In sechs Stunden und 21 Minuten wird Luan schreien. Für ihn wird es plötzlich hell und kalt, viele Menschen werden sich über ihn beugen, ihn begrüßen, versuchen zu beruhigen. Alles nicht so schlimm, nur die große weite Welt. Doch noch ist es nicht so weit im Entbindungsraum 01.384 des Sana Klinikums Offenbach.
Es ist 6 Uhr morgens, und die Schicht für Roman Linares-Ebert beginnt. Er wird derjenige sein, der Luan als Erstes in den Händen hält. Für die Mutter ist es die erste Geburt, für Linares-Ebert die neunzehnte. Er ist Hebammenstudent an der Goethe-Universität Frankfurt – und damit einer von wenigen Männern, die diesen Weg wählen. Laut dem aktuellen Bericht des Statistischen Landesamts waren unter 318 Studierenden der Hebammenwissenschaft in Hessen im Jahr 2024 lediglich zwei Männer. Im selben Jahr arbeiteten zwei männliche Hebammen an hessischen Krankenhäusern – und 1055 weibliche.
Wäre das Leben von Linares-Ebert verfilmt worden, hätte mit dem Studium der Hebammenwissenschaft die fünfte Staffel begonnen. Nach seinem Fachabitur im Jahr 2012 ging er zur Bundeswehr und diente zwei Jahre auf der Gorch Fock, dem Segelschulschiff der Deutschen Marine. Anschließend begann er ein duales Studium zum Fitnesstrainer und schloss dieses nach drei Jahren ab. Doch irgendwie fühlte sich das alles noch nicht richtig für ihn an, wie er sagt. „Ich wusste damals nicht, wer ich bin und was ich will.“
„Ich wusste nicht, wer ich bin und was ich will“
Er ging in ein hinduistisches Ashram-Kloster in Nordrhein-Westfalen, ließ sich zum Yogalehrer, Entspannungskursleiter und Atemtherapeuten ausbilden. Eine sehr kurze Staffel, fast nur eine Episode, waren dann drei Semester Studium der Evangelischen Theologie. Nun, so sagt er, sei er angekommen. Angekommen in seinem Leben als „Hebammenstudent Roman“, das er zur einen Hälfte in den Hörsälen der Universität, zur anderen auf der Geburtsstation des Sana Klinikums verbringt. Er sagt: „Ich habe meine Berufung gefunden.“
Von den vergangenen Jahren ist mehr vom Yogalehrer als von dem Soldaten geblieben. Bevor Linares-Ebert eine Frage beantwortet, schaut er mit seinen blauen Augen in die Ferne, scheint in sich hineinzuhören. Er meditiere viel, sagt er. Der Gedanke, Hebamme zu werden, sei ihm das erste Mal 2018 gekommen. Bei einer Autofahrt, ganz plötzlich. Wie er darauf gekommen sei, könne er nicht sagen. Vielleicht, weil er so einen starken Kinderwunsch hatte – „schon seitdem ich denken kann“.

Doch der Gedanke, Hebamme zu werden, ging, und das Ashram-Kloster kam. Nach zwei Jahren Kloster, einem gescheiterten Versuch, sich als Fitnesstrainer selbständig zu machen und dem Theologiestudium fand er heraus, dass es mittlerweile ein duales Studium zur Hebamme gab, woraufhin er sich bewarb. Seine Familie sei nicht wirklich überrascht von seinem abermaligen Neubeginn gewesen. „Zur Bundeswehr zu gehen, war rebellischer.“
Zum Jahr 2020 wurden mit der Reform des Hebammengesetzes der bis dahin gültige Begriff für männliche Hebammen „Entbindungspfleger“ und die gleichnamige Ausbildung abgeschafft. Linares-Ebert schätzt den Begriff der Hebamme ohnehin sehr viel mehr. „Für mich ist der Hebammenberuf ein uralter, einer, den es schon immer gab und auch immer geben wird“, sagt er. Er habe etwas Archetypisches. Das Wort Hebamme stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet „Großmutter“. Es ist ein generisches Femininum, bei dem es heißen muss: Männer sind mitgemeint.
