Die zwei großen Kino-Überraschungen des bisherigen Jahres kommen von zwei jungen Männern, die noch vor Kurzem Youtube-Videos in ihren Zimmern produzierten. Kane Parsons, gerade 21 geworden, drehte für das Independent-Studio A24 den Horrorfilm „Backrooms“, der bei Kosten von rund zehn Millionen Dollar weltweit rund 350 Millionen einspielte. Curry Barker, 26, bislang bekannt für Sketch-Comedy auf seinem Youtube-Kanal „that’s a bad idea“, kommt mit „Obsession“ sogar auf 400 Millionen Dollar an den Kinokassen, bei einem Budget von nur 750.000 Dollar.
Kein Kinofilm mit weniger als einer Million Produktionskosten hat je mehr Geld eingenommen und das keine zwei Monate nach dem US-Start. Beide Regisseure geben ihr Spielfilmdebüt nach Jahren als Webvideoproduzenten, beide arbeiten mit weitgehend unbekannten Gesichtern und kleinen Budgets und bedienen sich offen der Horror-Folklore des Internets.

Diese Folklore trägt einen eigenen Namen: Creepypasta. Ein Wort, das sich aus zwei Bausteinen zusammensetzt: „creepy“, also gruselig, und „Copypasta“, was im Netzjargon Texte bezeichnet, die kopiert, eingefügt und weitergereicht werden, bis niemand mehr weiß, wer sie geschrieben hat. Es geht um Gruselgeschichten, die seit Jahren durch Internetforen weitergetragen werden, und jeder, der sie aufnimmt, darf sie ausbauen und verändern. Das Wort Lore bezeichnet darin die Hintergrundgeschichte einer fiktiven Welt.
Tausende Nutzer schaffen gemeinsam fiktive Universen
Die „Backrooms“-Lore zeigt, was dabei über Jahre wachsen kann. Aus einem anonymen Forenbeitrag auf 4chan von 2019 formten über die Jahre immer mehr Nutzer auf Reddit, Youtube und in eigens gegründeten Wikis ein eigenes Weltensystem. Der gelbe Teppichraum des Ursprungsbildes avancierte zum „Level 0“. Hinter der gelben Tapete liegen allerdings noch Hunderte weiterer Ebenen, die Tausende Nutzer über Jahre entwickelten, jede mit eigener Architektur, eigenem Gefahrengrad und eigenen Überlebensregeln, dazu ein ganzes Bestiarium an Kreaturen und sogar Fraktionen von Menschen, die in dieser Parallelwelt gestrandet sind.
Der „Backrooms“-Regisseur Parsons entwickelte selbst erst ab 2022 Youtube-Videos zur Lore über ein fiktives Forschungsinstitut, das die Räume in den Neunzigerjahren erkundet. Erfunden hat er die Backrooms mitnichten. Sein Kinofilm verlässt zudem das ikonische Ausgangsterrain auf Level 0 kaum. Verfilmt ist damit bislang nur ein winziger Anteil des Horroruniversums. Zu den populärsten Auswüchsen zählen die gefluteten Poolrooms, endlose gekachelte Schwimmbadlandschaften ohne Fenster und Ausgang. Auf Youtube und Tiktok gibt es Tausende Videos, die sich an ihrer Visualisierung versuchen. Hier liegt ein Franchise-Reservoir, von dem etablierte Kinoreihen nur träumen können. Hinzu kommt, dass es keinen einzelnen Autor oder Rechteinhaber gibt, dem man sein Material teuer abkaufen müsste.
Was Hollywood daran gewinnt
Genau danach greift Hollywood gerade. Seit dieser Woche steht fest, dass die Found-Footage-Reihe „V/H/S“ ihre neunte Folge der SCP Foundation widmet, als Anthologie aus vorgeblich geborgenem Videomaterial der Organisation, Kinostart 2027. Am 25. Dezember läuft „The Pools“ an, das die Poolrooms auf die Leinwand holt. Und Warner Bros. setzte sich in einem Bieterwettstreit gegen vier weitere Studios um „Siren Head“ durch, das vielleicht anschaulichste Beispiel dafür, was das Netz aus einer einzigen Zeichnung formen kann. Der kanadische Illustrator Trevor Henderson montierte 2018 einen ausgemergelten, rund zwölf Meter hohen Riesen mit zwei Sirenen als Kopf in reale Fotografien, ein Wesen, das sich zwischen Strommasten tarnt und seine Beute anlockt, indem es verzerrte Durchsagen, Stimmen und Geräusche nachahmt.
