Bei den Grünen gab es diese Woche Knatsch. Es ging um ein Herzensthema der Partei, den Feminismus, und der Anlass war ein Artikel im „Spiegel“. Das Magazin hatte über ein Papier von 15 Grünen-Politikern berichtet, Titel: „Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit“. Als Einladung empfanden das viele Parteifreunde tatsächlich – aber eher als eine zum Streit.
Die zentrale These des Papiers lautet, dass der Feminismus in seinem „notwendigen Kampf“ definiert habe, was Männer nicht sein sollten: „nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend“. Darüber habe er aber vergessen, ein Angebot zu machen, was Männlichkeit stattdessen sein könne. „Wir haben ein Vakuum geschaffen, und in dieses Vakuum strömen jetzt die alten Bilder zurück“, schreiben die Autoren und kommen dann auf die sogenannte Manosphere zu sprechen, jenen Raum im Internet, wo Influencer, aber auch AfD-Politiker Machismus und Misogynie predigen: „Andrew Tate und seine Nachahmer füllen die Leerstelle mit genau dem Gift, das wir überwinden wollten.“
Trägt also der Feminismus und tragen somit auch die Grünen eine Mitschuld am Erfolg solcher Kräfte bei jungen Männern? Nicht wenige andere Grüne lesen die Zeilen ihrer Parteifreunde und -freundinnen so, was schon Grund genug für Streit wäre. Aber zu den inhaltlichen Differenzen kommen auch noch Fragen der Ästhetik. Der „Spiegel“ hat nämlich nicht einfach nur über den Inhalt des Papiers berichtet, das zu diesem Zeitpunkt kaum einer kannte. Es zeigten in dem Artikel auch ein paar grüne Männer ihre Männlichkeit.
Grüne beim Boxtraining und beim Hanteltraining
Der Reporter des Magazins begleitete unter anderem Julian Joswig ins Fitnessstudio, auch ein Fotograf war mit dabei. Joswig ist ein junger Abgeordneter, der seit vergangenem Jahr im Bundestag sitzt und eigentlich mit Wirtschaftsthemen befasst ist. Er ist einer der Initiatoren des Papiers, am Ende wurde es auf seiner Homepage veröffentlicht. Während er Gewichte stemmte, erzählte Joswig dem Reporter, dass er als Jugendlicher pummelig und unglücklich gewesen sei und dass ihn der Muskelaufbau selbstbewusst gemacht habe.
Auch Anton Hofreiter kam zu Wort. Der Parteilinke, der für seine gedankliche Selbständigkeit bekannt ist, ließ sich zum Boxtraining begleiten. Zwischen ein paar Schlägen sagte er, es sei auch die Schuld eines linken „Beschämungsdiskurses“, dass viele Männer sich von rechten Erzählungen angezogen fühlten: „Im progressiven Lager wird Männlichkeit automatisch mit dem Begriff toxisch verbunden. Männer werden pauschal für das, was sie sind, abgelehnt und nicht für das, was sie sagen oder tun.“

Grüne Politiker sprechen also über moderne Männlichkeit und inszenieren das mit eher traditionellen Bildern von Männlichkeit. Parteifreunde, mit denen die F.A.S. sprach, finden das „nicht glücklich“, „nicht hilfreich“, „klischeehaft“, „peinlich“. Und wer die Partei ein wenig kennt, den verwundert nicht, dass der Versuch, im Kulturkampf gegen rechts aufzurüsten, zum innergrünen Kulturkampf geriet.