Auch in anderen Sprachen ist die Berufsbezeichnung meist eng verbunden mit dem weiblichen Geschlecht. Im Französischen wird eine Hebamme „Sage-femme“, eine „weise Frau“ genannt. Im Isländischen bedeutet das Wort für Hebamme „Ljósmóðir“ übersetzt „Lichtmutter“, im Finnischen „Handarbeiterin“ und im Arabischen „die Empfangende“.
„Nicht einverstanden mit der Räumungsklage?“
Das erste Neugeborene, das Linares-Ebert an einem Morgen im Mai gemeinsam mit seiner Kollegin Masoumeh empfängt, ist ein Mädchen. Geboren mithilfe eines Kaiserschnitts um 9.10 Uhr. „Nicht einverstanden mit der Räumungsklage?“ Mit diesen Worten empfängt ein Arzt das schreiende Kind. Masoumeh und Linares-Ebert nehmen unter einer Wärmelampe die U1, die erste Vorsorgeuntersuchung für Neugeborene, vor. Der Student zählt die Finger und Zehen, testet die Greifreflexe, wickelt das Kind in ein warmes Handtuch ein und zieht ihm ein hellblaues Mützchen auf.
Als er auf der Geburtsstation in Offenbach begann, fragten seine Kolleginnen die Frauen immer explizit, ob Linares-Ebert als Mann sie als Hebamme betreuen dürfe. Nach einer Weile bat er darum, nicht mehr auf diese Weise zu fragen. Stattdessen wolle er – wie auch seine Kommilitoninnen – vorgestellt werden: „Das ist Hebammenstudent Roman, er würde Sie begleiten.“ Wenn eine Frau – oder der Partner einer Frau – ihn dann ablehne, müsse er das akzeptieren. Das Wichtigste sei, dass die Gebärende sich wohlfühle. Es gebe manchmal Monate, in denen das gar nicht vorkomme, dass einer Frau das nicht recht sei, und dann wiederum Zeiten, in denen es ein- oder zweimal die Woche passiere.
„Ich fühle keinen Ärger, eher Frust“, sagt er über diese Momente. „Manchmal zweifle ich dann selbst an, ob ich hier als Mann richtig bin.“ Doch er denke dann an seine Kolleginnen, die ihn freundlich aufgenommen hätten, und an männliche Ärzte. „Ich muss mir erarbeiten, dass es okay ist, hier zu sein.“ Manchmal frage er sich selbst, ob er eine männliche Hebamme sein wolle oder einfach eine Hebamme. Oder ob er vielleicht eine ganz besondere Eigenschaft für den Beruf mitbringe, die ihn zu einer guten Hebamme mache, gerade weil er ein Mann sei. Eine Antwort darauf habe er noch nicht gefunden.

Um 10.58 Uhr sagt die Mutter von Luan in Entbindungsraum 01.384 das erste Mal, dass sie nicht mehr könne. Seit 20 Uhr am Vorabend liegt sie auf der Geburtsstation. „Sie machen das gut“, entgegnet Linares-Ebert ruhig. „Konzentrieren Sie sich auf Ihren Atem.“ Hebamme Sophia, die Linares-Ebert an diesem Tag als Praxisanleiterin unterstützt, kommt hinzu. Um 11.02 Uhr tönen Schreie aus dem Entbindungsraum, dann lautes Atmen, ein Stöhnen. Um 11.53 sagt Sophia: „Es ist Endspurt!“
„Es ist ein so kraftvoller Akt“, sagt Linares-Ebert über die Geburt. Immer wieder beeindrucke ihn der Moment, in dem aus den Schmerzen Erleichterung werde und sich die Paare zu Eltern „transformieren“. Für ihn sei die Tätigkeit als Hebamme etwas „Sinnstiftendes“. Das habe er bei seinen vorherigen beruflichen Stationen nicht gefühlt.
