Nun rudern sie wieder: Ihren wachsenden Erfolg bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft – zuletzt jeweils 2:1 gegen die Elfenbeinküste und Brasilien – feiern die norwegischen Spieler mit ihren Anhängern, indem sie die angewinkelten Arme vor und zurück bewegen, als seien sie an Bord einer Galeere. Dazu schlägt dann zum Beispiel Erling Haaland den Takt auf der Pauke, und weil er dies zuletzt im langsam steigenden Tempo tat, wurde auch das Rudern der Anhänger immer schneller. Da geht noch mehr, sollte das wohl heißen, auf den Rängen und auf dem Rasen etwa beim heutigen Viertelfinale.
Warum Norwegens Fußballer nun – nach dem unvergessenen „Hú“ der Isländer vor zehn Jahren – das stilisierte Rudern als Machtdemonstration für sich entdeckt haben, liegt auf der Hand. Wir sind seit der Wikingerzeit die Nation der Seefahrt, lautet die Botschaft, und sowenig sich irgendjemand unseren Vorfahren entgegenstellen konnte, als sie halb Europa und die amerikanische Ostküste heimsuchten, so wenig wird das den Mannschaften gelingen, die jetzt noch im Wettbewerb sind.
Die raschen und effektiven Überfälle in raffinierten Booten
Tatsächlich waren die raschen und effektiven Überfälle der Wikinger vom 8. bis zum 11. Jahrhundert ohne ihre raffinierten Boote nicht denkbar. Diese gingen auf Schiffe zurück, die durch Rudern angetrieben wurden – das Segel kam erst später dazu. Einige solcher Schiffe sind in unterschiedlichen Typen auf uns gekommen und werden etwa im dänischen Roskilde nicht nur ausgestellt, sondern auch nachgebaut. Bereits 1894 erreichte eine Replik in Originalgröße des in einem Grabhügel gefundenen „Gokstad-Schiffs“ von 895 nach einer Atlantikfahrt Nordamerika, um bei der Weltausstellung von Chicago gezeigt zu werden.

Dass Haaland bei dem Ritual gerne als Trommler und Einpeitscher auftritt, ist wohl nicht nur seinem Status als Star dieser Mannschaft geschuldet. Womöglich verbindet er auch am meisten mit der heroischen Vergangenheit des Landes. Sein Engagement dafür, die Erinnerung daran wachzuhalten, ist seit dem vergangenen März bekannt, als er umgerechnet etwa 116.000 Euro für ein Exemplar der „Heimskringla“ ausgab, einer Sammlung zur altnordischen Geschichte, verfasst um 1230. Das Buch überließ Haaland dann seiner Heimatstadt, weil er sich eine weite Verbreitung wünschte. Einen Lesewettbewerb soll es auch geben.

So gesehen klingt es nach einem lang eingefädelten Plan. Sowohl mit seinen Toren als auch mit seinem Jubel sorgt Haaland dafür, dass sich nun wirklich alle an die vielen Fahrten der Ur-Norweger zwischen ihrer Heimat und Island, Nordeuropa, Grönland und Amerika erinnern: an die vielfach verbürgte Kameradschaft derer, die rudernd im selben Boot saßen, während sie unterwegs ihren Skyr herunterstürzten, und an den Schrecken, den der Anblick ihrer Schiffe verbreitete, falls es nicht um Handelsfahrten ging.
Nun allerdings wartet England auf Norwegen. Die britische Insel hat ihre eigene Wikingervergangenheit, aus der ganze Königreiche entstanden, die den Isländern und Norwegern erfolgreich die Stirn boten. Von der Rudertradition der britischen Universitäten ganz abgesehen. Ein Durchmarsch wird das nicht.
In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.
