Es hatte so gut angefangen. Ein frühsommerlicher Spaziergang, die Unterhaltung so leicht, lustig und vertraut, dass der Spaziergang in ein Abendessen mündete und das Abendessen in einen Barbesuch. Dann die (unausgesprochene, aber doch präsente) Frage: Was jetzt? Also lud Anne ihr Date zu sich nach Hause ein. „Ich dachte mir: Das ist jetzt einfach der nächste logische Schritt.“ Und sie schlief mit diesem Mann, den sie mochte, an diesem Abend aber lieber nur im Arm gehalten hätte.
„Bevor ich mich körperlich auf jemanden einlassen kann, brauche ich eine emotionale Verbindung“, meint die 29-Jährige. Und doch landet sie immer wieder in Situationen wie dieser. Sie ignoriert ihr Bauchgefühl, lässt sich ein und fühlt sich hinterher ruhelos und enttäuscht. „Als würde ich mich selbst im Stich lassen.“
Dabei sei sie sonst selbstbewusst und meinungsstark. Anne lebt allein in einer deutschen Großstadt, verdient ihr eigenes Geld, fährt allein in den Urlaub und zieht an, was ihr gefällt. „Bei Männern passe ich mich oft an. Ich reagiere nur. Vielleicht, weil ich ihnen gefallen will.“ Traditionelle Rollenbilder sind hartnäckig. Selbst junge Frauen wie Anne – aufgewachsen in einer Zeit, in der offen über Sexismus, die korrekte Darstellung der Klitoris und geschlechtergerechte Sprache diskutiert wird – sind davon nicht befreit.
Aber auch sie sind eben häufig geprägt von geschlechterstereotyper Erziehung und haben Grenzüberschreitungen erlebt: Aus kleinen Mädchen, die darauf konditioniert wurden, höflich zu sein und dem Onkel ein Küsschen zu geben, werden Frauen, die es allen recht machen wollen und dabei eigene Grenzen missachten.
Annes Lösung: Enthaltsamkeit, zumindest zeitweise. Es sei keine bewusste Entscheidung gewesen. Eher ein „unterbewusster Schutzmechanismus“, sagt sie. „Ich wollte mich einfach nicht mehr in diese frustrierenden Situationen bringen, also habe ich aufgehört, Männer zu daten.“ Zehn Monate ist das nun her. Zwei will sie an ihrem Vorsatz noch festhalten. Ihr Zwischenfazit: weniger Selbstzweifel, weniger Stimmungsschwankungen, weniger Lust auf Sex. „Wenn man zwei Wochen auf Zucker verzichtet, vermisst man es irgendwann gar nicht mehr.“
„Die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe“
Mit ihrer Entscheidung ist Anne nicht allein: Immer mehr junge Menschen – insbesondere Frauen – wollen bewusst auf Sex verzichten. #celibacy, #softabstinence, #boysober. In den sozialen Medien teilen viele Motive und Erfahrungen: „Fühlt sich großartig an“, meint eine junge Frau. „Die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.“ Wenn man Äußerliches außer Acht lasse, merke man, wie viel das Gegenüber zu bieten und die Begegnung Potential für eine harmonische Beziehung habe.
Eine andere spricht über ihre „healing journey“, ihre heilende Reise zu sich selbst. Sie berichtet von den verblüfften Blicken, die sie im Berliner Nachtleben von flirtenden Männern geerntet hat. „Wie? Enthaltsam? Für wie lange? Als hätte ich verkündet, dass ich einen Monat nichts essen will.“ In unserer Gesellschaft sei Sex so präsent und leicht verfügbar, dass Enthaltsamkeit wie das Verrückteste auf der Welt wirke.
