Von Dingen, die beinahe hätten sein können, erzählt Lily Kings „Herz König“. Der Roman beginnt dort, wo die Möglichkeiten noch offen scheinen: an einem amerikanischen College, Ende der 1980er-Jahre. Casey, die uns diese Geschichte erzählt, trifft dort auf die zwei hochbegabten Freunde Sam und Yash. Und während sie erst Sam datet, verliebt sie sich in Yash – ein Dreiecksverhältnis beginnt, das sie drei Jahrzehnte später, als sie wieder aufeinandertreffen, einholen wird.
College-Setting, geheimnisvolle Studenten, verwickelte Liebesbeziehungen, dazu noch obsessive religiöse Überzeugungen und sogar ein Mordfall: Lily Kings neuer Roman erinnert unweigerlich an Donna Tartts „The Secret History“. Anders als Tartt richtet King den Blick jedoch auf die Liebe, die populäre amerikanische Autorin ließ sich für „Herz König“ dabei von eigenen Erfahrungen inspirieren.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
An der Uni hatte sie sich selbst mit drei Studenten angefreundet, J.B., Jeff und Kevin: Mit den ersten beiden war sie zusammen, Kevin wie auch Jeff starben früh an Krebs. All dies verarbeitet die Autorin in ihrem neuen Roman, in dem sie mit präzisem, zurückhaltendem Stil von jenen ersten Beziehungen erzählt, die selten bis ins Erwachsenenalter reichen und doch ein Leben lang nachwirken.
Ein Spiel mit dem „großen Gatsby“
Diese Dynamik nimmt der Roman auch im intertextuellen Spiel mit dem „großen Gatsby“ wieder auf. Sam und Yash nennen Casey erst „Daisy“, dann „Jordan“, wie eine Haupt- und eine Nebenfigur in Fitzgeralds legendärem Roman – und drängen ihre Freundin damit aber an den Rand ihrer eigenen Geschichte. King übernimmt diesen männlichen Blick jedoch nicht, sondern zeigt damit, worum es ihr eigentlich geht: die emotionale Unreife der Figuren und ihre Unfähigkeit, Nähe zuzulassen.
Sam und Yash wie Casey selbst bleiben dabei bemerkenswert ambivalent. Immer wieder glaubt man, Yash werde den entscheidenden Schritt wagen – nur um im nächsten Moment die ersehnte Nähe doch wieder zu sabotieren.
Was hinter dem Titel steckt
Der Titel „Herz König“, im Original „Heart the Lover“, bezieht sich auf ein Kartenspiel, das die Figuren spielen: Dessen Ziel ist es, durch Tauschen eine Familie zu vervollständigen, wobei man nicht weiß, welche Karten die anderen halten und wie sie diese ausspielen werden. Diese Unsicherheit, wie andere sich fühlen, wird zum Sinnbild der Beziehungsdynamiken im Roman. Und begleitet dessen Figuren auch ins Erwachsenenleben hinein, von dem „Herz König“ im zweiten und dritten Teil erzählt.

Auf dem Weg dorthin aber verliert die Geschichte an Identifikationskraft, neue Figuren bleiben schemenhaft, Dialoge verlieren Spannung, das Motiv des beinahe Möglichen, mit dem „Herz König“ spielt, wird dann auch zur ästhetischen Diagnose, weil der Roman am Schluss an erzählerischer Tiefe verliert.
Vielleicht lässt sich diese dramaturgische Leere damit erklären, dass „Herz König“ die Vorgeschichte und Nachgeschichte zu Kings früherem Roman „Writers & Lovers“ erzählt, das neue Buch ist zwar eigenständig, ihm fehlt es aber am emotionalen Bindungsaufbau zu Figuren, die aus seinem Vorgänger bekannt sind. Auch die älter gewordene Casey selbst, Mutter eines krebskranken Kindes, verliert an Zugänglichkeit, trifft Entscheidungen, die befremden.
Seine größte Stärke entfaltet „Herz König“ dort, wo es von der Komplexität der Liebe im Strom der Zeit erzählt. Darin erinnert Lily Kings Roman an „Just Kids“ von Patti Smith, vor allem in der Darstellung von Bindungen, deren Intensität das Ende einer Liebesbeziehung überdauert. Einmal reden die drei am College über eine Erzählung, die sie gerade gelesen haben, „die Geschichte ist ein langer, liebevoller Abschied von der Jugend“, so beschreibt Casey sie.
Genau das könnte man auch über „Herz König“ sagen. Umso bedauerlicher, dass man den Bezug zu den Figuren verliert, so bewegend deren Geschichte auch bleibt. „Herz König“ ist ein schmerzhaft schöner Roman, dem in den letzten Zügen die Trümpfe ausgehen.
Lily King, „Herz König“. Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné. C.H. Beck, 222 Seiten, 24 Euro