Einen Vorgeschmack darauf, wie umstritten ihre Botschaft im eigenen Milieu ist, konnten die Autoren des Männerpapiers schon bekommen, als Joswig den Artikel auf seiner Instagram-Seite postete. In der Kommentarspalte gab es auch viel zustimmende Worte und Emojis, die applaudierende Hände und angespannte Bizepse zeigen. In einem Beitrag, der besonders viele Herzchen bekam, hieß es aber: „Das ist einfach nur Anbiedern an rechte Talking Points und komplett durchzogen von patriarchaler Logik.“
Die Grünen selbst, von der Parteijugend einmal abgesehen, hielten die kommunikative Disziplin erst einmal aufrecht. Öffentlich verlautete keine Kritik, aber der Ärger war bei vielen groß. „Ich hatte den Eindruck, dass hier eher Aufmerksamkeit gesucht wurde als eine belastbare Debatte“, sagt eine Bundestagsabgeordnete.
In der Fraktionssitzung brach sich der Ärger Bahn
Für Irritation sorgten nicht nur der Inhalt des Papiers und die mediale Inszenierung, es ging auch darum, von wem und auf welchem Weg der Vorstoß kam. In der Fraktion gibt es Fachsprecher für das Thema, es läuft ein Prozess, um zu klären, wie man einerseits verstärkt junge Männer ansprechen kann, ohne andererseits an Glaubwürdigkeit als Partei der Gleichstellung zu verlieren. Der Männertext wurde da als Querschuss empfunden, zumal die Autoren inhaltlich nicht zuständig sind. Das halte sie für „keinen guten Stil“, sagt die Abgeordnete.
Am Dienstag brach sich der Ärger dann in der Sitzung der Bundestagsfraktion Bahn. Die Abgeordneten waren zur letzten Plenarwoche vor der Sommerpause nach Berlin gereist, es standen wichtige Themen an, die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung und eine Regierungserklärung. In der Aussprache vor der eigentlichen Tagesordnung wollten viele Abgeordnete aber erst mal über das Männerpapier reden. Teilnehmer berichten von einer hitzigen Debatte.
Die kritischen Stimmen waren dabei deutlich in der Überzahl, wie es übereinstimmend heißt. Es meldeten sich Fachpolitiker, die sich seit Jahren mit der Materie befassen und mit dem Werk ihrer Parteifreunde nicht einverstanden sind. Auch Abgeordnete, in deren Landesverbänden Wahlen anstehen, ergriffen das Wort und bezeichneten es als nicht hilfreich, wenn angesichts der drängenden Probleme im Land über solche Fragen diskutiert wird.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Nun sind die Führungen von Partei und Fraktion darum bemüht, die Sache vor den anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin wieder einzufangen – und das offenbar mit Erfolg. Wer mit Grünen über den Text ihrer Parteifreunde reden wollte, hörte in dieser Woche auffallend häufig, dass man sich dazu lieber nicht äußern möchte.
Auch die Unterzeichner des Papiers sind plötzlich schmallippig. Manche verweisen auf ihren vollen Terminkalender, der ein Gespräch unmöglich mache. Andere nehmen sich gerne die Zeit für ein Telefonat, möchten aber nicht, dass daraus zitiert wird. Mit einer Spur toxischer Männlichkeit könnte man sagen: Erst provozieren sie, und dann kneifen sie.
Die Unterzeichner des Papiers sind eine recht bunte Truppe. Elf Männer und vier Frauen haben ihren Namen unter den Text gesetzt, darunter Parteichefin Franziska Brantner und ihre Vorgängerin Ricarda Lang. Daneben finden sich Bundes-, Landes- und Europaabgeordnete, einfache Mitglieder und auch ein paar Grüne aus Österreich. Eine zentrale Rolle bei der Koordination und der Textarbeit spielten neben Julian Joswig auch Tim Achtermeyer und Rasmus Andresen, der eine ist Parteichef und Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, der andere sitzt im Europaparlament.
Ärger über Hofreiter
Die Frage, wer eigentlich was gemacht hat, ist aber längst zum Teil des Rückzugsgefechts geworden, das die Unterzeichner jetzt führen. Während manche darauf verweisen, dass ihr Beitrag zum Papier nur in einer Unterschrift bestanden habe und man lieber mit anderen reden solle, ist Beteiligten mit mehr Verantwortung der Hinweis darauf wichtig, dass es sich schon um ein Gemeinschaftswerk handele.