Sex begegnet uns überall – in Filmen, im Internet, in den sozialen Medien. Im Bett hingegen herrscht oft Sprachlosigkeit. „Es fällt mir total schwer, zu sagen, was ich will“, meint Anne. „Zum Beispiel, dass mich das Vorspiel überhaupt nicht heiß macht oder dass ich es mir anders überlegt habe und lieber nur kuscheln will.“
Manchmal wünscht sie sich, so zu sein wie Carrie Bradshaw aus „Sex and the City“, die in der ersten Folge Sex hat „wie ein Mann“. Anne formuliert es so: „Eine Frau, die nimmt, was sie will, no strings attached.“ Gleichzeitig hat sie diese romantische Idee, dass Sex immer mit Gefühlen einhergehen sollte. „Ich spüre, dass Sex was Schönes ist, aber wirklich genossen habe ich es nie.“ Es fällt ihr schwer, sich von den gesellschaftlichen Vorstellungen zu emanzipieren, die rund um (weibliche) Sexualität existieren.
Männer kommen häufiger zum Orgasmus
Meist sind es noch immer die Männer, die das sexuelle Skript schreiben. Zu ihrem Vorteil: Sie kommen häufiger zum Orgasmus, die Rede ist auch vom Orgasm Gap – die Orgasmus-Lücke. 95 Prozent der Männer kommen laut einer US-Studie beim heterosexuellen Sex regelmäßig zum Höhepunkt. Bei den Frauen sind es nur 65 Prozent. Noch größer ist die Differenz bei Sex unter Singles: 60 Prozent der Männer erleben einen Höhepunkt, bei Frauen sind es gerade mal zehn.
Grund für den Orgasm Gap sind nicht biologische Unterschiede (bei lesbischem Sex liegt die Orgasmusrate bei 86 Prozent), sondern sexuelle Praktiken, kulturelle Prägung sowie Wissenslücken und Fehlinformation in Sachen weiblicher Lust. Selbst Frauen wissen wenig über die weibliche Anatomie der Klitoris und ihre lustvolle Bedeutung, wie zahlreiche Experimente und Umfragen zeigen.
Auch für Anne war es eine „Blackbox“. Nach den ersten sexlosen Monaten begann sie, ihre Beziehung zu Sexualität zu reflektieren. „Krass aufgeladen“ sei diese. Geprägt von Filmen, in denen die Leidenschaft meist lodert und es nie unangenehme Situationen der Überforderung oder Sprachlosigkeit gibt. Jetzt stapeln sich auf ihrem Nachttisch Bücher über Slow Sex, Tantra und weibliche Anatomie. Denn mehr Wissen verspricht mehr Selbstbewusstsein, und mehr Selbstbewusstsein ein erfüllteres Sexleben.
Zahlen zur Enthaltsamkeit gibt es nicht, doch Studien zeigen: Menschen haben heute insgesamt weniger Sex als früher. Der Trend ist in vielen Ländern zu beobachten, bei Männern wie Frauen, bei Paaren und Singles. Besonders bei den unter 30-Jährigen hat die sexuelle Aktivität abgenommen. Die Gründe sind vielfältig: mehr Alltagsstress, digitale Ablenkung, gestiegener Pornokonsum. Und: überhöhte Erwartungen, die oft an der Realität scheitern, sowie die größere Selbstbestimmung von Frauen.
