Jürgen Klopp sah aus wie ein Tourist. Helle Hose, sportliche Sneaker – und dazu die Sonnenbrille lässig ins Shirt gesteckt. So zeigten Fotos den 59-Jährigen beim ersten Bundestrainer-Gipfel mit der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in New York.
Bei dem Gipfeltreffen wurde sich offenbar auf wesentliche Eckpunkte eines möglichen Vertrags mit Wunsch-Bundestrainer Klopp verständigt. Beide Seiten seien zuversichtlich, dass die Verhandlungen vorbehaltlich einer Einigung mit Klopps derzeitigem Arbeitgeber Red Bull erfolgreich abgeschlossen werden könnten, teilte der DFB nach danach mit.
Das Airport-Treffen soll inklusive kurzer Pausen über vier Stunden gedauert haben. Es gab also erwartungsgemäß viel unter acht Augen zu besprechen. Klopp-Intimus Watzke hatte zuvor davon gesprochen, dass es bei der Nachfolge für den nach der nächsten vermurksten WM nicht zuletzt auf sanften Verbands-Druck zurückgetretenen Julian Nagelsmann nicht nur darum ginge, „dass man einen Namen austauscht“.
Jürgen K. erklärt Jürgen K. den Bundestrainer-Job
Das Anforderungsprofil für einen Nationaltrainer skizzierte in den WM-Tagen bereits Jürgen Klinsmann. Der 61-Jährige, als Bundestrainer von 2004 bis 2006 verantwortlich für das deutsche WM-Sommermärchen, sprach dabei von einer Vielzahl an Rollen, die der Chefcoach bei einem Turnier zu erfüllen habe.
„Im Grunde bist du ein Menschen-Manager“, erklärte Klinsmann, angefangen beim Spieler-Puzzle, der Steuerung der Mannschaft, dem Umgang mit den Familien bis hin zum Verband.

„Manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Und wenn es nicht so gut läuft, übernimmst du Verantwortung, so wie es Julian Nagelsmann getan hat. Er hat Verantwortung übernommen und gesagt: Ich habe keinen guten Job gemacht. Ich gehe und mache den Weg frei für einen anderen, für den nächsten Trainer“, schilderte Klinsmann.
Verantwortung im deutschen Fußball und als Nationaltrainer übernehmen will nun Klopp, der als Vereinscoach bei Borussia Dortmund und dem FC Liverpool bewiesen hat, dass er Mannschaften zu Titeln führen kann. Und dass er Menschen anleiten kann. Er würde damit die Voraussetzung des „Menschen-Managers“ erfüllen, auch wenn er noch nie ein Nationalteam geführt hat. Auch darum sieht er wohl im früheren Teamchef Rudi Völler (66) eine echte Hilfe. Der DFB-Sportdirektor bleibt auch nach dem WM-Aus bis zur EM 2028 im Amt.
Neuendorf und Watzke waren am Freitag aus Frankfurt in die US-Metropole geflogen. In New York hat Klopp seine WM-Basis. Er arbeitet für MagentaTV als Experte, beobachtet vor Ort die Turnierspiele, bewertet sie sportlich.
Der Austausch von Angesicht zu Angesicht galt als zentrale Voraussetzung, um zur von Verbandsseite und Klopp angestrebten Zusammenarbeit zu gelangen. Im Zuge der Nagelsmann-Trennung hatten sich beide Parteien klar und offensiv zueinander bekannt. Auch inhaltlich wurde vieles sehr schnell vorbesprochen.

Im Gespräch ist, dass Klopp nicht nur einen Kontrakt bis einschließlich der EM 2028, sondern gleich inklusive der WM-Endrunde 2030 erhält. Er soll seine langjährigen Assistenten Peter Krawietz und Pepijn Lijnders mitbringen, beim Verband auch strukturell mitreden dürfen. Er wird wohl der mächtigste Bundestrainer jemals werden. Sein Vertrag soll dennoch nicht viel höher dotiert sein, als der seines Vorgängers. Nagelsmann soll nach unbestätigten Medienberichten rund sieben Millionen Euro pro Jahr kassiert haben.
Ein Knackpunkt bleiben die Verhandlungen mit Red Bull über eine Auflösung des noch bis 2029 datierten Vertrags von Klopp als „Head of Gobal Soccer“. Geschäftsführer Oliver Mintzlaff soll in der WM-Finalwoche in die USA reisen.
Wie viel Red Bull dürfte noch in Klopp stecken?
Wenn die kolportierten Details stimmen, gibt Klopp seinen Job bei dem österreichischen Getränkekonzern auf, könnte aber Markenrepräsentant bleiben.
Auf diesem Wege will sich der DFB anscheinend eine Millionenablöse ersparen. Dies wäre „ein weiterer Kniefall vor dem Kapital“, sagte Sprecher Thomas Kessen vom Fan-Bündnis „Unsere Kurve“ dem SID. Der DFB würde „mit viel Geld und Integrität“ bezahlen.
Mit einer langen Hängepartie der Personalie wird dennoch nicht mehr gerechnet. Zeitdruck besteht allerdings auch nicht. Die ersten Länderspiele der DFB-Auswahl in der neuen Saison stehen erst Ende September an. Dann gibt es im ersten, neu gestalteten Länderspielfenster innerhalb von nur zehn Tagen aber gleich vier Partien gegen die Niederlande, Serbien und Griechenland (zweimal). Beim Start als Bundestrainer müsste Klopp gleich in die Vollen gehen.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat nach der Verhandlungsrunde über den Stand der Gespräche informiert. Die Pressemitteilung von Samstagnachmittag im Wortlaut: „DFB-Präsident Bernd Neuendorf und DFB-Vizepräsident Hans-Joachim Watzke haben gestern in New York ein erstes intensives Gespräch mit Jürgen Klopp zur möglichen Übernahme des Amtes des Bundestrainers geführt. Bei dem konstruktiven Austausch wurde eine Verständigung über wesentliche Eckpunkte eines potenziellen Vertrags erzielt. Die Gespräche werden in der kommenden Woche fortgesetzt. Beide Seiten sind zuversichtlich, dass die Verhandlungen – vorbehaltlich einer Einigung mit Klopps derzeitigem Arbeitgeber Red Bull – letztlich erfolgreich abgeschlossen werden können. Ein möglicher Vertrag muss final in einer gemeinsamen Sitzung von Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung der DFB GmbH und Co. KG beschlossen werden.“