Eine andere Form der Verteidigung ist die Medienkritik. Die Überschrift, die der „Spiegel“ der Onlinefassung seines Artikels gab – „Grüne Männer boxen, pumpen und entdecken den ‚Playboy‘“ –, sei schon arg zugespitzt gewesen. Außerdem habe der Auftritt Anton Hofreiters der Sache nicht gedient. Der hat mit dem Papier nichts zu tun, trug im Artikel aber die besonders kontroversen Zitate bei.
Auch wenn das manche in der Partei jetzt versuchen: So einfach lässt sich die Angelegenheit nicht als ungeschicktes Manöver von Querköpfen und Hinterbänklern abtun, schon weil beide Parteichefs eine Rolle in der Sache spielen. Brantner hat das Papier unterschrieben und muss sich wie die anderen jetzt fragen lassen, weshalb. Ihr Ko-Vorsitzender Felix Banaszak hat nicht unterschrieben, weil er den Text nicht gänzlich teilte, kam aber im „Spiegel“-Artikel zu Wort. Unter anderem ließ er sich mit dem Satz zitieren, dass es ein Problem sei, „wenn Linke pauschal ausstrahlen: Als Mann bist du das Problem und bleibst es auch.“

Wie zu hören ist, sind nun weder Brantner noch Banaszak zufrieden damit, auf welche Art das Papier das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat. Aber im Kern passt der Text zu ihrem Anspruch, aus der grünen Blase ausbrechen zu wollen. Die Debatte über das Männerbild der Partei hat Banaszak sogar selbst eröffnet, als er dem „Playboy“ im Februar ein Interview gab und sagte: „Du kannst im Fitnessstudio pumpen gehen oder dir die Fingernägel lackieren. Vor mir aus geh mit lackierten Fingernägeln pumpen. Du kannst Lastenrad fahren oder BMW X3. Alles fein, der zentrale Punkt ist: Sei kein Arschloch!“
Für den Ansatz erfährt der Parteichef durchaus Unterstützung. Bei den Grünen hört man deshalb jetzt auch die Befürchtung, dass im Streit über Inszenierung, Formulierung und Verfahrensfragen das Problem aus dem Blick gerät, um das es Banaszak am Ende genauso geht wie den Unterzeichnern des Papiers: dass junge Männer immer häufiger die AfD wählen, dass das etwas mit ihren Vorstellungen von Geschlechterrollen zu tun hat und dass die Partei schon aus eigenem Interesse eine Antwort darauf finden sollte.
Ein Fachmann, der sich intensiv mit dem Phänomen beschäftigt, ist Markus Theunert. Der Schweizer Männerpsychologe wird gerne von deutschen Politikern um Rat gefragt, von konservativen genauso wie von linken. Auch bei den Grünen war er neulich zu Gast, die Abgeordneten Sven Lehmann und Till Steffen – beides keine Unterzeichner des Männerpapiers – luden ihn zu einem Fachgespräch in die Bundestagsfraktion ein.
Sie glauben, Frauen sagen zu dürfen, wo es langgeht
Gegenüber der F.A.S. berichtet Theunert von einer aktuellen Umfrage der Universität Zürich unter jungen Männern in der Schweiz. Jeder zweite Befragte sagt darin, es besorge ihn, „dass richtige Männer immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden“. In älteren Daten für Deutschland liegt der Wert um die dreißig Prozent. Theunert erklärt die Kluft aber weniger mit den Unterschieden von jungen Männern in der Schweiz und in Deutschland, denn die hält er nicht für so groß. Vielmehr liege der Anstieg an „drei weiteren Jahren Manosphere, Trump und AfD, die ihre Spuren hinterlassen haben dürften“.