„Ich darf jetzt nicht umkippen“
Als Linares-Ebert sich für das Studium bewarb, hatte er noch nie eine Geburt erlebt. Während der Bewerbung am Sana Klinikum sollte er dann eine Woche hospitieren. Bei seinem ersten Kaiserschnitt sagte er sich in Gedanken immer wieder: „Ich darf jetzt nicht umkippen.“ Er versuchte, auf seine Atmung zu achten, und nahm sich ganz bewusst vor: „Ich will das sehen und mich nicht verschließen.“ Nach seiner Hospitanz wusste er, dass dieser Beruf der Richtige für ihn war.
Stefanie Niebauer, Bereichsleiterin des Perinatalzentrums und Kreißsaals, berichtet, dass sich inzwischen mehr Männer für das Studium bewürben. In diesem Jahr habe sie 20 Bewerbungsgespräche geführt, darunter mit zwei Männern. Aus den Zahlen des Deutschen Hebammenverbands geht ebenfalls ein leichter Anstieg hervor. Während 2016 noch vier Männer im Verband registriert waren, sind es aktuell zehn; hinzu kommen sieben männliche Hebammenstudenten. Bei 22.000 Mitgliedern insgesamt sind das weniger als 0,1 Prozent – Männer machen damit immer noch nur einen verschwindend geringen Anteil aus.

In anderen Ländern sind die Zahlen ähnlich. Laut einer Studie aus dem Jahr 2019 zu dem Männeranteil unter Hebammen lag dieser in 50 der 77 untersuchten Länder bei unter einem Prozent. In Brunei und Kambodscha ist Männern der Beruf untersagt. In China und Gambia muss bei der Untersuchung einer Schwangeren durch eine männliche Hebamme eine Frau anwesend sein.
Um 12.07 Uhr werden die aufmunternden Zusprüche von Hebamme Sophia und ihrem Kollegen Linares-Ebert dringlicher. „Mehr, mehr, mehr“, ruft Sophia. 12.11 Uhr, Linares-Ebert und Sophia im Wechsel und manchmal gleichzeitig: „Genau, gib Gas!“ – „Weiterschieben!“ – „Luft holen und Vollgas!“ – „Sehr gut, mit Power, mit richtig Kraft!“ – „Luft holen, gleich weiter!“ – „Noch ein Stück!“ – „Weiter, weiter, weiter!“ – „Sehr schön, noch, noch, noch …“
Um 12.20 Uhr ruft die Mutter ein letztes Mal: „Es tut weh!“ Dann, um 12.21, weint und lacht sie. Luan beginnt zu schreien. Linares-Ebert hält das Kind, einen Jungen, in den Händen. 3350 Gramm, 51 Zentimeter, alle Finger und Zehen da. Der Kopf noch bläulich und etwas länglich verformt, die Augen geschlossen.
Linares-Ebert sei als Hebamme empathisch und wertschätzend, sagt seine Kollegin Sophia über ihn. Das Wichtigste sei, dass sich die Schwangeren ernst genommen fühlten – egal ob von einem Mann oder einer Frau. Ob jemand schon selbst ein Kind zur Welt gebracht habe, sei egal. „Ein Hirnchirurg muss auch keinen Tumor gehabt haben.“
Linares-Ebert kann sich gut vorstellen, nach seinem Abschluss in zwei Jahren als Hebamme im Krankenhaus zu arbeiten. Vielleicht werde er auch einmal selbst Geburtsvorbereitungskurse anbieten. Seine Ausbildung zum Atemtherapeuten könne ihm da helfen. „Möglicherweise schließt sich rückwirkend ein Kreis“, sagt er.
Wenige Monate nach Beginn seines Studiums, im März 2025, wurden Linares-Eberts Zwillingstöchter geboren. Sein lang gehegter Kinderwunsch erfüllte sich – genauso wie die Hoffnung, eine Antwort auf die Frage zu finden, wer er eigentlich sei. Für den Moment heißt die Antwort: „Hebammenstudent Roman“.
