
Ob Skywalk, Aussichtsplattform oder Stadtbalkon: Der neu geschaffene Turm am Bahnhof Römisches Theater, der sich bei genauerem Hinsehen als gläserner Aufzugsschacht entpuppt, hat das Zeug dazu, viele Neugierige anzuziehen. Allzumal, wenn sie sich als Touristen und Fotobegeisterte für die Geschichte der mehr als 2000 Jahre alten Römerstadt Mainz interessieren. Von dort oben erhält der Betrachter bislang unbekannte Einblicke in die Antike – genauer gesagt in die teils bereits konservierten Überreste des einst wohl größten römischen Bühnentheaters nördlich der Alpen. Es dürfte in Mogontiacum seit dem ersten Jahrhundert nach Christus zunächst als Holzkonstruktion, später als Steinbau vermutlich bis zu 15.000 Menschen Platz geboten haben.
Der in den vergangenen drei Jahren für mehr als drei Millionen Euro gebaute neue Zugang zum tiefer liegenden Bahnhof soll vor allem Rollstuhlfahrern und Menschen mit Gehbehinderung, aber auch Reisenden mit Koffern oder Kinderwagen einen barrierefreien Weg von der Oberstadt zu den Gleisen ermöglichen. Bislang war das nur über den Umweg durch den Haupteingang an der Holzhofstraße möglich, weil von der Salvatorstraße aus lediglich eine schmale, steile und nahezu halsbrecherische Treppe hinabführte.
Deutsche Bahn war nicht an dem Bauvorhaben beteiligt
Neben dem zwölf Meter hohen Glasaufzug gehört auch eine vergleichsweise breite und gut gesicherte Treppenanlage zu dem neuen Angebot für alle, die künftig einen der insgesamt vier Bahnsteige des Römischen Theaters erreichen oder dort aussteigen wollen. Der 1884 eröffnete Haltepunkt, der zunächst Mainz-Neuthor und bis 2006 Mainz-Süd hieß, ist schon deshalb einzigartig, weil die Züge hier durch historisch bedeutsames Gebiet fahren – nämlich durch eine, wenn auch inzwischen stark ramponierte, antike Kultureinrichtung. Für deren Erhalt die Stadt übrigens jährlich etwa 150.000 Euro zur Verfügung stellt.
Weil es an dieser Stelle in Mainz heute vor allem um Mobilität geht, sollen an der Salvatorstraße und am Zitadellenweg noch weitere Fahrradabstellplätze entstehen. So können etwa Pendler auf dem Weg von und nach Frankfurt den Knotenpunkt besser nutzen. Die drei Jahre dauernden Bauarbeiten für das schon vor fast zehn Jahren beschlossene Projekt erklärte Mobilitätsdezernentin Janina Steinkrüger (Die Grünen) am Donnerstag bei der Freigabe des Aufzugs einerseits mit Schwierigkeiten bei den notwendigen Ausschreibungen. Andererseits aber mit den Folgen von Kriegen und Krisen auf der ganzen Welt, die nicht nur auf Mainzer Baustellen zu Verzögerungen und Kostensteigerungen geführt hätten. Manches dauere eben länger, entscheidend sei aber das Ergebnis.
Im konkreten Fall habe man die gesamte Anlage, die von der Gebäudewirtschaft Mainz rund um die Uhr betreut und bei Bedarf gewartet werde, auf städtischem Gelände und auf eigene Kosten realisiert, sagte Steinkrüger. Die Deutsche Bahn (DB) AG sei, wenngleich direkter Anlieger und Nutznießer, an dem Bauvorhaben nicht beteiligt gewesen, bestätigte ein Sprecher des Transport- und Logistikunternehmens. Anderswo, aktuell etwa am Bahnhof von Mainz-Bischofsheim auf der anderen Rheinseite, lasse die DB Infrago dagegen gerade selbst Aufzüge austauschen, die aufgrund ihres hohen Alters nicht mehr zumutbar gewesen seien.
Einige Aufzüge an heißen Sommertagen gesperrt
Zuletzt hatten Berichte aus der Pfalz aufhorchen lassen: Dort waren Aufzüge an kleinen und abgelegenen Stationen an sehr heißen Sommertagen von der Bahn vorsorglich gesperrt worden, um sowohl die Anlagen als auch die Reisenden bei extremen Wetterlagen zu schützen. Das geschehe, wie auf Anfrage mitgeteilt wurde, „bei Überschreitung vorab definierter Temperaturschwellenwerte“, in der Regel bei mehr als 40 Grad Celsius, automatisch oder in begründeten Ausnahmefällen auch per konkreter Anordnung.
So soll laut Bahn erreicht werden, dass es erst gar nicht zu Notfällen komme. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass Menschen, falls die Technik doch einmal streiken sollte, in den Glaskabinen womöglich bei hohen Temperaturen und über längere Zeit hinweg eingeschlossen wären – bis von irgendwoher Hilfe käme.
In Mainz, wo es wohl ein Dutzend frei zugängliche Aufzüge im öffentlichen Raum geben dürfte, etwa am Brückenturm und an der Saarstraße, hat man nach Einschätzungen von Axel Strobach, dem Leiter des Stadtplanungsamts, bisher keine oder kaum negativen Erfahrungen mit dieser Art der Personenbeförderung gemacht. Wenn überhaupt, dann seien ab und an Verschmutzungen und Vandalismus zu beklagen. Dafür seien aber nur die Nutzer und nicht die hohen Temperaturen verantwortlich.