Es sei kein Backlash, sondern eine Polarisierung, die sich unter jungen Männern vollziehe, sagt Theunert: „Dabei sind immer mehr von ihnen in der Rückwärtsbewegung und suchen Zuflucht in alten Vorstellungen von Männlichkeit.“ Teile dieser „restriktiv-dominanten Männlichkeitsvorstellungen“, wie die aktuelle Forschung sie nennt, seien der Überzeugung, „dass Männer Frauen sagen können, wo es langgeht, und das im Zweifel auch mit Gewalt durchsetzen dürfen“. Für den Psychologen ist deshalb klar: „Junge Männer brauchen eine identitätsstiftende Alternative zu dem, was in der Manosphere angeboten wird, Leitbilder für gewaltfreie Selbstbehauptung.“
Das klingt ziemlich genau nach dem Männerpapier der Grünen. Was dort zu lesen ist, findet Theunert deshalb auch gut. Das Problem ist für ihn allerdings das, was nicht im Text steht. „Dem Ansatz mangelt es an geschlechtertheoretischer Tiefenschärfe“, sagt der Psychologe. „Er unterschlägt, wie grundlegend patriarchale Strukturen in unsere Gesellschaft eingebrannt sind und dass echte Gleichstellung nicht allein dadurch erreicht wird, dass Männer jetzt anfangen, gute Kerle zu sein.“
Am Ende findet sich doch noch eine Verteidigerin
Theoriearmut – das ist ein Vorwurf, den jetzt auch Grüne ihren Parteifreunden machen. „Mir fehlt an vielen Stellen die fachliche Tiefe“, sagt eine Abgeordnete. Eben weil die Entwicklung so ernst sei, wäre es aber wichtig gewesen, „das Thema nicht zur Bühne für persönliche Profilierung und Selbstinszenierung zu machen“.
Die Unterzeichner des Männerpapiers haben zu den Vorhalten, die ihnen nun gemacht werden, viel zu sagen. Und am Ende findet sich doch noch jemand, der sich damit auch zitieren lässt, sogar mit Namen: Jeanne Dillschneider. Beim Verfassen des Papiers hat die junge Bundestagsabgeordnete keine Rolle gespielt, sie hat nur ihren Namen beigesteuert. Aber verteidigen will sie es trotzdem.

Zum Vorwurf der peinlichen Inszenierung sagt Dillschneider: „Um Klischees aufzubrechen, kann man auch mal mit ihnen spielen und sie bewusst überzeichnen.“ Und dem Vorwurf der Feminismuskritik entgegnet sie: „Ich bin zu einhundert Prozent Feministin, und es geht mir auch überhaupt nicht darum, dass der Feminismus sich jetzt irgendwie verbiegen oder braver werden muss.“ Die Verteidigungs- und Digitalpolitikerin begreift den Text – Vorwurf Theoriearmut – in erster Linie ohnehin als einen Denkanstoß dazu, wie man junge Männer erreichen kann. „Es ist kein Gegenentwurf zum Feminismus, sondern zur Manosphere.“
Dillschneider versucht selbst, mit Leuten über Gleichstellung ins Gespräch zu kommen. In ihrem Wahlkreis im Saarland unterhält sie einen feministischen Buchklub. Der sei sehr erfolgreich, sagt sie, aber es kämen – mit bisher einer Ausnahme – nur Frauen. Dillschneider glaubt: Um junge Männer zu erreichen, die sich bislang nicht mit Fragen der Gleichstellung befasst haben, brauche es niedrigschwellige Ansprache und man müsse dorthin gehen, wo sie sich aufhielten. „Wenn sich einer für Fitnessvideos interessiert und am Ende nicht in der Manosphere landet, sondern bei coolen Leuten, dann wäre das super.“
Wie anderen Unterzeichnern ist Dillschneider der Hinweis darauf wichtig, dass es auch viele positive Reaktionen auf das Papier gab. Und über die Kritik aus der eigenen Partei sagt sie: „Wenn man einen Debattenbeitrag bringt, dann muss man auch mit der Debatte klarkommen.“
