Die Vereinigten Staaten und Israel haben den iranischen Führer Ali Khamenei am ersten Kriegstag im Februar in der Hoffnung getötet, dass mit ihm das ganze System der Islamischen Republik zusammenbrechen könnte. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt. Stattdessen konnte die neue Führung Khameneis gewaltsamen Tod nutzen, um ihre eingestaubte islamistische Märtyrerideologie mit neuem Leben zu füllen.
Sechs Tage lang hat die Führung die Trauerfeiern als Bühne genutzt, um ihr gestärktes Selbstbewusstsein zur Schau zu stellen. Zwar sollte man sich von den wirkmächtigen Bildern der orchestrierten Massenaufläufe nicht täuschen lassen. Eine klare Mehrheit der Iraner lehnt das repressive Regime nach wie vor ab. Sie haben nicht vergessen, dass im Januar Tausende Demonstranten kaltblütig erschossen wurden.
Ein Sturz des Regimes scheint unwahrscheinlich
Aber die Beerdigungszeremonien zeigen eben auch, dass die iranische Führung in der Lage ist, eine signifikante Minderheit der Bevölkerung zu mobilisieren. Sei es durch Indoktrination und religiöse Symbolik, sei es mit dem Versprechen, ihre Anhänger an den kleiner werdenden Fleischtöpfen zu beteiligen. Ein Sturz des Regimes scheint heute noch unwahrscheinlicher als im Januar. Die herrschende Revolutionsgarde fühlt sich gestärkt, weil sie zwei übermächtigen Gegnern die Stirn geboten hat. Und weil sie gezeigt hat, dass sie in der Straße von Hormus die Weltwirtschaft nach Belieben unter Druck setzen kann.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ob es den Generälen gelingt, diese strategischen Erfolge in eine für sie vorteilhafte Nachkriegsordnung zu übertragen, ist aber fraglich. Das Land liegt wirtschaftlich am Boden. Hunderttausende Iraner haben ihre Arbeit verloren. Die Mittelschicht versinkt in Armut. Die Vereinigten Staaten haben Teheran wirtschaftliche Anreize in Aussicht gestellt, wenn sie die Straße von Hormus ohne Einschränkung öffnen und sich auf ein Atomabkommen einlassen.
Doch Teheran misstraut Donald Trump zutiefst, was nicht verwundert. Schließlich war er es, der 2018 das unter Barack Obama ausgehandelte Atomabkommen gekippt hat. Das Memorandum, das beide Seiten erst im Juni unterzeichnet haben, hat der amerikanische Präsident gerade für beendet erklärt. Die vermeintliche Lösung für die Straße von Hormus, die die Vereinbarung versprach, bestand darin, die gegensätzlichen Positionen durch vage Formulierungen zu übertünchen. Eine (gebühren)freie Durchfahrt für Handelsschiffe scheint nach wie vor in weiter Ferne. Eine Einigung im Atomstreit sowieso.
Für Trump gibt es in diesem Konflikt nicht mehr viel zu gewinnen, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass er zu einem Krieg zurückkehrt. Aber er dürfte den militärischen und wirtschaftlichen Druck aufrechterhalten. Teheran wird das mit Schikanen in der Straße von Hormus und Aggressionen am Golf beantworten. Die ganze Region steckt in einer Sackgasse.
Oft heißt es, Iran sei ein Meister darin, Verhandlungen in die Länge zu ziehen, um den Gegner mürbe zu machen. Doch man fragt sich, welchen Nutzen das Land davon hat. Der Krieg ist vorbei, aber einen Frieden gibt es nicht. Das Regime ist so fragil, dass der Oberste Führer, sofern er noch lebt, nicht einmal der Beerdigung seines Vaters beiwohnen kann. In ihrem Siegestaumel haben die Generäle womöglich ihr Blatt überreizt. Auch ihre Anhänger werden irgendwann fragen, warum sie ärmer sind als vor dem Krieg.
