Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 28/2026.
Ich weiß leider nicht, wie man einen Baum tröstet. Dabei wären solche Kenntnisse nun womöglich nützlich. Auf dem Weg gab’s auch kein Schild, das mich auf den Anblick vorbereitet hätte, kein freundlich zugeneigter Hinweis, plötzlich ist da einfach diese Weide, Balken stützen ihre Äste, Seile fesseln ihren morschen Stamm. Die Weide steht allein am Rand, etwas gedrungen, wie ein verletzter Waldgeist aus einer Schauergeschichte. Und in einer großen hat sie leider mitgespielt. Als vor 81 Jahren der Himmel über Hiroshima explodierte, als die Amerikaner ihre Atombombe über dieser Stadt abwarfen, um 8.15 Uhr in der Früh, stand die Weide wenige Hundert Meter vom Epizentrum entfernt. Sie ist eine Überlebende, zur Mahnwache verdammt, und eine Intensivpatientin von Grünpflegern. Vermutlich hatte die Weide ganz andere Pläne für ihr Leben.