Der Verzicht auf Sex stößt oft auf Irritation
Darüber gesprochen wird kaum, das Thema ist behaftet mit Scham und Selbstzweifeln. Auch Anne redet kaum über ihren Entschluss, wenn auch aus anderen Gründen. Ein bewusster Verzicht stößt oft auf Irritation – ähnlich Fleischverzicht oder Alkoholabstinenz. Man entzieht sich der gesellschaftlichen Norm. Nur mit engen Freundinnen tauscht Anne sich aus, die meist interessiert seien und manchmal ein wenig neidisch („Viel weniger Drama und Stress …“), sich zu solch einer „radikalen Entscheidung“ letzten Endes aber nicht durchringen wollen. Manchmal fehle ihr der Körperkontakt. „Aber das Gefühl, mir selbst treu zu sein, fühlt sich richtig und wichtiger an als kurzfristige Nähe.“
Die amerikanische Autorin Melissa Febos sieht Enthaltsamkeit als feministische Bewegung. Febos ist Autorin des Buches „Dry Season“, in dem sie berichtet, was sie „in einem Jahr ohne Sex über Liebe und Begehren gelernt“ hat. Obwohl sie Frauen datet und liebt, war auch sie nicht von traditionellen Rollenbildern befreit. Die Enthaltsamkeit war der Versuch, „eine Beziehung zu mir selbst aufzubauen“. Und eben ein feministischer Akt: Früher, schreibt sie, war der Weg ins Kloster und das damit verbundene Zölibat für Frauen der einzige Weg, sich den gesellschaftlichen Erwartungen und dem gängigen Narrativ der Frau als sorgender Partnerin und Mutter zu entziehen. „Für die Mönche war das Zölibat eine Strafe. Für sie gab es keine Freiheit zu gewinnen, sondern nur zu verlieren.“ Für Frauen hingegen war es „das Fundament, auf dem (sie) ihre Selbstbestimmtheit bauten“.
Selbstbestimmung und sexuelle Unabhängigkeit sind heute nicht mehr ans Nonnendasein gebunden. Und doch erlebt das Klosterleben derzeit einen erstaunlichen Imagewandel. Die spanische Erfolgssängerin Rosalía zeigte sich auf dem Cover ihres letzten Albums mit Habit. In den sozialen Medien werden Ordensfrauen als weise Ratgeberinnen gefeiert (#NunTok) oder als Memes geteilt – etwa tanzend durch den Klostergarten („Ich lebe schon so lange enthaltsam, dass ich mittlerweile als Nonne durchgehen könnte“).
Verzicht steht für Entlastung
Die Nonne als Figur der Popkultur. Was humorvoll oder spöttisch wirkt, sei Ausdruck einer „heimlichen Begeisterung, die weit über bloße Satire hinausgeht“, schreiben Carmen Urbita und Ana Garriga in ihrem Buch Convent Wisdom. Darin zeigen sie auf, „wie Nonnen aus dem 16. Jahrhundert dein Leben verändern können“. Das Kloster erscheint bei ihnen als Gegenentwurf zur chaotischen Gegenwart: ein Safe Space ohne die Abgründe des Onlinedatings, getragen von freundschaftlicher Gemeinschaft, klaren Regeln und Verlässlichkeit.
Sicher: Für die allermeisten ist dies eher Projektion als echte Alternative. Doch sie verrät viel über die Sehnsüchte einer jüngeren Generation. Das klösterliche Leben steht weniger für Verzicht als für Entlastung – durch Struktur und die bewusste Begrenzung äußerer Reize, auch in Bezug auf sexuelle Beziehungen.
„Thou shalt not give up on dating and become a nun“ („Du sollst das Dating nicht aufgeben und zur Nonne werden“), ließ die Datingplattform Bumble 2024 auf Plakate in den USA drucken. Oder: „Ein Keuschheitsgelübde ist nicht die Lösung.“ Enthaltsamkeit als Problem, das es zu korrigieren gelte.
Es war ein (heftig kritisierter und bald eingestellter) Versuch, zunehmend frustrierte Nutzerinnen zurückzugewinnen. Diagnose: Dating-Burnout. Vor allem Frauen wenden sich ab. Das digitale Dating verspricht (zu) viele Möglichkeiten. Am Ende bleiben oft flüchtige Beziehungen ohne Verbindlichkeit. In einer Forbes-Umfrage aus dem Jahr 2024 gab rund die Hälfte der Millennials und Gen Z an, sich durch das ständige Swipen, Ghosting und die Flut an Optionen oft oder immer ausgelaugt zu fühlen. Eine Studie der Hochschule Fresenius aus demselben Jahr kam zum Ergebnis, dass knapp 14 Prozent der Nutzer tatsächlich Symptome von Burnout zeigen – etwa Erschöpfung und Überforderung.
