Es fällt fast ein bisschen schwer zu glauben: Der Supreme Court, das mächtige Oberste Gericht der Vereinigten Staaten, begann als Schwächling. In den ersten Jahren, nachdem ihn das Justizgesetz von 1789 geschaffen hatte, spielten die Entscheidungen der damals noch sechs Richter eine untergeordnete Rolle. Wer den Einfluss des Gerichts auf die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft verstehen möchte, fängt besser mit dem vierten Obersten Richter an: mit John Marshall.
Im Februar 1801 übernahm Marshall den Vorsitz und behielt ihn bis zu seinem Tod im Juli 1835. Damit war er der am längsten amtierende Chief Justice in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Er soll, so heißt es, seine schlichte schwarze Richterrobe zum Standard gemacht haben. Vor allem baute er den Supreme Court zu einer Institution aus, die in der Lage war, dem Präsidenten und dem Kongress rechtliche Grenzen zu setzen. Die Macht des Obersten Gerichts wuchs erst nach und nach durch konkrete Rechtsprechung – anders als dies etwa beim deutschen Bundesverfassungsgericht der Fall war, das 1951 bereits mit dem Anspruch gegründet worden war, demokratische Macht wirksam zu begrenzen.