Fans entwickelten noch im selben Jahr erste (Gratis-)Videospiele dazu. Den Durchbruch brachte das Jahr 2020, als der Youtuber Markiplier die Figur auf seinem Kanal aufgriff und die größten Creator der Welt das Monster zum Gruselstar einer Generation machten. Nach Branchenschätzungen kommt die Figur inzwischen auf drei Milliarden Abrufe bei Tiktok, eine weitere Milliarde bei Youtube und millionenfache Spielrunden auf der Kinderplattform Roblox. Diese Zahlen erklären, warum fünf Studios um eine gezeichnete Kreatur boten. Tatsächlich sind es riesige Mythologiesammlungen, die ihr Millionenpublikum schon mitbringen.
Aber für Hollywood ist das Material noch aus einem anderen Grund attraktiv. Barker drehte „Obsession“ in wenigen Innenräumen, mit Freunden, die auf Gagen verzichteten. Parsons bekam von A24 als jüngster Regisseur der Studiogeschichte freie Hand. Diese Konstellation aus jungen Regisseuren, schlanken Produktionen und unverbrauchten Darstellern verschiebt die Risikologik der Branche.
Das Material steht unter einer Creative-Commons-Lizenz
Wie teuer die alte Logik geworden ist, zeigt der Blick ins Hollywood-Jahr 2025. Disneys „Snow White“ kostete laut Produktionsunterlagen über 330 Millionen Dollar und bescherte dem Studio rund 170 Millionen Verlust. „Tron: Ares“ verlor bei mehr als 200 Millionen Budget über 130 Millionen, und „Mission: Impossible – The Final Reckoning“ spielte gegen ein Budget von rund 400 Millionen Dollar nur knapp 600 Millionen ein. Zu wenig für einen Film dieser Größenordnung. Wer solche Summen in ein Sequel steckt, muss Kanten glatt schleifen, um den Markt zu bedienen. Wagen werden Produktionen dieser Größenordnung wenige – weil sie zu viel zu verlieren haben.
Wer hingegen nur 750.000 Dollar riskiert, kann einem Debütanten eine Idee durchgehen lassen, die als Pitch wenige überzeugt hätte. Diese Experimentierfreude fehlte Hollywood zuletzt. Spielpläne bestehen seit Jahren vor allem aus Remakes, Prequels und Fortsetzungen von Fortsetzungen, Hunderte Millionen schwer und entsprechend mutlos.
Ob die Communitys, die diese fiktiven Welten im Internet entwickelt haben und konstant weiterentwickeln, das Geschäft mittragen, ist allerdings fraglich. Denn die kollektiven Universen beruhen auf einem Ethos, das der Verwertungslogik der Studios entgegensteht. Sie sind zudem eine Form von Urheberschaft, für die Hollywood keinen Ansprechpartner kennt. Die Backrooms gehen auf einen bis heute anonymen Forennutzer zurück, A24 konnte deshalb nur Parsons’ eigene Interpretation erwerben.
Bei der SCP Foundation verteilt sich die Urheberschaft auf Tausende, und wer dort mitschreibt, schenkt seine Ideen auch juristisch der Allgemeinheit: Das gesamte Werk steht unter einer Creative-Commons-Lizenz, deren Zusatz „Share Alike“ verlangt, dass jedes abgeleitete Werk unter denselben freien Bedingungen erscheint. Ein exklusives Copyright lässt sich darauf nicht erheben, auch nicht durch eine Filmproduktion. Streng ausgelegt, dürfte also jeder einen kommenden SCP-Kinofilm legal kopieren und weiterverbreiten.
Diese Bedingungen sind kein Versehen, sondern der Kern des Projekts. Tausende Autoren haben über Jahre unbezahlt an Figuren und Mythen gefeilt, gerade weil niemand sie besitzen sollte. Wenn nun eine Produktionsfirma daraus ein Kinoprodukt mit Ticketpreis formt, kollidiert das mit dem Gründungsgedanken des Weiterreichens. Wie die „V/H/S“-Produzenten mit der Lizenz umgehen wollen, verraten die bisherigen Ankündigungen nicht. Sie täten gut daran, die kreativen Köpfe der Internetforen mehr als Miturheber denn ausschließlich als Fans zu behandeln.