Beim Daten denkt Marta: Ich bin nicht gut genug
„Ich könnte dir aus dem Stand ein Dutzend Freundinnen nennen, die vom Dating frustriert sind“, meint Marta, eine Singlefrau Anfang 30. Auch sie empfindet Dating als zermürbend: Da war dieser Mann, den sie auf Hinge kennengelernt hat. Nach vielen gemeinsamen Wochenenden gestand er ihr, dass er Angst vor Gefühlen hat. Es war das Letzte, was sie von ihm hörte. Nicht ihr erster Fall von Ghosting. Offline läuft es nicht besser: Sie erzählt von einer Begegnung auf einem Festival: „Ein magischer Abend.“ Beide waren sie „sofort geflasht“, haben wochenlang geschrieben, sich endlich wiedergetroffen und dann: „Hat er gesagt, dass alles weg ist und er nichts mehr fühlt.“
Meist sucht Marta den Fehler bei sich. „Ich glaube, das ist bei Frauen oft so.“ Das Auf und Ab ermüdet. Sie fühlt sich gut – bis sie jemanden kennenlernt und die Zweifel beginnen. „Plötzlich denke ich mir, ich bin nicht mehr gut genug.“ Aussteigen aus der Spirale? Allein der Gedanke an eine vorübergehende Enthaltsamkeit sei total befreiend. „Wie wenn man mit ganz kleinem Rucksack auf Reisen ist. Sich um nichts kümmern muss.“ Nur: „Ich bin 33, ich will Kinder.“ Der Wunsch setzt sie unter Druck.
Im Mai siegte der Frust. Zumindest ein paar Monate wollte sie es versuchen. „Ich hab’s natürlich nicht durchgehalten“, schreibt sie wenige Wochen später. Daten, Nähe, Hoffnungen. Mit dem Daten aber kamen auch die Zweifel zurück. Die Angst, nicht gut genug zu sein, für den Menschen, der sie fasziniert. Einer sagte kurz vor dem geplanten Date ab, mit einem anderen fühlte sie sich, als wäre ihr Gegenüber ein Bewerbungskandidat beim Jobinterview: „Er hat keine einzige Frage gestellt.“
Und was kommt nach der enthaltsamen Zeit?
Heteropessimismus nennen einige Soziologen diese Haltung: Viele erleben heterosexuelle Beziehungen als belastend oder strukturell unfair – und dennoch wird das Beziehungsmuster fortgesetzt. Immerhin: Allein das Nachdenken über die Enthaltsamkeit hat Marta geholfen, ihre Gefühle besser wahrzunehmen und Grenzen zu setzen.
Ende Juni unternahm sie einen neuen Versuch, auf Dating und Sex zu verzichten. Sie will sich nicht mehr anpassen. Rausfinden, was sie will und braucht. Ihr Dating-Leben sei wie eine Theaterbühne: „Wenn eine neue Person kommt, bekommt sie das komplette Scheinwerferlicht.“ Sie selbst und ihr sonstiges Umfeld versinken im Dunkeln. „Ich will auch was abbekommen vom Scheinwerferlicht“, sagt Marta.
Anne ist fast angekommen am Ende ihres enthaltsamen Jahres. Das Daten vermisst sie, aber der Gedanke an die damit oft verbundene Frage „Was jetzt?“ macht ihr Angst. Kompletter Verzicht ist leichter, als das rechte Maß zu finden und körperliche Signale achtsam zu lesen.
Im Idealfall hilft die Enthaltsamkeit dabei, es herauszufinden. Und zeigt, dass Nähe und Intimität auch anders gedacht werden können. Langsamer, vorsichtiger, nicht automatisch an Sexualität gekoppelt.
