zum Rollen gebracht.
Nur 45 Tage hatten sie dafür Zeit, dann sollte der Zweisitzer einen, nun ja, glanzvollen Auftritt beim Oldtimer-Concours Moda Miami haben, erzählen die beiden und waren entsprechend erleichtert, dass sich der Motor schon an jenem Morgen in der Alameda Street frei drehen ließ. In den Tagen darauf haben sie alle Flüssigkeiten gewechselt, alles geschmiert, neue Kerzen reingeschraubt und eine neue Batterie angeklemmt – und konnten kaum glauben, dass der drei Liter große Reihensechszylinder schon nach einer Woche lief wie am ersten Tag.

Mehr Mühe haben ihnen ein paar Einzelteile bereitet. Eine Stoßstange hat gefehlt, ein Sitz, das Verdeck und Teile der Instrumente. Obwohl sie ein riesiges Ersatzteillager haben in Long Beach und daheim in Stuttgart und sie nichts wegwerfen während einer Restaurierung, konnten sie die Lücken allein nicht füllen. Deshalb hat die ganze Sammlerszene plötzlich mitgeholfen, Freunde, Dienstleister, ja sogar Konkurrenten haben ihre Register und Regale durchstöbert. Die Restaurierung wurde zu einem transkontinentalen Gemeinschaftsprojekt, erzählen sie. Mit Erfolg: Sechs Wochen nachdem sie ihn mit dem Hänger von Rudis Roste-Rampe geholt haben, steht der Roadster wieder auf dem Trailer und ist auf dem Weg nach Miami. Optisch auf Geheiß des Kunden nach wie vor in einem jämmerlichen Zustand. Aber technisch so fit, dass er dort gute 200 Meilen über den Speedway brettert. Und das nach Jahrzehnten des Stillstands.

Bei der Aufbereitung haben sie sich Mike und Nate bisweilen fast wie Archäologen gefühlt und in den Hohlräumen oder hinter den Verkleidungen nicht nur Nester und Futter von allerlei Tieren gefunden, sondern auch Münzen mit dem Prägejahr 1957, die irgendwann mal in einem Schlitz gefallen sind und jetzt im Handschuhfach liegen. Angeblich steckten sogar irgendwo noch die Kronkorken des Flaschenbiers, das damals im Werk ausgeschenkt wurde. „Eine berühmte Stuttgarter Marke“, lacht Landers, und man weiß nicht so recht, ob das wahr ist oder nur gut erfunden. Nachprüfen lässt sich das hier und heute nicht, weil das Auto schon beim nächsten Besitzer ist. Technisch mittlerweile in einem perfekten Zustand und zum ersten Mal, seit er auf dem Friedhof der Goldtimer geparkt wurde, auch wieder komplett. Aber ansonsten ziemlich genauso heruntergekommen, wie er auf Rudi Kleins Hof stand, sagt Nate. „Selbst den Vogeldreck haben wir unter Klarlack konserviert.“
Während der eigentliche Star der Auktion wohl bald wieder glänzt wie am ersten Tag, aber dafür nur noch etwas für stille Genießer ist, hat es der Roadster so zur Berühmtheit gebracht. Immer wieder steht er auf einer Oldtimer-Show und hat als Junkyard Dog sogar seinen eigenen Spitznamen: der Streuner vom Schrottplatz.

Klar hätten Mike und Nate aus wirtschaftlichen Gründen gerne den Auftrag angenommen und auch den Roadster restauriert bis zum Neuzustand. Schließlich ist das ihr Tagesgeschäft im Classic Center. Außerdem hätten sie damit ein Vielfaches jener 500.000 Dollar verdient, die bislang in das Auto geflossen sind.
Doch aus historischer Sicht sind bei beiden froh, dass Lot 6 jetzt zwar technisch top in Schuss ist, optisch aber noch immer im gleichen Zustand ist, in dem er war, als bei 1.187.500 Dollar der Hammer fiel. Sein Wert sei so wahrscheinlich ungleich höher, meint Mike. Fast alle SL, die von den 3258 gebauten Autos überlebt haben, sind perfekt restauriert, die 1400 Flügeltürer wie die 1858 Roadster. „Aber in diesem Zustand ist er einzigartig. Und er erzählt auf einen Blick die einzigartige Geschichte eines einzigartigen Schrottplatzes.“

Schön für den Besitzer und alle, die den auch weiterhin in Kalifornien beheimateten Schrottplatz-Streuner mal zu Gesicht bekommen. Alle, denen das nicht vergönnt ist, können die Geschichte statt am Blech auch zwischen zwei Buchdeckeln nachlesen. Im bei Delius Klasing erschienenen Bildband „Luxus-Schrott aus Hollywood“, den Holger Appel und Thomas Geiger nach ihrem einzigartigen Besuch in der Klein Collection veröffentlicht haben.
